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So düster ist die "Dschungelbuch"-Neuauflage

Wo bleibt der Spaß? So düster ist die "Dschungelbuch"-Neuauflage

Rasante Umsetzung, aber wo bleibt der Spaß? Disneys Neuauflage vom „Dschungelbuch“ ist vor allem eins: düster. Die Anpassung an gängige Actionspektakel schmälert den Wohlfühlfaktor des neu interpretierten Kinderfilmklassikers allerdings deutlich. 

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Mama Wolf: Raksha will, dass ihr verletzbarer „Adoptivsohn“ Mogli (Neel Sethi) außer Reichweite des Tigers Shir Khan gelangt.

Quelle: Disney

Gesungen wird auch, aber nur ein bisschen und gewissermaßen als freundliches Zitat: Wieder thront Mogli auf Balus Bärenbauch, so wie im Disney-Klassiker von 1967, und wieder treiben die Kumpel gemächlich den Fluss hinunter. Planschend stimmen Rückenschwimmer und Reiter das Lied von der Gemütlichkeit an. Und schon kommen die Erinnerungen hoch an die simpel gezeichneten, aber charmanten Dschungelbewohner, die einst den von Wolfgang Reitherman animierten Animationsfilm bevölkerten und es sich in ihrem üppigen Biotop wohl sein ließen.

Lange währt das nostalgische Päuschen aber nicht. Gemütlich ist an Disneys aktueller 3-D-Verfilmung „The Jungle Book“ wenig. Von einem Regisseur wie Jon Favreau ließ sich das wohl auch kaum erwarten. Der Mann zeichnet verantwortlich für die Comic-Gewitter der ersten beiden „Iron Man“-Filme. Was er nun vorlegt, ist im Werbe-Kino-slang ein sogenanntes Live-Action-Abenteuer. Die Bezeichnung trifft’s: Kleinere Zuschauer könnten durchaus das Fürchten lernen, wenn sich eine Tiger- oder Affenpranke leinwandgroß aus dem Dickicht schält. Die Action sieht beunruhigend lebensecht aus.

Favreau lässt in der 3-D-Neuauflage die Muskeln spielen, als wollte er die technische Kinoentwicklung des vergangenen halben Jahrhunderts möglichst spektakulär vorführen. Sämtliche Viecher, angeführt von Balu (deutsche Synchronstimme: Armin Rohde), stammen aus dem Computer, ebenso der Urwald selbst, der nach der Vorlage von rund 100.000 Fotos geschaffen wurde. Nur Mogli (Neel Sethi) ist aus Fleisch und Blut und mitsamt seiner roten Sporthose nahtlos in den eher menschenfeindlichen Lebensraum versetzt worden.

Dem jungen Schauspieler halfen beim Dreh im Studio Puppenspieler als Gegenüber, damit er überhaupt wusste, auf wen oder was er sich gerade zu konzentrieren hatte - sonst hätte er sich all die digitalen Kreaturen imaginieren müssen. Von den Helfern ist im fertigen Film selbstverständlich nichts mehr zu erahnen.

Das künstlich kreierte Naturerlebnis ist wahrhaft überwältigend. Ob flatternde Kolibris, trompetende Elefanten oder possierliche Stachelschweine: Die Urwaldbewohner sehen so fotorealistisch aus, dass man sich schon beinahe fragt, wieso sich Dokumentarfilmer heute überhaupt noch Expeditionsstrapazen in die Wildnis unterziehen. Sie könnten doch genauso auf dem Sofa sitzen bleiben und die CGI-Spezialisten einfach machen lassen.

Der verblüffende Realismus der Tiere ist allerdings dahin, wenn sie das Maul respektive den Schnabel aufmachen und plötzlich wie Menschen sprechen. Wolfsmutter Raksha (Heike Makatsch) bei der Erziehung ihres Nachwuchses ist mit ihrer nachsichtigen Pädagogik doch gewöhnungsbedürftig.

