Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Sergei Dogadin gewinnt Violinwettbewerb

9. Joseph-Joachim-Violinwettbewerb Sergei Dogadin gewinnt Violinwettbewerb

Thema verfehlt, Ziel erreicht: Sergei Dogadin gewinnt den 9. Joseph-Joachim-Violinwettbewerb. Voll zufriedenstellen vermag seine Schostakowitsch-Version aber trotzdem nicht. Vor allem der zurückhaltende Beginn des Konzertes klingt wie ein Aufsatz, der sprachlich brillant ist, aber das Thema verfehlt.

Voriger Artikel
John Lennon wäre 75 geworden
Nächster Artikel
Hannovers Goldener Brief ist Unesco-Welterbe

Thema verfehlt, Ziel erreicht: Sergei Dogadin gewinnt den 9. Joseph-Joachim-Violinwettbewerb.

Quelle: Spata

Hannover. Ist Sergei Dogadin ein großer Geiger? Zumindest braucht er schon einmal viel Platz. Bei seinem Auftritt im Finale des Joseph-Joachim-Violinwettbewerbs schiebt er das Notenpult der Konzertmeisterin erst einmal ein paar Zentimeter nach hinten und löst so ein Stühlerücken bei den Ersten Geigen aus. Dass es dem 27-jährigen Russen, der schon bei wichtigen Wettbewerbe in München und Moskau erfolgreich war, nicht an Selbstbewusstsein mangelt, lässt sich auch an dem Stück ablesen, das er für die Endrunde gewählt hat: Das erste Violinkonzert von Dimitri Schostakowitsch ist eine Herausforderung für jeden Geiger.

Dogadin geht diese Herausforderung mit Volldampf an. Mit großem Ton und viel Emphase erhebt er sich jederzeit über die NDR Radiophilharmonie, die unter Leitung von Hendrik Vestmann selbst nicht gerade zurückhaltend agiert – auch der estische Dirigent lässt es gerne krachen. Ein Musiker wie Dogadin, der den Bogen oft mit so viel Schwung auf die Geige wirft, dass man sich Sorgen um das Instrument machen könnte, lässt sich davon erkennbar beflügeln. Bravourös bewältigt er die technischen Zumutungen auch der ausgedehnten Kadenz und bekommt am Ende zum großen Jubel im Funkhaus auch die Anerkennung der Jury: Sergei Dogadin gewinnt den 9. Joseph-Joachim-Violinwettbewerb.

Voll zufriedenstellen vermag seine Schostakowitsch-Version aber trotzdem nicht. Vor allem der zurückhaltende Beginn des Konzertes klingt wie ein Aufsatz, der sprachlich brillant ist, aber das Thema verfehlt. Dogadins vibratogesättigter Klang ist hier viel zu fett für die dürren Töne, hinter denen die Zweifel und Repressionen erkennbar werden sollten, denen der Komponist ausgesetzt war.

Wie ein musikalischer Gegenentwurf wirkte da der Auftritt von Richard Lin, der das zunehmend häufiger aufgeführte Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold gewählt hätte. Der aus Taiwan stammende Lin bewies dabei neben geigerischer Souveränität vor allem viel Geschmack. Die Musik des in den Dreißigerjahren nach Hollywood exilierten Komponisten enthält neben einen wenigen Anklängen an Mahler und Puccini viele filmmusikartige Passagen, die im Konzertsaal höchst empfindlich sind. Das war bei der Japanerin Shion Minami – der zweiten Finalistin, die sich für dieses Werk entschieden hatte – zu hören, die sich alles vermeintlich Triviale vermeidend für eine sehr herbe Variante entschieden hatte. Minami, die bei Krzysztof Wegrzyn in Hannover studiert, rückte Korngold eher in die Nähe von Schönberg statt sich mit Soundtracks zufrieden zu geben. Dafür gab es einen etwas überraschenden zweiten Preis. Richard Lin vermied bei Korngold alle Nähe zum Kitsch und sperrte doch die Süße in seinem Vortrag nicht aus. Zudem gab dem abschließenden Allegro-Satz viel mehr Spannung als seine in Hannover studierende Kollegin und vermied doch alle unnötige Dramatisierung. Mit diesem starken Plädoyer für Korngold glückte ihm mit dem letzten Auftritt des gesamten Wettbewerbs zugleich auch der rundesten Vortrag des ganzen Finales. Am Ende stand ein dritter Preis für ihn.

Eine raue Klanglandschaft entfaltete die Japanerin Ayana Tsuji im Violinkonzert von Jean Sibelius. Die jüngste Teilnehmerin im Wettbewerb bot eine technisch ausgefeilte Version, die höchstens musikalisch noch ein wenig Feinschliff vertragen könnte. Mal wechselte eine Phrase zu schnell von laut nach leise, um ganz harmonisch zu wirken, mal geriet der Ton einer intensiven Passage zu angespannt, um wirklich groß zu wirken.

Ebenfalls im Sibelius-Konzert offenbarte die Neuseeländerin Amalia Hall jene technischen Schwächen, über die die Jury schon öfter hinweggesehen hatte. Gründe genug dafür hat Hall den Preisrichtern allerdings immer wieder gegeben, denn ihr Spiel war in allen Runden von einem gewissen musikalischem Glanz umgeben. Im musikalischem zeigte sie nun, dass sie nicht nur hellsichtig und licht spielen kann, sondern durchaus auch zupackend.
Benjamin Marquise Gilmore präsentierte sich mit dem Beethoven-Konzert in der selben ruhigen Art, die schon seine vorherigen Auftritte geprägt hatten. Auch wenn dem in Holland ansässigen Briten anfangs aus Nervosität einige Flüchtigkeitsfehler unterliefen, strahlt sein Spiel eine angenehme Gelassenheit aus: Wenn er die Geige ans Kinn hebt, kann der Zuhörer entspannen.

Das bedeutet aber nicht, dass seine musikalische Sicht der Dinge frei von Überraschung wäre. Allein die Entscheidung für die Kadenzen des amerikanischen Musikforschers Robert D. Levin ist ungewöhnlich – auch wenn ihnen an diesem Abend die selbstverständliche Eloquenz fehlt, die Marquise Gilmores Spiel sonst auszeichnet. Einen etwas entschiedeneren Zugriff hätte man sich auch im abschließenden Rondo vorstellen können, doch der Geiger hielt auch hier an sein behaglich abgerundetes Klangideal fest.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Billy Talent in Hannover

Billy Talent in Hannover: Die besten Bilder des Konzerts in der Swiss-Life-Hall.