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Kultur Vom Heroin-Junkie zum Star
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00:15 21.10.2016
Von Ronald Meyer-Arlt
$ick im Literarischen Salon im Audimax im Welfenschloss. Quelle: Alexander Kšörner
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Hannover

Die Welt des jungen Mannes ist sehr klein: Kröpcke, Raschplatz, Opernplatz. Oder: Cannabis, Heroin, Kokain. Oder: Klauen, Verkaufen, Kaufen. Oder: Freiheit, Gefängnis, Therapie, Freiheit, Gefängnis, Therapie. Irgendwann hat es der junge Mann, der sich $ick nennt (das S wie ein Dollarzeichen, weil es oft um Geld ging in seinem Leben), geschafft, den Kreislauf zu durchbrechen. Er bekämpfte seine Sucht und begann, seine Lebensgeschichte auf You-Tube zu erzählen. Der Videoblog „Shore, Stein, Papier“, in dem er von seinen Drogen. und Gefängniserfahrungen berichtete, war ein großer Erfolg. Also legte $ick nach. Vor zwei Wochen ist „Shore, Stein, Papier“ (Piper Verlag, 430 Seiten, 14,99 Euro) in Buchform erschienen. Jetzt stellte der Autor das Werk im Literarischen Salon der Leibniz Uni vor. 

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Drogen-Geschichten im Literarischen Salon: $ick war am Montagabend mit seinem Buch „Shore, Stein, Papier“ in Hannover zu Gast. Weil das Publikumsinteresse so groß war, musste die Veranstaltung eigens in den Audimax der Leibniz-Uni umziehen.

Das Publikumsinteresse ist enorm. Der 14. Stock des Conti-Gebäudes, in dem gemeinhin die Veranstaltungen des Literarischen Salons stattfinden, reichte bei Weitem nicht, also ist man in den gut 700 Zuhörer fassenden Audimax der Leibniz-Uni umgezogen. Innerhalb kurzer Zeit waren alle Karten für die $ick-Lesung ausverkauft. Solch einen Ansturm auf die Karten habe es in der Geschichte des Salons noch nie gegeben, erzählt Moderator Jens Meyer-Kovac zu Beginn der Veranstaltung.

Mit den literarischen Qualitäten des Buches lässt sich das große Interesse wohl nicht erklären. „Shore, Stein, Papier“ (der Titel steht für: Heroin, Kokain, Geld) ist ein Bericht aus der Perspektive eines Betroffenen, nicht das elaborierte Werk eines Romanciers. Es gibt eine Menge abgenutzter Wendungen, kitschiger Konstruktionen, hölzerner Formulierungen. Im ersten Teil des Salonabends liest $ick von einem ziemlich dramatischen Einbruch ins Schuhhaus Görtz – der Beginn seiner Drogenkarriere fand in Hannover statt. In dem Kapitel finden sich Sätze wie: „In der Kühle der Nacht erzitterte mein schweißgetränkter Körper“ oder: „Die knapp zwei Minuten bis zur nächsten Gebäudeecke kamen mir vor wie eine Ewigkeit“ und: „Das Klirren der Scheiben zerfetzte die Stille der Nacht.“ Puh. So klingen Schundromane.

Aber literarische Fragen spielen bei dieser Veranstaltung des Literarischen Salons keine Rolle. Es geht um etwas anderes: um das Leben des anderen. Um Erfahrungen, die jemand gemacht hat. Das Buch hat einen merkwürdigen Sog. Man liest es so weg. Man will unbedingt wissen, wie weit $ick denn noch abstürzt und wie er es schafft, sich von seiner Sucht (halbwegs) zu befreien. Es geht um Authentizität. Die muss man $ick attestieren. Auch in seiner Performance. Er hat etwas ungemein Sympathisches, Spitzbübisches, etwas Frisches, Witziges, Präsentes; er wirkt wie einer, der nicht verloren gehen kann.

Obgleich: An einer Stelle war das fast der Fall. Moderator Meyer-Kovac startet gerade die Fragerunde fürs Publikum, da erhebt sich $ick vom Tisch, um kurz mal die Toilette aufzusuchen (das war okay, er hatte zuvor zwei Bier getrunken). Der Moderator lenkt die Fragen auf Thomas Haustein, den Suchtberater (der in dem Film „Christiane F. den Freund Detlef spielte), und auf Paul Lücke, der das unsichtbare Gegenüber in $ick Videos gibt. Fragen – Antworten – Fragen – Antworten, aber kein $ick. $ick bleibt weg. Spannung.

Hat er alles hingeschmissen? Ist er rückfällig geworden? Hat ihn seine Vergangenheit in Hannover wieder eingeholt? Hat der Suchtberater am Tisch versagt? Fragen über Fragen. Als der Autor gut gelaunt wieder auftauchte, gibt es Applaus, dann beantwortet er einige der vielen Fragen aus dem Publikum.

Er ist ein Überlebender

Prävention? Drogenberater Thomas Haustein hält $icks Berichte offensichtlich für hilfreich: „Es ist wichtig, offen darüber zu reden“, sagt er, Enttabuisierung und Entkriminalisierung seien wünschenswert. Seit dem Erscheinen von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von Christiane F. Anfang der Achtzigerjahre habe sich der Drogendiskurs geändert. Christiane F. schockierte mit schrecklichen Szenen. Das macht $ick auch. Aber das Leiden an den Drogen steht nicht im Zentrum seines Berichts, es geht eher um das Leben mit den Drogen.

„Jahrelang war Spaß angesagt“, sagt $ick im Salon. Aber er sagt auch „Gerade deswegen ist es so gefährlich.“ Sein Fazit: „Erst war es lustig, dann war es nicht mehr lustig.“ Das Problem seines Buches und seines Blogs ist struktureller Art. $icks Lebensgeschichte ist eine Heldenerzählung. Er hat es - im Gegensatz zu vielen anderen - geschafft. Er ist ein Überlebender. Und jetzt ein Star.

Beim nächsten Literarischen Salon, am Montag, 24. Oktober, im Conti-Foyer (Königsworther Platz) ist der Pianist Igor Levit zu Gast. Die Veranstaltung, die um 20 Uhr beginnt, trägt den Titel „Mit Beethoven reden“. Aber Levis redet wohl auch mit HAZ-Kulturredakteur Stefan Arndt, der den Salon moderieren wird.

Fritzi Haberlandt und Jens Thomas begeistern mit einer Lesung aus Irmgard Keuns „Kunstseidenen Mädchen“ im Schauspielhaus Hannover. Die Schauspielerin und der Pianist touren mit ihrer szenischen und musikalischen Lesung durch Deutschland und haben am Sonntag in Hannover Station gemacht.

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