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Kultur Spielmaschine Molière
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00:00 31.03.2017
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Hannover

Mit „Tartuffe“ inszenieren Sie nach dem „Geizigen“ am Deutschen Theater Berlin in Hannover erneut ein Stück von Molière. Was reizt Sie an dem Autor? Mich interessiert die Spielmaschine. Jeder Spieler hat eigentlich eine Arie, und aus diesen einzelnen Arien ergibt sich das Gesamtbild des Stückes. Die Einfachheit der Situation ermöglicht eine große Freiheit im Spiel. Diese Freiheit bedingt eine sehr starke Körperlichkeit. Die Körper auf der Bühne haben wirklich etwas miteinander zu tun und werden nicht über universell gültige Texte getrennt. Die Komplexität des Theaterabends entsteht nicht über einen allgemein gültigen Gedanken, sondern über das scheiternde, sich verausgabende Individuum. Molière hat die Texte für sich beim Proben geschrieben, aus dem Stegreif Szenen erfunden, sie ausgetauscht und verändert. Diese Arbeitsweise empfinde ich als ungemein modern. Sie ist natürlich hochriskant, aber sehr reizvoll. Molières Stücke sind Spielstücke, keine Lesestücke. Für ein Schauspielensemble und für mich als Regisseur ist es dabei interessant zu schauen, wo der eigene Humor ist. Das Stück heißt „Tartuffe“ und scheint nach der Hauptperson benannt zu sein. Nun tritt dieser Tartuffe aber erst im dritten Akt auf. Ist er überhaupt die Hauptfigur? Dadurch, dass er so spät kommt, wird er umso mehr zur Hauptperson. Das ist durchaus intelligent gebaut. Diese Leerstelle, die das Stück zwei Akte lang durchzieht, wird immer größer und macht ihn zur Hauptfigur, bis er auftritt. Wenn er dann auftritt, lässt dieser Effekt langsam nach, und es geht eher um die abgebildete Gesellschaft. Eine Familie, ein System justieren sich neu und werden sich über sich selbst klar, indem jemand von außen hinzukommt. Eigentlich sind alle Betrüger, und das Prinzip der Lüge, des Betrugs spitzt sich über die Position Tartuffes zu. In welchem Kontext ist Wahrheit wirklich Wahrheit und in welchem eine Lüge? Das ist eine Frage, die nicht nur Tartuffe, sondern alle betrifft. Jeder versucht, seine Interessen durchzusetzen. Für mich ist die Hauptfigur eher Orgon – dadurch, dass er die ihm zugefallene Rolle des Vaters nicht mehr ausfüllt beziehungsweise nicht mehr ausfüllen kann. Erst über die Begegnung mit Tartuffe ist Orgon wieder in der Lage, so etwas wie eine Ordnung herzustellen, die aber der vorherigen Ordnung der Freiheit und Verschwendung widerspricht. Wenn Orgon seine Tochter nun gegen ihren Willen auf einmal mit Tartuffe verheiraten will, dann nimmt man ihm dieses plötzliche Aufwallen von väterlicher Autorität nicht wirklich ab. Das ist eine geborgte Geste; er versucht, den autoritären Vater zu spielen. Wir müssen das erst einmal ernst nehmen. Das Wort des Vaters gilt. Das Familienoberhaupt hat das Sagen, und wenn der Vater sagt, du heiratest, dann ist das Gesetz. Aus heutiger Sicht wirkt das antiquiert, gleichzeitig kann ich das aber auch ganz gut übersetzen. Ein Individuum kollidiert plötzlich mit der Macht; heute würde man vielleicht sagen, man kommt vor Gericht und hat als Angeklagter einen Richterspruch zu akzeptieren, ob einem das gefällt oder nicht. Durch die Entscheidung, seine Tochter mit Tartuffe zu verheiraten, versucht Orgon eine Ordnung in seinem Sinne durchzusetzen. Wodurch das jetzt kommt, ob er vielleicht von Tartuffe manipuliert wurde, ist für mich erst einmal zweitrangig, weil ich den Versuch, Ordnung herzustellen, interessant finde. Der Glaube Orgons, dass Tartuffe ein redlicher Mensch ist, ist durch nichts zu erschüttern, obwohl es genügend Zeugen und objektive Fakten gibt, die dagegen sprechen. Orgon reagiert immer stärker als Tyrann und will seine eigene Wahrheit durchsetzen, obwohl er seinen Irrtum eigentlich erkennen müsste. Wenn man sich die Verfasstheit der Welt im Moment anschaut, scheint „Tartuffe“ das Stück der Stunde zu sein. Wir reden natürlich die ganze Zeit über unsere gesellschaftliche Situation. Lassen wir sie konkret auf der Bühne vorkommen oder vermeiden wir die Eindeutigkeit? Natürlich ist es eine grobe Vereinfachung, jemanden wie Donald Trump aussehen zu lassen und damit Erklärungsmöglichkeiten zu liefern. Ich denke gerade nicht über eine Eindeutigkeit nach, sondern eher über den Versuch, die Spieler als eigene denkende Subjekte auf der Bühne zu haben – und dafür liefert Molière eine grandiose Vorlage. Trotzdem spielt unsere momentane politische Situation eine große Rolle. Was bedeutet diese Form des Populismus? Was ist das überhaupt für eine Gesellschaft, in der „Tartuffe“ spielt? Ist vielleicht gar nicht Tartuffe das große Problem, sondern ist er eigentlich nur der Katalysator, der ein viel größeres Problem sichtbar macht? Die absolute Macht, die am Schluss steht und als gerecht gekennzeichnet ist, ist ja eigentlich totalitär. Sie erfüllt die Sehnsucht, dass das marode gewordene System des Familienvaters Orgon durch das stabile funktionierende von Ludwig XIV. ersetzt wird. Vielleicht ist das ja die viel größere Androhung auch für uns heute. Das interessiert mich sehr. Interview: Johannes Kirsten

Mit: Lisa Natalie Arnold, Sarah Franke, Susana Fernandes Genebra, Sebastian Grünewald, Henning Hartmann, Vanessa Loibl, Hagen Oechel, Andreas Schlager, Jonas Steglich

Tartuffe

von Molière

Preview: 25. April, 19 Uhr

Premiere: 27. April,

19.30 Uhr, Schauspielhaus

anschl. Premierenfeier

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