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Kultur Sempé-Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum
Nachrichten Kultur Sempé-Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum
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06:16 11.06.2012
Von Imre Grimm
Sempés Bilder sind bis zum 23. September im Wilhelm-Busch-Museum Hannover zu sehen. Quelle: Martin Steiner
Hannover

Zwei Herren nachts im Schwimmbad, düstere Bäume um sie herum. Beide sitzen auf grünen Klapp­stühlen, zwei Kaffeetassen stehen auf dem Boden, das Wasser schillert grünlich gelb. Sie spielen Posaune, versunken, konzentriert, ganz selbstverständlich. Wo sonst könnte man besser Posaune spielen, fragt dieses Bild, als nachts am Schwimmbecken, wenn der Mond scheint?

Jean-Jacques Sempé ist der Mann fürs Feine. Das Leben ist eine einzige Überforderung für seine zerbrechlichen Helden, diese stummen Männer mit ihren Aktentaschen, die raufenden Kinder, die Muttis mit den Lockenwicklern, die zarten Musiker mit ihren riesigen Kontrabässen, hineingetupft in eine bombastische Kulisse aus Beton oder wilder Natur. Kleine Leute mit großen Nasen.

Die Idylle im Monströsen ist Sempés Thema, der winzige Lichtfleck inmitten von düsteren New Yorker Häuserschluchten, deren tausend Fenster leuchten wie ein Sternenhimmel. „Mensch zu sein erfordert enorm viel Tapferkeit“, hat Sempé in einem seiner seltenen Interviews mal gesagt. „Man wird notwendigerweise melancholisch, weil die Zeit vergeht und weil die Dinge so kompliziert sind.“

Also zeichnet er gegen die Kompliziertheit an. Jeden Tag. Jeder Morgen beginnt vor einem weißen Blatt Papier, auch heute noch. „Ich zeichne, weil ich mich nicht verstehe und weil ich die Welt nicht verstehe.“ Das Leben bestehe daraus, Ängste zu überwinden. „Aus diesen Ängsten schöpfen wir ungeheure Kräfte. Und diese Kräfte können sehr komisch sein.“

Am 17. August wird Sempé, 1932 als Sohn eines Lebensmittelhändlers in Bordeaux geboren, 80 Jahre alt. Vor fünf Jahren hatte er einen Skiunfall, erlitt eine Gehirnblutung, lag monatelang im Koma, lernte alles neu. Es geht ihm nicht jeden Tag gut. Auch das ist ein Grund, warum er nicht nach Hannover kommt, zur Eröffnung seiner Ausstellung „Ein bisschen Paris und anderswo - Jean-Jacques Sempé zum 80. Geburtstag“ im Wilhelm-Busch-Museum.

150 Zeichnungen zeigt das Haus vom morgigen Sonntag an bis zum 23. September, knapp 90 davon aus Sempés privatem Besitz, 20 aus den eigenen Beständen. Es ist ein kompakter, aber reicher Querschnitt seines heiter-melancholischen Schaffens, klug gehängt nach den Themen, die ihn umtreiben: die Poesie des Pausenhofs, die Helden in Kniestrümpfen, die Liebe in Zeiten der Anonymität, die Architektur der Moderne in den Metropolen Paris und New York, die winzige Blume in der Betonwüste.

Dreimal war Sempé bisher in Hannover zu sehen, zuerst in den Sechzigern, zuletzt 1992. „Jetzt ist es an der Zeit, sein Gesamtwerk in den Fokus zu nehmen“, sagt Museumsdirektorin Gisela Vetter-Liebenow. Frankreich hat seinen großen Melancholiker im Winter mit einer Retrospektive im „Hôtel de Ville“ in Paris geehrt, mit enormem Erfolg. „Wir hoffen sehr, dass sich dieses große Interesse auch auf Hannover überträgt.“

Und sie sind alle dabei: Sempés frühe Katzen, „Catherine, die kleine Tänzerin“, „Herr Sommer“. Und „Der kleine Nick“ natürlich, Sempés Liebeserklärung an die Kindheit, sein großer Durchbruch in den Fünfzigern, zu dem René Goscinny dann Geschichten erdachte. Im Obergeschoss im Wilhelm-Busch-Museum stehen sechs Schultische mit zwölf Stühlchen. Hier sind ganz reale Zeichen- und Bastelkurse für Kinder geplant. Doch im Geist hört man den kleinen Nick kichern und würde sich nicht wundern, wenn plötzlich Herr Hühnerbrüh um die Ecke käme, der Hilfslehrer, oder Nicks Kameraden Otto, Franz, Georg, Roland, Chlodwig oder Adalbert, der Liebling der Lehrerin, den man nicht hauen darf, wegen der Brille. Eine feine Idee.

Eine Zeichnung vom Sportunterricht: Kinder baumeln ganz unten an endlosen Kletterseilen. Sie blicken angstvoll nach oben, zappeln mit den Beinen, daneben stehen Mitschüler, ohne Schadenfreude, voller Mitgefühl. Sempé erhebt sich nie, er solidarisiert sich mit seinen Figuren, das macht ihre Identifikationskraft aus.

Seine eigene Kindheit war tragisch. Er war ein „trauriges Kind“, flog von der Schule, vergrub sich in Phantasien. Der kleine Nick sei das Ergebnis eines Traums, sagte er. „Die Kinder im ,kleinen Nick‘ balgen sich, aber sie tun sich nicht weh.“ So hätte es sein sollen. Da gibt es biografische Parallelen zu Janosch: miese Kindheit, Flucht in die Idylle. Der Witz wohne als Parasit auf dem Leid, sagt man. Sempés Freunde und Zeichnerkollegen Jean-Maurice Bosc und Chaval haben sich beide vor Jahrzehnten das Leben genommen. „Einsamkeit ist die Basis für Humor“, sagt Sempé.

Auch einige seiner berühmten Titelbilder für den „New Yorker“ sind zu sehen. Seit 1978 hat Sempé fast 50 Covermotive geliefert, er ist einer der wenigen europäischen Cartoonisten, die man in den USA versteht. Oder umgekehrt. Einsam war er anfangs in New York, aber fasziniert. Und so sind seine Werke hingetuschte Poesie über den kleinen Menschen in der großen Welt, geschaffen mit sparsamen, feinen, dünnen Linien. Niemand versteht es wie Sempé, mit wenigen Strichen die komplexe Mimik eines stolzen Kindes zu zeigen. Er beherrscht die Kunst, ein Auge, das nur aus einem winzigen Punkt besteht, trotzdem leuchten zu lassen.

Sempé benutzt dafür ausschließlich eine bestimmte Zeichenfeder, seit 60 Jahren: die „Atome No 423“ von der Firma Blanzy-Conté-Gilbert. Sie wird nicht mehr hergestellt. Aber noch, sagt er, habe er einen kleinen Vorrat. Gut so.

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