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So gut ist Siegried Lenz' "Der Überläufer"

Roman-Rezension So gut ist Siegried Lenz' "Der Überläufer"

Am 27. Februar ist im Verlag Hoffmann und Campe der Roman „Der Überläufer“ erschienen – es ist eines der frühesten großen Werke von Siegfried Lenz, aber erst nach seinem Tod im Jahr 2014 in seinem Nachlass aufgetaucht.

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Siegfried Lenz raucht am 08.02.2011 eine Pfeife während eines Interviews in Hamburg.

Quelle: dpa (Archiv)

Hannover. Man kann sich vorstellen, wie die Herren im Verlag gerungen haben: Ein Wehrmachtssoldat, der mitten im Krieg die Seiten wechselt und sich den Partisanen der Roten Armee anschließt. Nicht aus politischer Überzeugung, sondern um sein Leben zu retten. Und aus der Erkenntnis heraus, dass auf der anderen Seite auch immer nur Menschen stehen. Eine Geschichte, die 1951/52 dem Wiederaufbau-Elan der Adenauer-Bundesrepublik womöglich die Stimmung verhagelt hätte.

Nach dem Erfolg von Es waren Habichte in der Luft (1950), der dem jungen Autor beim Hamburger Verlag Hoffmann und Campe gleich den Vertrag für einen zweiten Roman einbrachte, sollte Der Überläufer Siegfried Lenz‘ zweites Buch werden. Eine Art Kriegsbericht, erzählt entlang der Odyssee des jungen Walter Proska. Der kommt wie Siegfried Lenz aus Lyck in Masuren und ist in seiner pragmatischen Art ein typischer Lenz-Protagonist. Verwandt mit Siggi Jepsen aus der Deutschstunde (1968) und Zygmunt in Heimatmuseum (1978). Eigentlich unpolitisch, aber sensibel für die Unstimmigkeiten politischen Handelns.

Proska ist nach dem Heimaturlaub auf dem Weg an die Ostfront, als sein Zug explodiert. So strandet er als einziger Überlebender im Nirgendwo Ostpolens, vielleicht ist es auch schon Weißrussland oder die Ukraine – am „Kontrollpunkt 25“, an dem der Unteroffizier Willi Stehauf mit einer Handvoll Soldaten Bahndamm und Stellung verteidigt. Junge Kerle allesamt: Zwiczosbirski aus Schlesien, den alle Schenkel nennen, weil er hinkt. Baffi, der Koch und Feuerschlucker. Zacharias, dessen Frau zu Hause das erste Kind erwartet. Wolfgang, der Jüngste, das „Milchbrötchen“, mit seinen todessehnsüchtigen Gedanken.

Allesamt Männer jenseits des Heldischen, die Lenz beim Rauchen, beim Warten, beim Angeln und beim Streifegehen beobachtet. Sie lauschen auf das Klicken der Maschinengewehre, suchen die überhitzte Landschaft nach blitzenden Mündungen ab, gehen mechanisch die Überlebenstaktik durch: sehen, aufspringen, rennen, niederwerfen. Sterben sieht man sie trotzdem, einen nach dem anderen.

Die festgesetzt wirken die Soldaten im Mikrokosmos ihrer „Festung“, seltsam abgelöst von der Welt unter der alles vernebelnden Dunstglocke des Sommers und des Krieges. Ausgeschlossen von einem Leben, das nur noch in Bruchstücken greifbar wird. In der unvollendeten Liebesgeschichte von Proska und Wanda, dem Partisanenmädchen, mit der Lenz die Männerwelt bricht. In der Wahrnehmung der „Zivilisten“, die entweder wie Außerirdische erscheinen, oder als Partisanen. Ein Ausnahmezustand, in dem Grund und Sinn längst verloren sind.

Siegfried Lenz schildert das Kriegsgeschäft brutal akribisch, beinahe überscharf, aber ohne doppelten Boden und sachlich wie im Obduktionsbericht. Ein lakonisches Requiem, das aus der Direktheit kafkaeske Züge entwickelt. In der auf Befehl und Gehorsam zusammengeschnurrten Moral, in einem leergelaufenen Pflichtgefühl – „Diese Pflicht, die hat man uns unter die Haut gespritzt“ – oder dem diffusen Begriff der „Klicke“, mit dem Proska die fernen Nazi-Machthaber vereinnahmt.

Da ist wahrlich nicht alles aus einem Guss im  Überläufer, den die Siegfried-Lenz-Stiftung und Hoffmann und Campe entdeckt haben und nun, zwei Jahre nach dem Tod des Autors, herausbringen. Aber alles, was den Schriftsteller Lenz ausmacht, ist schon da. Die beiläufig schneidenden Sätze: „Familienmitglieder haben sich doch gewöhnlich nicht viel zu sagen.“ Die schönen schrägen Bilder, in denen sich die Natur zur Atmosphäre verdichtet: „Der Tau saß zwinkernd auf den Gräsern, der Himmel sah hoffnungslos heiter zu und die Sonne schlurfte lautlos … über die Baumkronen.“ Der warmherzige Menschen- und Tierbeobachter, dem die Jagd nach einem Hecht zum wortlosen Drama gerät: „Er sah auf das Auge seines Gegners, ein ruhiges, nicht von Furcht entstelltes, gleichgültig blickendes Fischauge … das in seiner Gelassenheit finster und freundlich zugleich auf dem Mann ruhte.“

Eine erste Fassung seines Romans hatte Lenz 1951 noch unter dem Titel … da gibt’s ein Wiedersehen“ eingereicht - und auf Aufforderung seines Lektors Otto Görner umfassend bearbeitet. Mit so deutlicher Betonung auf dem Seitenwechsel des Protagonisten - der nach Kriegsende zunächst auch im sozialistischen Räderwerk der SBZ funktioniert, dann aber ein weiteres Mal die Falschheit des Systems erspürt - dass die zweite Fassung 1952 dauerhaft in der Schublade des Verlags verschwand. „Ein solcher Roman hätte 1946 erscheinen können … heute will es bekanntlich keiner mehr gewesen sein“, so Görner in seinem Ablehnungsschreiben an Lenz.

Was das Buch 1952 verhinderte, ist seine bildnerische Kraft, die auch heute noch Wirkung hat. Wie die Erkenntnis von der Sinnlosigkeit des Krieges einsickert in Proska, das passt auch auf die aktuellen Kriegsschauplätze der Welt. Und was die eher intuitive Entscheidung für die Partisanen ausmacht, das ist von schlagender Ambivalenz. Denn auch das muss Proska erkennen: Die Schuld ist auf beiden Seiten der Front die gleiche. Irgendwann steht er als Rotarmist in Sybba auf dem Hof seines Schwagers Rogalski – und muss sich entscheiden: töten oder sterben.

Siegfried Lenz: Der Überläufer. Roman. Hoffmann und Campe. 370 Seiten, 25 Euro. Erscheinungsdatum 27. Februar

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