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So multimedial ist die neue Ausstellung

Kestner-Museum So multimedial ist die neue Ausstellung

"Götter, Gärten und Geehrte" heißt die neue Sonderausstellung im Kestner-Museum. In dieser wird gezeigt, wie im alten Ägypten Götter und deren Sachwalter auf Ehren nicht zuletzt durch die Gestaltung von Gärten geehrt wurden. Und dabei kommen auch äußerst moderne Medien wie Virtual-Reality-Brillen und Tablet-PCs zum Einsatz.

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Digitale Medien im Griff, analoge Werke im Blick: Museumschef Thomas Schwark mit Virtual-Reality-Brille vor den Nijaji-Reliefs und Degenhard Andrulats „SignalRed, ErdGrau, Phyranthron“. 

Quelle: Christian Behrens

Hannover. Eine Großstadt im Grünen – das schätzen Menschen an Hannover am meisten. Auf diese Erkenntnis aus einer Umfrage bei der Ausstellung „Typisch Hannover“ hat Museumschef Thomas Schwark jetzt bei der Eröffnung der neuen Sonderschau im Kestner-Museum hingewiesen. Die demonstriert eindrucksvoll, dass Glücksgefühle über gestaltetes Grün keine hannoversche Eigenheit sind, sondern ebenso globale wie geschichtliche, ja, geradezu göttliche Dimensionen haben. „Götter, Gärten und Geehrte“ heißt die ziemlich multimediale Ausstellung, die das Kestner-Museum mit dem Züricher Museum Rietberg gestaltet.

Durchaus multimedial sind Künstler schon vor 3000 Jahren zu Werke gegangen, wenn es galt, die Götter und nicht zuletzt deren irdische Sachwalter zu ehren, was in aller Regel in deren Auftrag geschah – und eben oft durch die Gestaltung von Gärten. Sennefer beispielsweise, einst Stadtoberhaupt von Theben, ließ sich um 1400 vor unserer Zeitrechnung einen „Garten des Amun“ gestalten, in dem statt des Gottes Amun als dessen Sachwalter Sennefer selbst Domizil nahm. Nijaji, ein Priester der Isis, ließ sich in Memphis, gut 800 Kilometer entfernt, um 1290, also gut hundert Jahre später, gleichfalls einen Garten gestalten, diesmal zu Ehren der Isis, die darin mal als Sykamore-Feigenbaum, mal als Dattelpalme erscheint und den Priester nebst Gattin nährt.

"Götter, Gärten und Geehrte" heißt die neue Sonderausstellung im Kestner-Museum. Und die setzt stark auf Multimedialität.

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So göttlich kann es in Gärten zugehen. Und was sieht man davon im Kestner-Museum? Zur Dokumentation der guten Taten zu Ehren der Götter dienten in Memphis gemauerte Steinreliefs, von denen in Hannover drei erstmals gemeinsam gezeigt werden, darunter als größtes ein Motiv mit Sykamore-Baum aus dem Besitz des Kestner-Museums, die anderen als Leihgaben aus Berlin und Leipzig. „Das ist eine spektakuläre, noch nie dagewesene Zusammenführung“, sagt Ägypten-Kurator Christian Loeben. In Theben wurden die Gärten in Wandmalereien festgehalten. Die sind seit ihrer Freilegung durch eine Expedition im Jahre 1828 stark verwittert und verblasst. So zerstört die Archäologie, was sie sucht, indem sie es entdeckt.

Die Ausstellungs-App Senefer gibt es auch für das eigene Smartphone zum Download. Hier finden Sie die Android- und hier die iOS-Variante.

Doch immerhin hat damals der Archäologe Ippolito Rosellini eine farbenfrohe Zeichnung angefertigt. Die ist nun nicht nur wandgroß in der Ausstellung zu sehen, sie bildet auch die Grundlage einer Computeranimation der Züricher Firmen Ateo und Zaak, die sich als Experten für „Augmented Reality“ präsentieren. Dass es sich bei ihren Gärten um eine irgendwie verbesserte Realität handelt, wussten auch die alten Ägypter schon, weshalb Sennefer seinen Garten ja von hohen Mauern hat umgeben lassen. Heute muss keine Mauern mehr überwinden, sondern sich nur die Virtual-Reality-Brille überstreifen, wer eine 3-D-Version des Gartens durchwandern will. Zusammen mit einem Stereoskopievorsatz und einer App lässt sich zu dieser Wanderung auch mit dem eigenen Smartphone aufbrechen, und auf zweidimensionale Wanderschaft kann man auch mit einem der in der Ausstellung ausliegenden iPads gehen.

Dass die Reihen von Dattelpalmen, Sykamore-Feigen und Weinreben, die auf vier Teichen dümpelnden Enten und darüberschwirrenden Seelen in beiden Versionen eher zweidimensional erscheinen, zeugt nach Loebens Worten vom Respekt gegenüber Rosellinis Vorlage. „Wir wollten eine Animation im Dienste der Wissenschaft – und keinen Computerkitsch.“

Kein Computerkitsch ist auch ein Beitrag von Degenhard Andrulat: Der Künstler hat das Plakat und das Faltblatt zur Ausstellung sowie deren Wände gestaltet – womit dem 62-Jährigen nach eigenen Worten das größte Werk seines Künstlerlebens gelungen ist: Immerhin 3,21 mal 21 Meter misst „SignalRed, ErdGrau, Phyranthron“, eine Wandbemalung, bei der Andrulat diese und andere Farben in waage- und senkrechten Bewegungen mit bis zu 30 Zentimeter breitem Pinsel auf 67 Quadratmetern Fläche angebracht hat.

Zu den analogen Medien Stein und Meißel, Pinsel und Farbe, die es schon in der Antike gab, kommt damit außer den Werkzeugen des Digitalzeitalters noch die Technik der gestischen Malerei, die Degenhards Kollegen vor 3000 Jahren noch gänzlich unbekannt war. So multimedial ist diese Ausstellung. Zum überpersönlichen Glück über gestaltetes Grün kommt übrigens noch das fast schon persönliche Glück des Kurators Christian Loeben. Schließlich zeugt diese Ausstellung auch davon, dass die Schätze des Museums unter Kulturdezernent Harald Härke wieder am Leihverkehr teilnehmen, was unter Härkes Vorgängerin aus Kostengründen keineswegs selbstverständlich war. Zürich trägt dabei übrigens den Löwenanteil der Kosten, Hannover muss nach Loebens Worten nur rund 300 Euro beisteuern.

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