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Sodom brennt: Die Spuren der Katastrophe

Staatsoper Hannover: Lot von Giorgio Battistelli Sodom brennt: Die Spuren der Katastrophe

Die Oper Lot von Giorgio Battistelli ist ein Auftragswerk der Staatsoper Hannover. Das Libretto schrieb die vielfach mit Preisen ausgezeichnete Gegenwartsautorin Jenny Erpenbeck.

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Figurinen (gezeichnete Kostümentwürfe) von Gabriele Rupprecht. V. l. n. r.: die beiden Engel, ein Mann und eine Frau aus Sodom (Choristen), Lot und seine Frau. Die goldene Gewandung der Bewohner Sodoms steht im Kontrast zu der eher schlichten Kleidung Lots und seiner Familie.

Hannover. Zwischen Weltuntergang und Stunde null: Mit seiner neuen Oper, einem Auftragswerk der Staatsoper Hannover, widmet sich der italienische Komponist Giorgio Battistelli erstmals einem biblischen Stoff. Die Vernichtung der Stadt Sodom, der Kuhhandel Abrahams mit seinem erbarmungslosen Gott, die Rettung Lots und seiner Töchter, der familiäre Inzest nach der Katastrophe – erzählt im Buch Genesis –, dies alles vereinigt die Bibel zu einer seltsam schillernden Geschichte, die aber gerade in ihrer Vieldeutigkeit immer wieder zu neuen Interpretationen herausfordert und zudem mit Aspekten wie dem Verhalten gegenüber dem Fremden, dem fanatischen Glauben an ein göttliches Gebot, der Flucht und dem Neubeginn nach dem Untergang der alten Welt beunruhigende Bezüge zu unserer Gegenwart nicht nur zulässt, sondern geradezu provoziert.

Dabei liegt die Faszination nicht zuletzt in der Widersprüchlichkeit der Figur Lot, in dem sich zum einen der unbedingte Glaube an ein göttliches Gebot von Güte und Menschlichkeit verkörpert. Lot ist bereit, auch über Leichen zu gehen, um seinem Ideal von Humanität gemäß zu leben. Seine „Gerechtigkeit“ gebiert Schuld, und sein Fundamentalismus, der die drohende Vernichtung der anderen stillschweigend akzeptiert, mündet in Barbarei. Andererseits repräsentiert Lot die einzige Hoffnung auf eine Zukunft des menschlichen Geschlechts. Indem er durch den Inzest mit seinen Töchtern moralische Gesetze außer Kraft setzt, negiert er zugleich alle Prinzipien, die die alte Menschheit nicht vor dem Absturz bewahren konnten. Die Frage, ob dies das Ende jeder Humanität bedeutet oder den Anfang einer unvorstellbar anderen Welt, lässt die Oper bewusst offen in einem Bild, das Gedanken an ein seltsames Paradies aufkommen lässt – ein Paradies ohne Gott, eine irreale und unheimliche Zukunftsvision des Menschen, ein beunruhigender Utopos, ein arkadischer Nicht-Ort, an dem die Katastrophe ihre Wunden hinterlassen hat.

Der 1953 in Albano Laziale bei Rom geborene Battistelli hat sich wie kaum ein anderer Komponist der Nachkriegszeit dem Musiktheater gewidmet, genauer: der musikalischen Theatralik. Sowohl seine knapp 20 szenischen Werke als auch die Orchesterkompositionen und Kammermusiken sind auf verschiedene Weise von theatralen Dimensionen bestimmt. So spielt auch in den Orchesterwerken dramaturgisches Denken eine Rolle, die rein instrumentalen Kompositionen sind oft inspiriert von Literatur, Film oder bildender Kunst. Zu den bekanntesten Werken Battistellis zählen „Experimentum Mundi“ (Rom 1981), „Teorema“(München 1992), „Prova d’orchestra“ (Strasbourg 1995), „Die Entdeckung der Langsamkeit“ (Bremen 1997), „Auf den Marmorklippen“ nach Ernst Jünger (Mannheim 2002) und „Richard III“ (Strasbourg 2009). Als Auftragswerk der Staatsoper Hannover komponierte Giorgio Battistelli 2011 anlässlich des 375-jährigen Bestehens des Niedersächsischen Staatsorchesters „H 375“ für großes Orchester.

Das Libretto zu „Lot“ schrieb die mehrfach preisgekrönte Schriftstellerin Jenny Erpenbeck, eine der bedeutendsten Gegenwartsautorinnen, die im vergangenen Jahr unter anderem mit dem renommierten Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet wurde und mit ihrem jüngsten Buch „Gehen, ging, gegangen“ über afrikanische Flüchtlinge große öffentliche Resonanz fand. Mit der Novelle „Geschichte vom alten Kind“ (1999) gab sie ihr Debüt als Prosaautorin. Es folgten weitere Werke, „Tand“ (2001), „Wörterbuch“ (2004) oder „Heimsuchung“ (2008). Ihr Werk „Dinge, die verschwinden“ (2009) versammelt eine Reihe von Miniaturen, die ironisch und hintergründig – vom Alltäglichen bis in das Historische reichend – die Vergänglichkeit alles Seienden illustrieren. Der Vanitas nahm sich Erpenbeck noch expliziter in ihrem Roman „Aller Tage Abend“ (2012) an.

Für die Inszenierung unter der musikalischen Leitung von Mark Rohde zeichnet ein Regieteam verantwortlich, das in den vergangenen Jahren mehrfach an der Staatsoper Hannover gearbeitet hat und mit Produktionen wie Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“, Detlev Glanerts „Caligula“ oder Verdis „Macht des Schicksals“ beeindruckt hat: der Regisseur Frank Hilbrich, der Bühnenbildner Volker Thiele und die Kostümbildnerin Gabriele Rupprecht.

Zwei prominente Gäste werden die Rollen des biblischen Paares Abraham und Sara übernehmen: Mit 93 (!) Jahren ist Franz Mazura als Abraham vermutlich der älteste Sänger, der nach wie vor auf der Opernbühne steht. Vor allem in Partien aus Richard Wagners Opern feierte er weltweit Erfolge zwischen Bayreuth und New York und wurde mit 91 Jahren mit dem deutschen Theaterpreis „Der Faust“ für sein Lebenswerk ausgezeichnet. An seiner Seite singt Renate Behle als seine Frau Sara. Ausgehend von Hannover, wo sich die Sängerin das dramatische Sopranfach erarbeitet hat, führte ihr Weg an die großen Opernbühnen in aller Welt. Dabei spielte für sie immer auch die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts eine zentrale Rolle, insbesondere nachdem sie sich dem Mezzo-Charakterfach zuwandte.

Klaus Angermann

Musikalische Leitung Mark Rohde Inszenierung Frank Hilbrich Bühne Volker Thiele Kostüme Gabriele Rupprecht Licht Susanne Reinhardt Choreinstudierung Dan Ratiu Dramaturgie Klaus Angermann

Lot Brian Davis 1. Tochter Dorothea Maria Marx 2. Tochter Stella Motina Frau Khatuna Mikaberidze 1. Engel Sung-Keun Park 2. Engel Amar Muchhala Abraham Franz Mazura Sara Renate Behle u.a.

Chor und Statisterie der Staatsoper Hannover

Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Lot

Oper von Giorgio Battistelli in drei Akten (2015)

Libretto von Jenny Erpenbeck

Auftragswerk der Staatsoper Hannover

Uraufführung: 1. April, 19.30 Uhr

Weitere Vorstellungen am 6., 21., 29. April, jeweils 19.30 Uhr

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