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„Gegen das fragmentierte Leben“

Oskar Negt im HAZ-Interview „Gegen das fragmentierte Leben“

Der hannoversche Sozialphilosoph Oskar Negt spricht im Interview mit Daniel Alexander Schacht über die jetzt vorliegende Ausgabe seiner Werke – und seine nächsten Pläne.

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Oskar Negt.

Quelle: dpa

Herr Negt, Sie haben gerade den Eröffnungsvortrag einer Tagung mit dem Titel „Aufrechter Gang im windschiefen Kapitalismus“ gehalten. Ist ein solcher aufrechter Gang unter derart windschiefen Bedingungen überhaupt möglich?
Er ist schwer, aber er ist nötig, deshalb habe ich mich in meinem Vortrag auch gerade dem Zusammenhang zwischen Sozialkritik und Ethik gewidmet, der mich in meiner wissenschaftlichen Arbeit immer wieder beschäftigt hat. Es geht darum, die Kräfte des widerständigen Subjekts gegen  den Druck der Verhältnisse zu mobilisieren.

Zur Person

Oskar Negt, geboren 1934 auf Gut Kapheim bei Königsberg, ist ein Sozial­philosoph, dessen akademische Anfänge in der Tradition der Frankfurter Schule liegen. Der Sohn eines sozialdemokratischen Kleinbauern hat nach Fluchterfahrungen in der Kindheit – die Familie ist zunächst aus Ostpreußen, später aus der DDR geflohen – in Frankfurt bei Adorno Philosophie studiert und wurde noch als Student Vizechef der DGB-Bundesschule in Oberursel, bevor er in Heidelberg Assistent von Jürgen Habermas war. Nach dem Wechsel an die Universität Hannover gehörte er zu den Gründern der reformpädagogisch ausgerichteten Glockseeschule.

Jetzt hat der Steidl-Verlag Ihre Werkausgabe vorgelegt Ein Abschluss oder nur eine Zäsur?
Wahrscheinlich, wie so häufig, beides. Es ist erstens eine Bilanz, was auch mit einem Lebenszuschnitt zu tun hat. Die Ausgabe dokumentiert, was mir in meinem akademischen Leben wichtig erschien. Zweitens spannt sie den großen Bogen einer  Lebensgeschichte. An der Werkausgabe lässt sich erkennen,  wie das Wichtige publiziert wurde. Ich habe deshalb bewusst vermieden, irgendeine Einleitung zu schreiben oder inhaltlich einzugreifen. Daher sind auch meine  Irrtümer darin mitenthalten. Denn kein Intellektueller ist frei von Irrtümern.

Zum Beispiel?
Das müssen andere herausfinden. Meine Lebensentscheidungen haben lange, weit zurückreichende Voraussetzungen. Ich schreibe gerade an meiner Biografie, und ein Kapitel darin befasst sich mit Lebensentscheidungen, wichtigen Wendepunkten in meinem Leben. Ich war zum Beispiel eng mit Hans Matthöfer befreundet, der mir den Weg zur Gewerkschaftsschule in Oberursel bei Frankfurt geebnet hat. Bei seiner Bundestagskandidatur hat er mich gefragt, ob ich als sein Mitarbeiter mitkommen will nach Bonn. Das wäre ein gewaltiger Sprung gewesen, ich studierte in Frankfurt,  hatte aber noch nicht einmal das Examen. Letztlich habe ich mich gegen eine politische und für die wissenschaftliche Karriere entschieden. Entscheidungen laufen bei mir, wahrscheinlich wegen meiner ostpreußischen Mentalität, etwas langsamer. Dafür basieren sie dann auf Überlegungen, die erfahrungsgesättigt sind.

Die Werkausgabe besteht aus 19 Bänden. Welches sind wissenschaftliche, vielleicht auch persönliche Schlüsselwerke  darin?
Bestimmt ist das der Entwurf einer kritischen Arbeiterbildung in „Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen“, eine Schrift, deren 50-jähriges Jubiläum gerade mit einer Veranstaltung in Hustedt gewürdigt wurde.

Das Besondere war 1965 Ihre Orientierung auf die Arbeiterschaft …
… und die Idee, in der Arbeiterbildung keine toten Fakten zu vermitteln,  sondern beispielhaft an Knotenpunkten und sozialen Konflikten zu lernen, um daran die Urteilsfähigkeit zu bilden. Eine kritische Gewerkschaftsbildung war noch weitgehend Neuland. Als ich in Oberursel anfing, referierten da noch die alten Staatsanwälte aus dem Dritten Reich über Arbeitsrecht. Das war ja für mich einer der Anlässe, über eine politisch motivierte Arbeiterbildung nachzudenken.

Das war auch später ein Schwerpunkt  Ihrer Arbeit.
Ein zweiter Schwerpunkt war die Frage nach dem Subjektpotenzial lebendiger Arbeitskraft. Mit Alexander Kluge habe ich in „Geschichte und Eigensinn“ untersucht, wie Arbeiter ihre Situation subjektiv wahrnehmen und verarbeiten.  Dieser Blick auf die politische Ökonomie des arbeitenden Subjekts setzt sich dann auch fort in „Arbeit und menschliche Würde“.  Die entfremdete Arbeit zwingt menschliche Kreativität in ein Korsett und fragmentiert die Lebensverhältnisse – weshalb es das zentrale Lernziel bleibt, Zusammenhänge herzustellen.

Da geht es also außer um Fesseln für die Kreativität auch um solche für die Produktivität, also durchaus auch kapitallogisch zu beklagende Defizite, weil die Entfremdung auch die Effizienz der Arbeit begrenzt?
Eigentlich ja. Und natürlich ging es Kluge und mir auch darum, den Bogen  zu schlagen zwischen akademischer Theorieentwicklung und konkreter, praktischer Bildungsarbeit.

