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So klingt der Sommer

Was wird der Urlaubshit 2015? So klingt der Sommer

Leicht wie eine Wolke, melodiös wie Meeresrauschen und an jedem Strand der Welt tanzbar: Jeder Sommer hat seinen eigenen Hit. In diesem Jahr ist noch kein klarer Favorit erkennbar, aber die Geschichte der schönsten Sommer-Songs zeigt: Am Ende der Ferien summen alle im gleichen Takt.

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Welches Lied wird der Sommerhit 2015? Mehrere Titel sind im Rennen.

Quelle: iStock

Hannover. Drei Minuten Pop – und die Sonne geht auf. Nur 180 Sekunden können ausreichen, um von einem wunderbaren Sommer zu träumen, ihn vor den Augen ablaufen zu lassen wie einen Lieblingsfilm. Wenn Gnarls Barkleys Sommerhit „Crazy“ heute im Radio läuft, denkt mancher wehmütig an die Zeit auf Ibiza.

Dagegen ist Kaomas „Lambada“ als der Song in die Geschichte eingegangen, der von August 1989 an die Deutschen auf beiden Seiten der Mauer begeisterte und sie zum letzten getrennten Hüftschwingen animierte. Und die Großeltern wissen noch, als wär’s gestern gewesen, dass 1975 auf Sardinien nichts anderes lief als das quirlige „Una Paloma Blanca“ von der George Baker Selection (in Wahrheit gab es natürlich noch ABBAs „S.O.S“).

Das waren Sommerhits

1950
„Pack die Badehose ein“ (Die kleine Cornelia)

1960
„Itsy Bitsy Teenie Weenie Yellow Polka Dot Bikini“ (Brian Hyland)

1970
„In the Summertime“ (Ray Dorset)

1971
„Borriquito“ (Peret)

1975
„Paloma Blanca“ (George Baker Selection)

1978
„Rivers of Babylon“ (Boney M)

1988
„Kokomo“ (Beach Boys)

1989
„Lambada“ (Kaoma)

1996
„Macarena“ (Los Del Rio)

2000
„Around the World (La La La La La)“ (ATC)

2001
„Miss California“ (Dante Thomas feat. Pras)

2002
„The Ketchup Song (Aserejé)“ (Las Ketchup)

2003
„Ab in den Süden“ (Buddy vs. DJ The Wave)

2004
„Dragostea din tei“ (O-Zone)

2005
„Maria“ (US5)

2006
„Crazy“ (Gnarls Barkley)

2007
„Hamma!“ (Culcha Candela)

2008
„I Kissed a Girl“ (Katy Perry)

2009
„Jungle Drum“ (Emilíana Torrini)

2010
„We No Speak Americano“ (Yolanda Be Cool & DCUP)

2011
„Mr. Saxobeat“ (Alexandra Stan)

2012
„I Follow Rivers“ (Lykke Li)

2013
„Wake Me Up“ (Avicii)

2014
„Prayer in C“ (Lilly Wood & the Prick)

Quelle: GfK
(vormals Media Control)

Der Songtypus des Sommerhits öffnet das Schatzkästlein der Erinnerungen, und jedes Jahr kommt ein neuer hinzu. Verpflichtende Kennzeichen: Der Sommerhit ist von extrem ohrfreundlicher Melodie, er muss tanzbar sein und beschäftigt sich im Idealfall mit der Leichtigkeit des Seins in Zeiten der Muße.

In diesem Jahr ist das Rennen offen. Die Ferienzeit beginnt erst, und verblüffend viele Kandidaten rangeln um die Ehre, musikalisches Aushängeschild dieses Sommers zu werden. Wer auch immer am Ende das Rennen um den Hit 2015 machen wird – im Jahr 2030 werden sich die Feriennostalgiker wohl allenfalls an den Songtitel, nicht aber an den oder die Künstler erinnern.

Aufgebrezelte Oldies?

Denn deren Namen sind in dieser Saison meist nervtötend lang. Sie bestehen oft aus dem Alias eines Produzenten und dem Namen des Sängers, die der Produzent „in der Hauptrolle“ (im Pop-Slang: „featuring“) hinter das Mikrofon gestellt hat: Lost Frequencies featuring Yanieck Devy sind mit „Reality“ unlängst auf Platz zwei der deutschen Charts eingestiegen.

