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So gut klingt das neue Coldpay-Album

"A Head Full of Dreams" So gut klingt das neue Coldpay-Album

Alles gut. Coldplay haben sich ausgeweint und singen auf ihrem neuen Album „A Head Full of Dreams“ viel von gefiederten Freunden.

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Hier geht’s bunt: Will Champion, Jonny Buckland, Chris Martin und Guy Berryman (von links).

Quelle: Julia Kennedy

Hannover. Chris Martin glaubt, er sei gelandet. In einer Welt, in der es noch Wunder gibt. Überdies rät er uns, unsere zerbrochenen Fenster offen zu lassen. Weil dann das Licht reinfließe (das ja durch kaputte oder ganze Scheiben eigentlich auch prima kommt, wenn die Fenster geschlossen sind). Von dem Licht, so gluckst Martin, bekomme man das, wonach das neue Coldplay-Album benannt ist: „A Head Full of Dreams“ – einen Kopf voller Träume. Nicht das Schlechteste.

Auf dem neuen Album geht es dann auch um eine Konferenz der Vögel. Und darum, dass es darauf ankomme, dass einen der liebste Mensch beim Fliegen mitnimmt. Pop muss rätselhaft sein. Schon nach den wenigen Zeilen dieses Songs mit seinem glitzernden Intro, Johnny Bucklands Vibrato-Riff und den sachte treibenden Disco-Beats weiß man, dass Coldplays Neue im Grunde „Gwyneth II – Ich bin drüber weg“ heißt. Und Kopf-hoch-Songs für „This World so Cruel“ birgt. Alles wieder gut.

Das vorige Album hieß „Ghost Stories“. Es trug Engelsflügel auf dem Cover, zudem den Schattennamen „Gwyneth I – Ich komme niemals drüber weg“. Die neun Songs des von seiner Lebensliebe, der Schauspielerin Gwyneth Paltrow, verlassenen Martin hätte man „Ich heul jetzt mal, Parts I–IX“ betiteln können. Bis auf „A Sky Full of Stars“, das eine Art „Ich heul jetzt mal, tanze aber dazu“ vorstellt. Todtraurig war das abschließende „O“, auf dem er Vögel am Himmel sah und die Liebste freigab: „Fly on!“

Inzwischen ist er selbst weitergeflogen. Zwei Martin-Beziehungen später (Jennifer Lawrence, aktuell: die englische Schauspielerin Annabelle Wallis) geht es der großen Band Coldplay darum, die neue Lebensfreude ihres Frontmanns auszuweisen. Das Cover ist wehtuend bunt, hat einen kaleidoskopischen Rahmen und eine mit dem Spirografen gemalte Blume in der Mitte. In praktisch jedem Lied herrscht Getriebe am Himmel. Immer wieder werden Vögel als Metapher der neu gewonnenen Freiheit bemüht, ein Song heißt sogar „Birds“, aber es sind auch Engel unterwegs. Und wenn sich in „Fun“ der Flieger Ikarus auch mit einem resignierten „Ich weiß, es ist vorbei“ an die Sonne wendet, hebt er im übernächsten Song „Army of One“ eben nachts ab, da verbrennt man sich nicht die Flügel, da kann man „den Mond mit dem Lasso fangen“. Kopf hoch, fliegen! Niemals stirbt man so ganz.

Seine Lektüre psychotherapeutischer Schriften, feministischer Literatur und der Schriften des persischen Dichters Dschalal ad-Din ar-Rumi seien in das neue Album eingeflossen, verkündete Martin jüngst. Tatsächlich durchströmt der Glaube des mittelalterlichen Mystikers ar-Rumi an die Liebe als Zentralkraft im Universum und an das Verzeihen die neuen Coldplay-Songs.

Wie Martin kam einst auch ar-Rumi nach einem großen Verlust zu seinen Erkenntnissen. Vergangene Liebe ist erst dann verschütt und verloren, so die Botschaft gleich mehrerer Lieder, wenn man sich ihrer glücklichen Momente nicht mehr erinnern will, sich ihre einstige Bedeutung und Kraft nicht eingestehen kann. Da lieber Frieden finden, Hand ausstrecken, das Gemeinsame feiern, auch wenn man sich getrennt hat. Wir können aufatmen: Es läuft bei Chris Martin also, wie es bei den meisten Ex-Lieben läuft, jedenfalls wenn genug Vernunft in den Köpfen der Lebensabschnittsgefährten steckt.

Und so ist alles beim Alten bei Coldplay, nur sind die Lieder noch viel poppiger, glamouröser und tanzbarer. Die Zeiten des zweiten Albums „A Rush of Blood“, als die Band aus London mit ihren Querverweisen noch bis hin zu den frühen Pink Floyd reichte, sind lange vorbei. Man gibt sich damit zufrieden, dass einem schon seit Längerem deutlich eingängigere U2-Songs einfallen als U2, Johnny Buckland lässt seine „Ich bin auch The Edge“-Gitarre erneut wonnig schlittern und klingeln, und die frenetischen „Oh-ouh-ouh“-Gesänge von Martin kennen auch diesmal keine Grenzen.

Produziert hat der langjährige Begleiter Rik Simpson und das schwedische Duo Stargate (Tor Hermansen und Mikkel Erikson), auf der groovenden „Hymn for the Weekend“ singt Beyoncé Knowles mit und in den collageartigen Zwischenstücken „Kaleidoscope“ und „Colour Spectrum“ ist sogar der amerikanische Präsident zu hören – mit Trostworten und ein wenig „Amazing Grace“. Die „Lost and found“-Zeile, gesungen bei der Beerdigung des Pastors Clementa Pinckney, eines Opfers des Charleston-Amoklaufs, passte nach Ansicht der Band gut ins Albumkonzept. Und Barack Obama mag eben Coldplay-Musik.

Das hymnische „Up & Up“ beschließt ein Werk, das einem nach mehrmaligem Hören wieder „A Head Full of Earworms“ beschert hat. Alle zehn Coldplay-Kinder und die von Beyoncé singen jetzt Gospel. Die erste Zeile „Fixing up a car to drive in it again“ kann Martin dabei getrost VW überlassen. Aber beim „We’re going to get it together right now“ hätten ihm auch John Lennon, George Harrison, Crosby, Stills and Nash und alle Mamas & Papas assistiert. Der Vogel erhebt sich jetzt, während unter ihm die Weltflut zusammenschlägt, und singt uns ein „Gib niemals auf“ zum Abschied. Können wir gut gebrauchen. Aber was die Fenster betrifft: Besser reparieren, der Winter naht.

Am 1. Juni treten Coldplay in der Veltins-Arena Gelsenkirchen auf, am 29. Juni im Olympiastadion Berlin und am 1. Juli im Volksparkstadion Hamburg.

Von Matthias Halbig

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