Die Werkausgabe folgt ja der Reihenfolge des Erscheinens Ihrer Arbeiten, und da finden sich früh auch biografisch durchzogene Werke wie „Kindheit und Schule in  einer Welt der Umbrüche“. Darin schildern Sie persönliche Kindheitserfahrungen, aber nicht um ihrer selbst willen, sondern wiederum exemplarisch.
Da geht es um Sozialisationserfahrungen unter den Bedingungen von Faschismus und Krieg, Flucht und Neubeginn, erst in der DDR, dann im Westen. Es haben ja nicht viele diesen Bogen von Kindheit und Entfremdung bis hin zur Philosophie gespannt, den Bogen zwischen Marx und Kant. Keiner hatte sich bis dahin so intensiv mit dem Sein, den realen Bedingungen des Lebens, beschäftigt wie Marx, keiner so intensiv  mit den moralischen Imperativen des Sollens wie Kant. Was kann ich wissen – das hat sich seit Marx gewaltig erweitert. Was soll ich tun – da fällt seine Antwort auf Kant so kollektiv aus, dass die einzelne Subjektivität dahinter verschwindet.

Sodass ihm das Subjekt zum bloßen Abdruck der Verhältnisse gerät?
Auf Kosten der Kreativität und Besonderheit des Subjekts. Dessen Entwicklung von Anfang an ist aber zentral. Ich wollte deshalb immer eine Schule gründen, lieber als eine akademische Schule.

Sie haben außer der Philosophie auch den Geburtsort mit Kant gemeinsam. War er schon in Ihrer Kindheit in Königsberg für Sie eine Größe?
Mein Vater, der der Sonderfall eines sozialdemokratischen Kleinbauers im Dorfe Kapkeim bei Königsberg war, kannte ihn sicher, aber meine Begegnung mit Kant kam erst in der Schule.

Einer der Bände der Werkausgabe heißt kurz „Achtundsechzig“– ein intimer Blick auf ein Schlüsseljahr?
Ich war selbst kein 68er, meine politische Sozialisation hat viel früher stattgefunden. Ich war ja schon 1963 als Assistent von Habermas nach Heidelberg gegangen und kam mit einer gewissen Reputation von dort nach Frankfurt zurück. Mich selbst haben die Gewerkschaften, hat die Arbeiterbewegung lange vor der Studentenbewegung geprägt. Aber es geht natürlich darum, welche Bedeutung die 68er-Bewegung für die Republik hatte. Die Form der Rebellion gegen bestehende Verhältnisse, Herrschaftskritik, die Demokratisierung der Universität, das hat mich berührt, und das habe ich auch persönlich mitgetragen. Und es ging bei „Achtundsechzig“ auch um die Veränderung des Wissenschaftsbegriffs, Mitbestimmung und Demokratie – nicht nur in der Politik, sondern auch in der Gesellschaft bis hin zum Bestreben, die Sinnfrage auch an die Naturwissenschaften zu richten.

In „Philosophie des aufrechten Gangs“, dem letzten Band der Werkausgabe, geht es um die ersten Schritte eines Menschen, um Kindheit, Erziehung und Bildung. Ein später Rückblick auf die Anfänge?
Motiviert war diese Beschäftigung auch durch den Blick auf die Entwicklung der eigenen Kinder. Ich habe in der Gründungsphase der Glockseeschule sehr viel Zeit mit ihr verbracht, weil ich für die wissenschaftliche Begleitung des damaligen Schulversuchs verantwortlich war. Meine Kinder waren in Frankfurt im Kinderladen und ich stand vor der Frage, ob ich sie in Hannover der Regelschule ausliefern soll. Für die Gründung einer Reformschule herrschte damals hier ein sehr günstiges Klima, mit Herbert Schmalstieg als damals neuem Bürgermeister und Peter von Oertzen als niedersächsischem Kultusminister.

Sind Sie zufrieden mit der Gestaltung der Werkausgabe?
Es gibt nicht viele Verlage wie  Steidl, die solche Werkausgaben machen. Gerhard Steidl verfolgt seit Langem das Konzept, Grass und mich zu zwei Säulen seines Verlages zu machen. Die Werkausgabe ist in den vergangenen zehn Jahren zielstrebig und mit einheitlichem Erscheinungsbild aufgebaut worden. Auch als Gegenentwurf gegenüber der Fragmentierung nicht zuletzt der Bildungsangebote in der übrigen Gesellschaft.

Und jetzt haben Sie unfragmentierte Freizeit?
Na, da hinten stapeln sich die Aktenordner, die ich für meine Autobiografie durchsehe.

Gibt es schon einen Titel?
„Orte und Wege“ ist der Arbeitstitel, eine autobiografische Spurensuche. Im Herbst soll sie erscheinen.

Aber das war’s dann, was Publikationen angeht?
Schwer zu sagen. Jedenfalls  gibt es noch das Projekt einer Publikation der Vorlesungen, die ich zwischen 1972 und 1982 in Hannover gehalten habe und die aufgezeichnet wurden, insgesamt sind das 318 Stunden Vortragszeit. „Politische Philosophie“ wird das heißen, und es werden wohl drei Bände sein. Der erste wird wahrscheinlich ein Marx-Band sein – „Marx, unser anstößiger Zeitgenosse“. Na, und man weiß ja gar nicht, was man so alles produziert hat – es wird daher noch ein Werkverzeichnis entstehen, das über die Monografien hinaus auch alle Aufsätze und Artikel erfasst. Also, von Freizeit ist keine Spur. Aber das ist ja auch das Schöne am Gelehrtendasein.

Interview: Daniel Alexander Schacht

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