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00:15 07.12.2013
Kuriose Kunst im Kestner Museum: Eines von vielen Stücken in der Ausstellung „Skurriles Bestiarium“. Quelle: Michael Thomas
Hannover

Dabei navigiert die Autodidaktin souverän zwischen Kunst und Kitsch. Für den Puristen mag der wilde und wüste Materialmix ihrer leuchtenden, sich bewegenden und zum Teil auch klingenden Objekte manchmal schwer erträglich sein, den toleranten Kunstfreund erinnern sie an die Art Brut, die Assemblagen der Dadaisten wie an die kinetischen Skulpturen Jean Tinguelys.

Was aber unterschiedslos alle Betrachter ihrer Arbeiten beeindruckt, ist die überschäumende Fantasie der Künstlerin und ihre souveräne Handhabung kunsthandwerklicher und technischer Mittel. Ihr „Tod auf dem Fahrrad“ ist ein kleines Wunderwerk in Feinmechanik und Leuchtzauber. Das Objekt nimmt Anleihen bei mittelalterlichen Vergänglichkeitsdarstellungen, nur dass der Tod mit der Sense hier auf dem Fahrrad zu den Menschen kommt und eine Armbanduhr statt der traditionellen Sanduhr anzeigt, was die Stunde geschlagen hat.

Skurril, witzig und hintersinnig: Das Museum August Kestner zeigt bis zum 9. März die Ausstellung „Skurriles Bestiarium“ von Dietlind Preiss.

Ein Jahr lang hat die 73-jährige Künstlerin für die Ausstellung in ihrer Werkstatt in der List, die jedem Besucher offen steht, gearbeitet. Sie hat sich im Museum August Kestner umgesehen und mit den Exponaten dort beschäftigt. Nun sind insgesamt 39 Werke von ihr im Haus zu sehen. Sie sind in den verschiedenen Abteilungen so verteilt, dass der Besucher mit der Ausstellung zugleich den Werkfundus des Museums kennenlernt.

Der schelmische Schakalgott Anubis von Preiss ist so postiert, dass er sein strenges ägyptisches Ebenbild verlacht. Und ihre unter Hitzewallungen leidende Kurfürstin Sophie von Hannover sieht mit ihren geschwollenen Füßen exakt so aus, wie sie über ihr Befinden an ihre Nichte schreibt: „Wenn ich in meinem Gartenzimmer mit den Kanarienvögeln sitze, fühle ich mich wie eine Melone im Gewächshaus.“

Ihr Mops, den Dietlind Preiss als „Männerdenkmal“ zeigt, erscheint mindestens so angriffslustig wie lieb. Die großen Augen wirken treu, das weit aufgerissene Maul dagegen bedrohlich. Als Amulett trägt der Hund in einem Medaillon das Bild der Künstlerin. Ihr selbst ist das wiederholt in ihrem Werk auftauchende Tier aber auch ans Herz gewachsen. Die schöne Mischung von Nachgiebigkeit und Stärke, die sie in seinem Charakter ausgemacht hat, nimmt sie für ihr eigenes Wesen in Anspruch.

Wer die Künstlerin auch nur kurz kennen gelernt hat, hegt daran keinen Zweifel. In ihren roten Cordhosen, dem Punk-Pullover aus New York und den alten Turnschuhen folgt sie einer für ihre Generation eher untypischen Kleidermode. Und auch die verstrubbelten, kurzen Haare und die hellen, neugierigen Augen verleugnen ihr Alter. Stets hat Preiss ein freundliches Lächeln auf den Lippen, aber in dem, was sie sagt, ist sie sehr genau und kann darin äußerst streng sein. Hier zeigt sich eine gedankliche Präzision, die auch unter der fantastischen und verspielten Oberfläche ihrer Werke sichtbar wird.

Von Michael Stoeber

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