Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 16 ° wolkig

Navigation:
She She Pop geht ans Eingemachte

Die Performance "Oratorium" She She Pop geht ans Eingemachte

She She Pop produziert die Performance "Oratorium" für das Festival Theaterformen und wirft dabei die Frage nach dem Eigentum auf.

Voriger Artikel
Kreativer Provokateur
Nächster Artikel
Sind die Filmfestspiele frauenfeindlich?

„Unsere Zielgruppe sind alle, die bereit sind, offen über ihr Eigentum zu reden“: Fanni Halmburger (rechts) und Lisa Lucassen von She She Pop.

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Wir arbeiten gern mit Themen, über die man nicht so leicht spricht“, sagt Lisa Lucassen über das Theaterkollektiv She She Pop, das sie gemeinsam mit sechs Kommilitonen 1998 in Gießen gründete. Seit 2003 kooperiert die Gruppe kontinuierlich mit dem Berliner Theater Hebbel am Ufer. Auch das neue Stück „Oratorium“ wird dort in seiner finalen Version uraufgeführt - seine erste Fassung entsteht jedoch für das Festival Theaterformen in Hannover. „Oratorium“ ist ein Recherchestück mit Bürger- und Publikumsbeteiligung. Deshalb wird die Zeit, die Mitglieder von She She Pop vor Ort verbringen, das Ergebnis wesentlich prägen.

Nachdem das Kollektiv in der Vergangenheit bereits Themen wie Sexualität, Alter oder Tod auf die Bühne gebracht hat, geht es nun um das Thema Eigentum. Fanni Halmburger ist überzeugt: „Das ist das letzte große Tabu.“ Wie immer nimmt She She Pop das Thema auch persönlich, schöpft aus biografischen Bezügen. Und obwohl die Gruppe zunächst homogen erscheint - alle sind Bürgerkinder zwischen 40 und 50 - beim Eigentum zeigen sich Unterschiede. Im Jahr 2013 zeigte She She Pop beim Festival Theaterformen bereits das Stück „Testament“, bei dem Performerinnen gemeinsam mit ihren Vätern Generationenverträge erörtern. „Das ist auch so ein Thema, das alle angeht, dem keiner entkommt“, sagt Halmburger und erklärt: „Wenn wir vor einem Konzept Angst haben, ist das ein guter Indikator dafür, dass wir richtig liegen.“

Auch „Oratorium“ geht ans Eingemachte - diesmal buchstäblich. Mit der Offenlegung von Besitzverhältnissen bekenne man sich ja immer auch zu bestimmten Gesinnungen, Zielen oder Unzulänglichkeiten, erläutert Lucassen die Brisanz: „Das Thema polarisiert, nagt am Selbst und konfrontiert mit Ängsten.“ Manch einer werde bei einem Kontostand von 5000 Euro schon nervös, andere entspannten sich, wenn endlich der Dispokredit ausgeglichen sei. Sowohl Reichtum als auch Armut können Scham auslösen - und schnell fühlt man sich zu Rechtfertigungen verpflichtet. Die Konsequenzen eines öffentlichen Outings während eines Theaterabends scheinen da kaum absehbar.

Der Untertitel von „Oratorium“ lautet: „Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis“. Lucassen erklärt die Verwendung kirchlicher Begriffe so: „Der Kapitalismus hat religionsartige Züge angenommen - wenn Menschen über ihr Eigentum sprechen, kommt das oft schon Beichten oder Gebeten gleich.“ Das gemeinschaftliche Tun und Sprechen verändere dabei wie in der Kirche die Bereitschaft, sich einzulassen.

Wechselnde Gemeinschaften will She She Pop durch Sprechchöre herstellen, die jeden Abend aufs Neue ihren Umgang mit dem Eigentum verhandeln. Formale Ideen dazu steuert die Lehrstücktheorie von Bertolt Brecht bei, die sich unter anderem damit befasst, wie in einem „Theater ohne Zuschauer“ sogenannte „gelernte“ und „ungelernte“ Chöre vorbereitete und improvisierte Texte sprechen.

Halmburger erklärt: „Die Beteiligten probieren verschiedene Sätze an, testen Haltungen aus.“ Dabei müsse sich keiner von den „ungelernten“ Festivalbesuchern verpflichtet fühlen. Der Chor allerdings - acht vorab ausgewählte Bürger - trifft sich zur Vorbereitung in sieben Proben mit Mitgliedern von She She Pop. Denen geht es dabei nicht um Statistik. „Unsere Zielgruppe sind alle, die bereit sind, offen über ihr Eigentum zu reden“, sagt Halmburger. Die spiegelten Befindlichkeiten und virulente Themen ihres Wohnortes dann ohnehin wider. Bei drei Festivals wird She She Pop in diesem Jahr Momentaufnahmen aus ökonomischen Mikrokosmen sammeln, bevor die vielstimmige Eigentumsandacht als vorläufiges Ergebnis in Berlin präsentiert wird - nach Hannover noch im polnischen Lublin und im bulgarischen Sofia.

„Das ist ein Experiment mit offenem Ausgang“, sagt Lucassen und freut sich über die großzügige Produktionszeit beim Festival Theaterformen. Hier kann die Gruppe Strukturen und Inhalte ausprobieren und Grundlagen für die weiteren Stationen erarbeiten. Gelegenheit für Überraschungen scheint es dabei noch genug zu geben - She She Pop trifft den Chor der Hannoveraner bewusst nur mit vagen Vorstellungen. „Hier wird so ordentlich Geld verdient, wie Hochdeutsch gesprochen wird“, vermutet Halmburger lächelnd. Lucassen ergänzt: „Bestimmt geht es niemandem wirklich schlecht - aber vielleicht denke ich das auch nur, weil hier reiche Verwandte von mir leben.“

Termine: „Oratorium“ ist bei den Theaterformen am 9. und 10. Juni um 21.30 Uhr und am 11. Juni um 18 Uhr im Ballhof Eins zu sehen. Das Festival beginnt am 8. Juni.

von Thomas Kaestle

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Debatte wurde beendet
Die Debatte zu diesem Artikel ist beendet. Auf HAZ.de können Sie die Themen des Tages diskutieren – hier finden Sie die aktuellen und vergangenen Themen im Überblick.
Mehr aus Kultur
Hangover Jam auf der Gilde Parkbühne

2500 Fans feiern mit Bausa, den Orsons, 187 Straßenbande, dem Duo Audio88 und Yassin und weiteren Größen aus der Hip-Hop-Szene.