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Kultur „Ach, ich fühl’s“
Nachrichten Kultur „Ach, ich fühl’s“
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00:20 18.09.2014
Peter Kubik (Papageno), Antonia Radneva (Pamina). Quelle: Quast
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Hildesheim

Volker Vogel nimmt Emanuel Schikaneder beim Wort: Ins Libretto zu Mozarts „Zauberflöte“ schrieb Schikaneder gleich zu Beginn die Verse: „Sie ist vollbracht, die Heldentat. Er ist befreit durch unseres Armes Tapferkeit.“ Genüsslich ziehen sich die drei Damen (klasse: Mareike Bielenberg, Neele Kramer, Christina Baader) in Volker Vogels Inszenierung also die Schlangenhäute von den Armen, mit denen sie Prinz Tamino vorher Todesangst eingejagt hatten.

Beim Spielzeitauftakt am Hildesheimer Theater für Niedersachsen (TfN) macht Regisseur Vogel damit früh deutlich, wie man diesen Text lesen kann. Auf der naturalistischen Bühne von Norbert Bellen ist diese Doppelbödigkeit vertikal eingezogen: In mehreren transparenten Bahnen schichtet sich grün und moosig der Wald, in den sich Prinz Tamino (Konstantinos Klironomos) auf seiner Suche nach Liebe und Freundschaft verirrt hat. Später dienen die Stoffe als Projektionsfläche für Taminos und Paminas (großartig: Antonia Radneva) finale Prüfung in Feuer und Wasser. Dort führt zuerst Tamino Pamina, dann Pamina den Prinzen. Mitunter sind nur noch ihre Schemen zu erkennen, doch genau darin mag man Vogels Ansatz wiederfinden: Im Programmheft weist er darauf hin, dass die in Schikaneders Vorlage so oft thematisierten Unterschiede von Mann und Frau keinesfalls als Zuordnungen von Geschlechterrollen zu verstehen seien, sondern vielmehr als geschlechtsunabhängige Charakterisierung des Menschen. Sodass eben auch die Frau den Mann führen darf und es nicht ausschließlich das „Weib“ ist, das der Anleitung und Züchtigung bedarf.

Ein Standpunkt, den man vorher mitunter vermisst: Wenn auf einer Bühne nämlich ein Vogelfänger Vögel fängt, ein Wald ein Wald ist und ein Feuer ein Feuer, kommt man angesichts von Zeilen wie „weil ein Schwarzer hässlich ist“ und „ein Mann muss eure Herzen leiten, denn ohne ihn pflegt jedes Weib aus ihrem Wirkungskreis zu schreiten“ ins Grübeln. In Anbetracht der durchweg hervorragenden Textverständlichkeit zumal.

Trotzdem: Vieles ist an diesem Abend, wie es sein sollte. Vogelfänger Papageno (Publikumsliebling: Peter Kubik) holt Mozarts populäres Mysterienspiel wunderbar hemdsärmelig immer dann auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn ihm das Geschehen um die Initiation des Menschen zu Weisheit und Vernunft wieder allzu philosophisch zu werden droht. Das Orchester des TfN unter Leitung von Werner Seitzer bietet dem nicht nur eine sichere Basis, sondern schafft immer wieder die Momente, die wie in Paminas leisem, echten „Ach, ich fühl’s“ darüber hinaus weisen. Begeisterter Applaus des Premierenpublikums.

Den hat auch der neue Spielplan des Theaters für Niedersachsen verdient: Intendant Jörg Gade stellt Mozart nicht nur Friedrich Kuhlaus „Lulu oder die Zauberflöte“ bei, das sich der gleichen Motive bedient (Premiere: 15. November), sondern nimmt auch Beethovens „Fidelio“ wieder auf (ab 8. Dezember). Auch „George“, Elena Kats-Chernins Oper zum 300-jährigen Jubiläum der Personalunion, kommt nach Uraufführung in Hannover nach Hildesheim
(11. und 18. Oktober).

Wieder am 3. Oktober. Weitere Termine unter .

Charlotte Schrimpff

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