Wo bleibt der Spaß?

Walt Disney scherte sich damals im Verbund mit Regisseur Reitherman gar nicht erst um eine irgendwie geartete Annäherung an die Wirklichkeit, und auch Rudyard Kiplings Vorlage diente ihm nur als Inspiration. Er brachte lebenslustige amerikanische Typen im Urwald zusammen, die amerikanische Witze rissen, gut gelaunt amerikanische Lieder sangen und sich mit Bananen vollstopften. Im letzten von ihm persönlich verantworteten Animationsfilm ließ der Studiopatriarch alle Elemente streichen, die ihm als zu düster oder bösartig erschienen. Nicht einmal die Schlange Kaa durfte gefährlich sein, um die Zuschauer nicht zu verschrecken.

Favreau schlägt die Gegenrichtung ein. Kaa (Jessica Schwarz) beispielsweise ist eine Meisterin der Hypnose mit ordentlich Appetit auf Menschenfleisch. Im Zentrum aber steht das Duell zwischen mutigem Menschenjungen und rachsüchtigem Tiger Shir Khan (Ben Becker). Mogli wird in Sippenhaft genommen, weil er zu den verhassten Menschen gehört, die über das gefährliche Feuer gebieten. Das Menschenkind muss seine besonderen Fähigkeiten anwenden, wenn es diesen Feind besiegen will.

Wissenswertes aus Balus Reich

Im Kinodschungel kennt man Kompromisse: Orang-Utans wie King Louie sind nicht heimisch in der indischen Fauna. Kurzerhand verwandelte Regisseur Jon Favreau den äffischen König der Tempelruinenstadt aus Disneys Zeichentrickmusical „Das Dschungelbuch“ (1967) in einen Gigantopithecus, einen Vorfahr dieser Primaten-Gattung. Diese Spezies soll einst Teile des Subkontinents bevölkert haben und ist von den Proportionen her weit furchterregender als ein normaler „Waldmensch“. Die Schlange Kaa wird erstmals in der „Dschungelbuch“-Historie als weiblicher Charakter eingeführt – weil nach Ansicht von Favreau schon genügend „Mannsbilder“ den Urwald belebten. Die Flora basiert auf echtem, indischem Dschungel – entlegene Gebiete wurden als Vorlage fotografiert.

Der Bär Balu wird im englischen Original von Bill Murray gesprochen, der damit sein Debüt bei Disney gab. Für ihn und Scarlett Johansson (sie spricht die Kaa) war die Synchronarbeit das zweite filmische Miteinander nach „Lost in Translation – Zwischen den Welten“. Die Wolfswelpen wurden nach den Motion-Capture-Darstellern der Tiere und anderen Crewmitgliedern benannt. Wegen seines Handlungsortes hatte der Film schon vorige Woche in Indien Premiere – eine Woche vor dem Rest der Welt.

Bei dieser Neuinterpretation kann es gar nicht dunkel genug sein, Mogli scheint eine Reise ins Herz der Finsternis anzutreten. Tatsächlich lauert da ja auch ein irrer Affenkönig namens Louie (Christian Berkel) in seinem Palast. Tote allerdings gibt es im ganzen Film nicht zu sehen - obwohl heftig gekämpft und auch gestorben wird. Das verbietet die Disney-Doktrin.

Alles in allem ist das Dschungelbuch 2016 eine rasante Adaption. Die Anpassung an gängige Actionspektakel schmälert den Wohlfühlfaktor allerdings deutlich. Ein honiglüsterner Bär allein reicht nicht, um auch nur annähernd den Spaßbonus des Dschungelbuchs von 1967 zu erreichen.

„The Jungle Book“, Regie: Jon Favreau, 96 Minuten, FSK 6. Läuft in folgenden Kinos:  Astor, Cinemaxx, Cinemotion, Cinestar

von Stefan Stosch

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