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Kultur So war „Der letzte Nerv“ im Theater an der Glocksee
Nachrichten Kultur So war „Der letzte Nerv“ im Theater an der Glocksee
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13:12 14.06.2018
„Man ist ein totaler Versager, wenn einem nicht die ganze Zeit die Sonne aus dem Arsch scheint“: Das Stück „Der letzte Nerv“ kritisiert die Leistungsgesellschaft. Quelle: Jonas Wömpner
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Hannover

„Achtsamkeit, Wertschätzung? Alles scheiße!“, schreit Helga Lauenstein. Ihr Gesicht ist gerötet, der Atem geht stoßweise und ihre Stimme überschlägt sich. Gerade hat sie eine Therapiesitzung beendet – nicht etwa als Patientin, sondern als Therapeutin. Und eigentlich hat auch eher der Patient die Stunde beendet, indem er einfach gegangen ist.

Aber die Rollen changieren in dem Stück „Der letzte Nerv“ von Lena Kußmann, das am Mittwoch im ausverkauften Theater in der Glocksee Premiere feiert, ohnehin. Zum dritten Mal arbeitet das Ensemble dafür mit Arzt und Regisseur Tugsak Mogul („Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt“) zusammen.

Obwohl: Was denn für Rollen? Lauenstein, Andrea Casabianchi und Jonas Vietzke jedenfalls tragen ihren Namen auch im echten Leben. Werden die drei Schauspieler auf der Bühne mit Vornamen angesprochen, sind sie ganz Therapeut, fragen Patienten nach dem Glück oder erklären den knapp 70 Zuschauern Psychosomatik. Mit Nachnamen angesprochen ist Lauenstein die dauergestresste Immobilienmaklerin, Casabianchi eine Astronautin mit Essstörung und Vietzke ein depressiver Designer mit Tinitus.

Kritik an der Leistungsgesellschaft

Immer öfter brennen Menschen aus und müssen sich zurückziehen, um wieder aufzutanken – so die These des Theaterstücks. Dabei ist das Stück keine kulturpessimistische Weltkritik, eher die Demonstration eines labilen Zustandes, in dem die Grenzen zwischen Kranken und Gesunden in Frage gestellt werden und die Leistungsgesellschaft als solche, in der es zu oft darum geht zu funktionieren.

In einer solchen Aufladestation, der „psychosomatischen Klinik“, treffen sich die „Schräubchen“ (Burn-Outler), „Stäbchen“ (Tinitus-Deprichen) und „Glöckchen“ (Essgestörte), machen Achtsamkeitsspaziergänge und Yoga. Lauenstein, Casabianchi und Vietzke leiden unter Schlafstörungen, Zwangshandlungen und sozialer Isolation. Sie sind launisch und träumen sich mit Glaskugel auf dem Kopf in den Weltraum.

Tragisches Unverständnis

Die Figuren sind auf klischeehafte Schablonen reduziert: Befindlichkeiten der Patienten werden überdeutlich skizziert („Fragen sie mich sowas nicht. Sie wissen doch, dass man da bei mir vorsichtig sein muss!“), die Therapeuten zeigen Verständnis ohne wirklich zu verstehen („Ich bin stolz auf Sie – weil Sie stolz auf sich sind“) und gehen zur Supervision in die Kneipe („Ein Sabbatical wäre auch nicht schlecht“). Die Klinik gleich eher einem fantasierten Irrenhaus, als der Wirklichkeit. Die Zuschauer lachen über die absurden Situationen, die dabei entstehen und klatschen anhaltend.

Im Unverständnis für psychische Krankheiten liegt eben auch eine Tragik: Als der depressive Vietzke versucht zu erklären, was mit ihm los ist, halten seine Freunde ihm vor, er habe doch alles, was er braucht und solle sich doch einfach auch mal anstrengen – wirklich verstehen tut ihn keiner. „Man ist eben ein totaler Versager, wenn einem nicht die ganze Zeit die Sonne aus dem Arsch scheint“, sagt er wütend.

Termine: 20. und 27. Juni , im September am 7., 8., 12., 14., 15., 19., 21., 22., 26., 28., 29. September und 3. Oktober, jeweils um 20 Uhr im Theater an der Glocksee.

Von Kira von der Brelie

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