Alle Farben featuring Anna Naklab & Younotus geben dem „Supergirl“ der Band Reamonn mehr Rhythmus als in der Originalversion. Auf Nummer sicher geht auch der Lübecker Felix Jaehn (featuring Jasmine Thompson), der dem Funk-Klassiker „Ain‘t Nobody“ von Chaka Khan die zum Erfolg bei den jungen Sommerseligen nötigen, dezenten Housebeats verabreicht hat. Aber zählen aufgebrezelte Oldies überhaupt als zeitgemäße Sommerhits?

Junge, Gitarre, ein paar Beats

Der Haken an all diesen „Produzent X feat. Sänger/in Y“-Songs: Sie klingen oft austauschbar. Sehr lässig und zurückgelehnt, weder zu schnell noch zu langsam, mit hingetupften Beats und gerne auch mal einem richtigen Instrument wie der akustischen Gitarre oder dem Saxofon als besonderem Merkmal.

Bei den deutschsprachigen Sommersongs haben Philipp Dittberner und Marv derzeit die besten Karten. Das Lied „Wolke 4“ ist zwar ein Plädoyer gegen zu heftige Verliebtheit und polarisiert entsprechend, die flauschige Produktion und unkomplizierte Melodie machen dieses Manko jedoch schnell wieder wett.

Der Exotentipp

Musikalisch ähnlich – Junge mit Gitarre, ein paar Beats und fieser Liebeskummer – sind gleich ein paar weitere, englischsprachige Sommerhitkandidaten aufgebaut. Kim Churchill kommt aus Australien, klingt auf „Window to the Sky“ kräftiger, rockiger als seine deutschen Hit-Konkurrenten. Und Hayden James (auch ein Australier) könnte für den Erfolg von „Something about You“ den Anschub durch die aktuelle Microsoft-Handy-Werbung nutzen, in der sein sanft perlender Popsong gespielt wird.

Exotentipp dieser Saison: Der Deutsch-Spanier Alvaro Soler mit seiner Italien-Nummer-Eins „El Mismo Sol“. Die hört sich exakt so an, wie Name und Titel vermuten lassen, mit rhythmischem Händeklatschen, Gitarre und Xylofon. Die charmanteste Sommerhitbewerbung jedoch wird von der 18 Jahre alten Französin Louane Emera eingereicht. Der Teenager wurde mit der Gehörlosenkomödie „Verstehen Sie die Béliers?“ zum Star, singt mit „Avenir“ (Nummer eins in Frankreich) mit verblüffend reifer Stimme ein unschuldig-eingängiges Liedchen.

Und dann gibt’s noch ein Sommerhit-Rätsel: Warum ist ausgerechnet Rihannas „Bitch Better Have My Money“ (noch) kein Hit? Der Song ist vollgepackt mit Reggae, Funk und der für Rihanna unverzichtbaren Erotik und wird von einem blutrünstigen Extremvideo im Stile Quentin Tarantinos unterstützt.

In einer Musikindustrie, in der die Hits heutzutage bevorzugt auf Stromlinienförmigkeit designt werden, fährt ausgerechnet einer der einflussreichsten Popstars unserer Tage kommerziell gegen die Wand? Nun, wer will später schon seinen Sommer 2015 mit „Schlampe“ und „Geld“ und Blut statt Cocktails in Verbindung bringen?

Der Hit aller Hits?

Dabei muss ein sonniger Text nicht zwingend sein. 1974 ist für viele noch heute der Sommer von „Seasons in the Sun“. Der folkige Ohrwurm jenes Jahres erzählt von „Freude“ und „Spaß“ und „Seesternen am Strand“ – allerdings in der Vergangenheitsform.

Denn der Icherzähler entpuppt sich als Sterbender, der sich von seinen Nächsten verabschiedet: „Auf Wiedersehen, meine Freunde, es ist schwer zu gehen, wenn alle Vögel am Himmel singen.“ Damals, in der des Englischen noch nicht so mächtigen Bundesrepublik, hatte man den Refrain nach Gehör mitgesungen und dachte eingedenk des Titels, es müsse wohl um Ferien gehen.

Gibt es den Sommerhit der Sommerhits? Wenn, dann ist es wohl Mungo Jerrys „In the Summertime“ von 1970. Wann immer dieser bedripste Skiffle mit seinem schaukelnden Honkytonk-Piano und seiner geblasenen Weinflasche aus den Boxen schallt, denkt jeder an seinen schönsten Sommer. Und noch heute wird er Jahr für Jahr in Werbeclips eingesetzt, was seinem Komponisten Ray Dorset noch heute Geld in die Kassen spült.

Ein Sommerhit kann ein ganzes Leben andauern.

Von Steffen Rüth und Matthias Halbig

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