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Das große Zwitschern

Sommerfestival Rittergut Bennigsen Das große Zwitschern

Das diesjährige Sommerfestival auf dem Rittergut Bennigsen startete ohne Peter Sloterdijk, aber mit dem vitalen Gewandhausquartett.

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Roderic von Bennigsen.

Quelle: Körner

„Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche …“: Hier irrte Julia. Denn „die Lerche war’s“, wie Romeo verkündete. Wie dem auch sei, in Haydns „Lerchenquartett“ op. 64,5 war auf dem Rittergut Bennigsen zu Beginn beides gleichzeitig zu hören: die Lerche in Haydns’s Musik und eine echte zwitschernde Nachtigall. Durch eine wunderbare Laune des Zufalls wurden dadurch alle schönen Worte und philosophischen Gedanken, die bei der Eröffnung des diesjährigen Sommer Festivals im Programmheft zu lesen waren und in einem Podiumsgespräch zum Thema „Musik als Medium“ als Verbalouvertüre beleuchtet wurden, auf den Punkt gebracht. Was war nun das „Medium“: Haydns komponierte Musik oder der gleich zu Beginn von außen in sie hinein tönende, natürliche Gesang der Nachtigall? Das Gewandhaus-Quartett Leipzig übernahm jedenfalls die Rolle des Vermittlers zwischen Natur und Mensch.

Wie man es von Roderic von Bennigsen kennt, wurden Frank-Michael Erben und Conrad Suske (Violinen), Olaf Hallmann (Bratsche) und Jürnjakob Timm (Violoncello) mit einem Superlativ, nämlich als „Sternstunde der Musik“ angekündigt. Doch die vier Musiker, das derzeit traditionsreichste Streichquartett der Welt, brauchen solche Vermarktungsschlagwörter nicht. Allesamt spielen sie auch in Solopositionen des Gewandhausorchesters. Man kennt sich also zur Genüge – und sieht das Streichquartettspiel offenbar als Quelle vitaler Inspiration. Denn auch das eher konventionelle klassisch-romantische Programm bot Tiefgang, Spannung und Hörvergnügen. Gleich schon Haydns „Lerchenthema“: Zart ausgespielt von Frank-Michael Erben, wurde es von seinen Kollegen licht und doch pulsierend grundiert. Das Adagio bot den ganzen Zauber eines lauen Sommerabends: Ein unnachahmliches Quintett zusammen mit einer nun durch das große Scheunendach vernehmbaren Amsel.

Vitalität ist eine der Stärken der Leipziger Musiker, umso mehr als hierbei nie überzogen wird. Felix Mendelssohn Bartholdys Streichquartett f-Moll op. 80 klang dann in weiten Teilen bohrend, unerbittlich und resignativ. Mendelssohns Verarbeitung des Todes seiner geliebten Schwester Fanny spiegelte sich beim Gewandhausquartett auch in zwingend ohne Vibrato austarierten Klangblöcken wieder. Und der langsame Satz erklang in der Tat als eine der „schönsten“ romantischen Trauermusiken. Wobei es ganz romantisch auch nach der Pause weiterging, jetzt mit allerdings tänzerischen Untertönen. Entsprechend zielten nun die Gewandhaus-Musiker bei Dvoraks As-Dur Quartett op. 105 ganz auf Momente klanglicher Idyllen; sie erwiesen sich als Könner der Transparenz und Meister dynamischer Rücknahmen. Dass schließlich die Intonation im Fortissimo der Schlussstretta etwas aus den Fugen geriet, konnte da kaum noch den Abend trüben.

Inhaltlich verdrießlich geriet allerdings der Auftakt – über „Musik als Medium“ wollten Philosoph Peter Sloterdijk, Dirigent Martin Fischer-Dieskau, Autor Manfred Osten und Hausherr Roderic von Bennigsen vorab diskutieren. Sloterdijk sagte kurzfristig krankheitsbedingt ab, Fischer-Dieskau trat nur zur Begrüßung auf das Podium und überließ es Osten und von Bennigsen eine knappe Stunde ohne erkennbare Linie vom „Einfluss des mütterlichen Beats“ auf das Ungeborene ab der pränatalen Phase des vierten Monats bis zu den Schrecken der modernen Musik („eine einzige Kakophonie ohne Melodie“) und die heute nur noch „reduziert und asthmatisch“ klingende Alte Musik zu fabulieren. Kulturpessimismus pur. Dafür erfuhren wir aber, dass in China die Jugend für die Klassik brennt!

Am 18. Juli um 20 Uhr spielt das Odessa Philharmonic Orchestra auf dem Rittergut.

Von Günter Helms

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