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Kultur Solo für Mathias Max Herrmann: „Das Wohnzimmer meines Lehrers“
Nachrichten Kultur Solo für Mathias Max Herrmann: „Das Wohnzimmer meines Lehrers“
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00:23 19.04.2018
Mathias Max Herrmann in „Das Wohnzimmer meines Lehrers“. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

 Die eine Hälfte des Publikums nimmt auf der Bühne in der Cumberlandschen Galerie in einem Raum mit hellbraunem Teppich und mit dunkelbraunen Holzimitatwänden Platz, die andere Hälfte darf sich die Sperrholzkonstruktion zunächst von der Rückseite betrachten. Es ist das Wohnzimmer aus Mathias Max Herrmanns Soloinszenierung „Das Wohnzimmer meines Lehrers“, das hier aufgebaut ist. Die autobiographische Suche nach Herrmanns ehemaligem Schauspiellehrer – dem israelischen Regisseur und Schauspieler Yosef Millo – beginnt damit, dass Mathias Max Herrmann das Zimmer betritt.

„Das Wohnzimmer meines Lehrers war sechs mal fünf Meter groß, vielleicht fünf mal sieben“, sagt Herrmann an einer Stelle. Dieser Satz zeigt, wie detailliert er sich zu erinnern versucht – und wie fern die Erinnerung an das Jahr 1986, in dem Herrmann Schauspielunterricht bei Millo nahm, doch ist. Dennoch: Herrmann kann sich präzise die Farbe der Kirschbaumschränke in Erinnerung rufen, das Treppenhaus des Hauses, in dem Millo wohnte, die Augenbrauen des Meisters.

In sich wiederholenden Sätzen erzählt versucht er, die Erinnerung einzukreisen, während das Wohnzimmer im Laufe der Inszenierung Stück für Stück erweitert wird, so dass am Ende das ganze Publikum darin Platz findet. Dazwischen gibt es immer wieder Videoeinspieler: Herrmann hat zur Recherche eine Reise nach Israel unternommen und dort mit Weggefährten Millos gesprochen. Landschaftsaufnahmen laufen dazu im Hintergrund, nicht nur das Wohnzimmer erweitert sich, auch der Blick aus dessen Fenster: Von Mühlheim an der Ruhr in die ausgeblichene israelische Mittelmeerlandschaft erweitert sich der Blick aus dem Raum. 

Was genau Millo nach Mühlheim verschlagen hat, erfährt das Publikum nie. Auch seine Bedeutung für das israelische Theater wird nur nebenbei erwähnt – mit seiner Inszenierung „He walked through the fields“ prägte Millo 1948 das israelische Theater entscheidend, mit der Verfilmung, in der Millo als Regisseur selbst mitspielte, gelang ihm 1967 ein Klassiker des israelischen Kinos. 

All das streift Herrmann in seiner Spurensuche nur. „Das Wohnzimmer meines Lehrers“ ist weniger Dokumentartheater als eine persönliche Aufarbeitung, in der Herrmann seinem ehemaligen Lehrer Fragen stellt, die er 1986 verpasste zu fragen. Dass das gar nicht gelingen kann, ohne im Nachhinein etwas zu konstruieren, darauf verweist das Ende der Inszenierung. Herrmann beschreibt, wie er und die Bühnenbildnerin der Inszenierung, Maret Tamme, in Israel umherfahren und versuchen, einen geeigneten Ort für die Filmaufnahmen zu finden. Ebenso schleichen sich in den Monolog immer wieder Refkletionen über Schauspiel und Theater ein, die zeigen sollen: Es ist alles nur gemacht.

„Wie hat das alles nur in die Wohnung gepasst?“, fragt Herrmann sich, als er beschreibt, wie Millos Wohnung – nachdem dieser von einer Reise nach Israel nicht zurückkehrte – von einem Umzugsunternehmen ausgeräumt wird. Genau wie die Wohnung des Lehrers schrabbt Herrmanns Inszenierung an der Sättigungsgrenze entlang – es soll um eine Autobiographie gehen, um Millo, um Israel, um die Schauspielerei, und am besten alles gleichzeitig.

Durch diese Übersättigung verliert „Das Wohnzimmer meines Lehrers“ manchmal den Fokus, und die Dringlichkeit, die die die Geschichte von Millo für Herrmann offenbar hat, vermittelt sich nicht ganz. Dennoch ist die Inszenierung eine beeindruckende Erinnerungsarbeit, die mit dem Pathos der Nostalgie spielt und immer wieder an viel größeren Zusammenhängen kratzt. Sie aber wie ferne Rätselbilder nie ganz zu fassen bekommt. 

 Die nächsten Aufführungen: 20. April, 19 Uhr, 11. Mai, 19 Uhr, 19. Mai, 20 Uhr.

Von Jan Fischer

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