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Vom Flüchtlingskind zum Musikermacher

Siggi Loch aus Hannover Vom Flüchtlingskind zum Musikermacher

Siggi Loch ist heute erfolgreichster deutscher Musikproduzent. Mit elf kam der 1940 in Pommern geborene Loch als Flüchtlingskind nach Hannover.

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Am Ziel: Der Plattenproduzent Siggi Loch ist inzwischen auch als Veranstalter eine erste Adresse.

Quelle: Grabert

Hannover. Die Karriere von Siggi Loch wäre wahrscheinlich weniger steil verlaufen, wenn es nicht zunächst so rasant abwärts gegangen wäre auf dem Lindener Berg. Seine Fahrt in der Seifenkiste endete dort 1954 nach wenigen Metern im Strohballen. Die „Hannoversche Presse“ nahm den kuriosen Schnappschuss des Sturzes begierig auf ihre Titelseite - für das Flüchtlingskind aber war das unfreiwillige Ausscheiden eine Katastrophe. Mit elf kam der 1940 im pommerschen Stolp geborene Loch mit seinen Eltern nach Hannover. Der Vater war krank und fand zunächst keine Arbeit, die Familie wohnte in einer Gartenlaube an der Misburger Straße. Der Bausatz für die Seifenkiste kostete unter diesen Umständen ein Vermögen, doch der Rückschlag spornte Loch nur an: „Mein Ehrgeiz war geweckt“, sagt er heute über den Unfall. Mit Feuereifer trainierte er für das Rennen im folgenden Jahr.

Tatsächlich lief es 1955 besser, Lochs Seifenkiste rollte als zweite durch das Ziel am Fuß des Lindener Berges, und ihr Fahrer qualifizierte sich für das Finale in Düsseldorf. Dass seinem Wagen dort im Endlauf eine Achse brach, spielt in Lochs Lebensgeschichte aber schon keine Rolle mehr - am Abend davor hatte er in der Stadt Klaus Doldinger kennengelernt. Der Saxofonist gehörte zu den umtriebigsten jungen deutschen Jazzmusikern, und Loch war fasziniert von ihm. Zehn Jahre später produzierte er auf eigene Faust eine Schallplatte mit Doldinger - und die Aufnahme hatte jenen durchschlagenden Erfolg, der Loch bis heute treu geblieben ist. Heute, punktgenau zu seinem 75. Geburtstag, erscheint die Fünf-CD-Box „A Life in the Spirit of Jazz“, mit der er an die Meilensteine seiner Karriere erinnert.

Loch arbeitete für die EMI, für Philips und Warner. Bei den großen Plattenfirmen setzte er mit sicherem Geschmack und Geduld fort, was er mit Doldinger begonnen hatte: Er machte Stars. Zunächst waren es noch Jazzer wie Jean-Luc Ponty und Schlagersänger wie Katja Ebstein (der Loch auch zu ihrem Künstlernamen verhalf), später machte er Musiker wie Marius Müller-Westernhagen und Heinz Rudolf Kunze in großem Stil bekannt. Und weil Loch nicht nur ein gutes Gespür für die richtigen Musiker, sondern auch alle Fähigkeiten eines knallharten Managers hatte, stieg er immer höher in der Hierarchie der Musikkonzerne. 1983 wurde er Präsident von WEA Europe in London. Mit 43 Jahren war Loch auf dem Gipfel angekommen. Fünf Jahre später kehrte er dem Geschäft den Rücken.

Der Traum: Ein Jazzlabel

Nach seinem Ausstieg bei WEA erfüllte sich Loch den Traum, dem er seit Kindheitstagen in Hannover nachhing: Er gründete ein Jazzlabel. Die Liebe zum Jazz nämlich wurde durch die Begegnung mit Doldinger 1955 nur befeuert, entdeckt hatte Loch sie im gleichen Jahr bei einem Konzert von Sidney Bechet in der Niedersachsenhalle - konsequenterweise beginnt nun die Sammlung „A Life in the Spirit of Jazz“ mit einem „Vorspiel“ von Bechet - allerdings stammt die Aufnahme nicht aus Hannover. Sie entstand 1940 - Lochs Geburtsjahr - in New York.

Mit Bechet begann auch die Liebe zur Schallplatte, und es ist wohl ein weiterer glücklicher Zufall, dass in dieser Zeit das erste Fachgeschäft ausgerechnet in Hannover seine Pforten öffnete. Loch wurde Stammkunde bei „Die Schallplatte“ im neuen Einkaufszentrum am Ernst-August-Platz. Der Geschäftsführer Otto Traupe ließ den jungen Mann, der inzwischen eine Lehre als Industriekaufmann an der nahe gelegenen Luisenstraße absolvierte, tagelang die neuen Platten hören. Dort sammelte Loch Anregungen für seine eigene Band Red Onions, mit der er an Wochenenden am Maschsee spielte, und sammelte sich ein gewaltiges Repertoirewissen an.

Als er Jahrzehnte später endlich sein Label ACT gründete, konnte er mit den längst arrivierten Jazzgrößen allerdings nur wenig anfangen: Lochs Ehrgeiz strebte danach, neue Karrieren aufzubauen. Vorbilder waren die Jazzlabels Blue Note und ECM, die Loch für „die beiden wichtigsten der Welt“ hält und die beide von Deutschen geführt wurden beziehungsweise werden. „Die Blue-Note-Leute haben Musiker aufgenommen, die ihnen andere Musiker empfohlen hatten - damit sind sie gut gefahren“, sagt Loch.

Seine wichtigste Entdeckung hat dazu geführt, dass auch ACT heute zu den wichtigsten Jazzlabels weltweit gehört: Der Posaunist Nils Landgren gehört selbst zu den Musikern, die noch viele CDs verkaufen. Landgren brachte außerdem andere schwedische Musiker zu der Plattenfirma, wie den 2008 verstorbenen Pianisten Esbjörn Svensson oder die Sängerin Viktoria Tolstoy. Doch Loch machte nicht nur in Schweden Entdeckungen: Auch deutsche Pianisten wie Jens Thomas und Michael Wollny oder zuletzt die Finnen Kalle Kalima und Iro Rantala verdanken ihre Karrieren vor allem dem Produzenten.

Am Ende der CD-Reihe präsentiert Loch, der seit 2008 in Berlin lebt, Mitschnitte der von ihm initiierten Konzertreihe in der dortigen Philharmonie. „Jazz at the Berlin Philharmonic“ ist sie überschrieben - angelehnt an den Titel, mit dem der legendäre US-Produzent Norman Granz sich ab Mitte der Vierzigerjahre seinen Weltruhm erwarb. Mit Stolz kann Loch sich nun als sein Erbe fühlen. Es scheint, als sei die Seifenkiste endlich am richtigen Ziel angekommen.

„A Life in the Spirit of Jazz“ versammelt Aufnahmen unter anderem von Klaus Doldinger, Nils Landgren, George Gruntz, Christof Lauer, Jochim Kühn, Esbjörn Svensson und Michael Wollny. Erschienen ist die Fünf-CD-Box bei Act-Music.

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