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00:16 22.04.2016
Aus der Schaltzentrale der Wut: Serdar Somuncu. Quelle: Janson
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Hannover

Was sollen nur diese hellen, ineinander verschlungenen Gebilde darstellen, die auf den Bühnenhintergrund projiziert sind? Fußpilz in tausendfacher Vergrößerung? Oder Darmzotten? Man denkt sofort an unappetitliche Dinge. Vielleicht, weil Serdar Somuncu als Ekelpaket bekannt ist. Der Kölner Kabarettist, Autor und Musiker serviert seinem Publikum gern Abscheuliches und Absonderliches. Doch an diesem Abend im ausverkauften Theater am Aegi überrascht er gleich zu Anfang mit einer gut zwanzigminütigen Rede zur Lage der Nation, die er nicht als seine Kunstfigur „Hassias“ hält, sondern als Serdar Somuncu, der „Quoten-Türke“ aus den Talkshows, der immer dann bei Anne Will und Co. sitzt, wenn es um die Themen Integration und Türkei geht.

Angenehm sachlich und unaufgeregt ist der Talkshow-Somuncu. Er hat eine Haltung und er hat Ahnung. Mit seinen klugen Einwürfen hat er schon so manche lahme Gesprächsrunde in Schwung gebracht. Doch auf der Bühne, da haben für ihn Normen und Moral nichts zu suchen. „Die Kunstfigur darf das, was ich persönlich sagen würde, nicht aussprechen, weil es sonst zu moralisch und zu parteiisch wäre“, hat er mal in einem Interview gesagt. Beim Auftritt in Hannover lässt der Kabarettist die Kunstfigur zunächst außen vor, um persönlich Stellung zu beziehen. Er sei ein Freund von Jan Böhmermann und er tue ihm ein bisschen leid, „weil er das erreicht hat, was er immer wollte und den Erfolg jetzt nicht genießen kann“.

Spaß muss sein

Er doziert dann noch über Kemalismus und Gastarbeiter, spricht von Deutschen und Türken als „Stiefgeschwister“, teilt gegen die AfD aus und schimpft auf Erdogan, der regelrecht dazu aufrufe, sich als Türke in Deutschland nicht zu integrieren. „Wer die Freiheit des Denkens nicht beherrscht, der hat die Diktatur verdient“, sagt er zum Schluss seiner Politrede. Dass Somuncu als jemand, den seine Fans dafür lieben, dass er auf der Bühne leidenschaftlich auf allem herumtrampelt, was als politisch korrekt gilt, solch ein Statement abgibt, zeigt, wie ernst es ihm damit ist.

Doch Spaß muss trotzdem sein, und so leitet Somuncu schließlich doch über in den Teil, der sich meist unter der Gürtellinie abspielt. Unter der philosophischen Frage, was das Menschsein ausmache, referiert der 47-Jährige schamlos über Verdauungsvorgänge, Popel- und Sexpraktiken. Es ist hart, sich das anzuhören und unschön zu sehen, wie Somuncu den Nacktvideo-Auftritt von VFL-Spieler Max Kruse imitiert. Doch Somuncu ist leider gut. Man kann sich seiner respektlosen und ätzenden Art nicht entziehen. Zumal es obendrein tatsächlich lustig ist. Es ist die Faszination des Grauens, gepaart mit pubertärer Albernheit, die die Zuschauer begeistert.

„Die Stoffen gehen mir aus“

Als „Hassias“, dem Propheten einer fiktiven Glaubensgemeinschaft, keult Somuncu gegen alles, was nett, hübsch, vital oder bemitleidenswert erscheint: Helene Fischer, Mittelstandsfamilien, Marathonläufer, Veganer, rumänische Bettler und Rastafaris. Aus seiner „Schaltzentrale der Wut“ heraus greift er zu Verbalattacken, die sie alle plattmachen. Einschließlich Erzfeind und Rapper Bushido. So kennen und mögen die Zuschauer den „Hassias“, den Somuncu seit mehr als fünf Jahren auf den Bühnen der Republik wüten lässt. Doch es ist eine Abschiedsvorstellung. Noch in diesem Jahr ist Schluss mit dem Programm „H2 Universe – Die Machtergreifung“. Was als Nächstes kommen wird? „Ich seile mich ab aus dem Business. Die Stoffe gehen mir aus“, sagt Somuncu. Seit Januar hat er mit „So! Muncu“eine eigene Sendung auf N-TV. Es ist eine Talkshow.

Von Kerstin Hergt

  • Die Vorstellung am Mittwochabend im Theater am Aegi ist bereits ausverkauft.     
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