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Sprengel-Direktor: „Ich bin kein Anlageberater“
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Ulrich Krempel im Interview Sprengel-Direktor: „Ich bin kein Anlageberater“

Kunst und Kohle: Sprengel-Direktor Ulrich Krempel erzählt im Interview über unfaire Sammler, Rekorderlöse bei Auktionen und die neuen Aufgaben im Museum.

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Der Direktor des Sprengel Museums Ulrich Krempel.

Quelle: Herzog

Hannover. Ulrich Krempel war nach dem Studium von Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und Publizistik in Bochum und seiner Promotion über politische Kunst in Russland zunächst Kurator an der Kunsthalle Düsseldorf. 1993 wurde er Direktor des Sprengel Museums Hannover. Er ist Honorarprofessor an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig und Mitgründer des Leipziger Kreises von Museumsdirektoren. In die Zeit seiner Leitung, die mit dem Wechsel in den Ruhestand im Februar 2014 enden soll, fällt auch der zweite Erweiterungsbau, der 2014 abgeschlossen sein soll.

Herr Krempel, immer öfter werden für einzelne Kunstwerke zweistellige Millionensummen gezahlt. Jetzt erzielten Jeff Koons’ „Tulips“ 33,7 Millionen Dollar und Gerhard Richters „Abstraktes Bild 809-4“ 34,2 Millionen. Spielt der Kunstmarkt verrückt?

Im November gab es in zwei Auktionen in New York Rekordumsätze von über einer Milliarde Dollar. Es gibt Rekorderlöse für Kunstwerke nicht nur der Klassischen Moderne. Preise, die spekulativ innerhalb weniger Jahre um Tausende von Prozent in die Höhe gingen. Und es gibt neue Investoren aller Art, die offensichtlich das Vertrauen in klassische Werte wie Immobilien oder Anlagen verloren haben, sodass das klassische Kunstwerk in den Mittelpunkt ihres Interesses rückt.

Wächst mit den Preisen auch die Wertschätzung für Kunst und die Arbeit der Museen?

Dass solche Entwicklungen wenig mit dem Museum zu tun haben, und auch nur am Rande mit der wahren Kunst, liegt auf der Hand. Denn die Akteure, die hier spielen, sind nicht die Künstler selbst, sondern Leute mit viel Geld, das eine sinnvolle Heimat sucht: eine Anlage, die sichere Renditen verspricht.

Ist das denn ein leeres Versprechen? Gibt es nicht auch seriöse Anlageoptionen, die der Kunst und den Investoren zugleich nützen?

Mit Kauf und Verkauf von hochpreisiger Hype-Kunst, über Auktionen kann man schnelles Geld machen. Aber dann hat man die Kunst nicht mehr, sondern nur noch die Kohle. Fachleute für den Kunstmarkt sprechen bereits von einer ungesunden Blase, die durch  diese inflationären Steigerungstendenzen in absehbarer Zeit zu platzen droht.

Haben wir es da nur mit einer abgehobenen Welt von Leuten zu tun, die mit leichter Hand zig Millionen hinblättern? Oder lassen sich neben hoch gehandelten Namen auch künstlerische Trends herausschälen? Haben Sie da einen Tipp?

Ich bin kein Anlageberater. Trends entstehen eher in den Ateliers der Künstler, Hypes durch Marketing, Events, Angebotsverknappung und Exklusivität des Angebots. Rapide Preissteigerungen für bestimmte Kunst entstehen auch durch das Interesse vermögender Sammler. Beispiele sind etwa Gerhard Richter, die deutschen Zero-Künstler, die Fotografie, rare Stücke der klassischen Moderne wie Picasso und Jasper Johns.

Werden Investoren zur Ausnahme, die mit langem Atem Kunst fördern – auch Künstler, die erst im Kommen sind, – und die doch langfristig auch eine sichere Rendite erzielen?

Künstler, die im ersten Markt über Galerien sehr gesucht sind, sind heute sehr schnell im zweiten Markt Gegenstand von rapiden Preissteigerungen. Das verheißt ökonomische Sicherheit, ist aber noch kein Nachweis für gute Kunst. Und junge Kunst mit langem Atem wird so in der Breite nicht wirklich gefördert, denn natürlich ist der Markt begrenzt und extrem selektiv.

Wie hat die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Galerien, Museen und  Auktionshäusern denn normalerweise funktioniert?

Die Künstler waren es, die in Galerien ihre Arbeiten zeigten, die neue Schritte präsentierten. Und die Galerien waren es, die dabei über die Jahre allmählich die Preise erhöhten. Sammlerinnen und Sammler dienten zur Bestätigung dieser Ökonomie. Parallel dazu gingen Aktivitäten wie Ausstellungen in Kunstvereinen und später in Museen als bestätigende Maßnahmen in die Preisgestaltung von Kunstwerken ein. Das alles aber hatte seinen Sinn im ersten Markt, einem Markt, der ganz wesentlich bestimmt war durch das künstlerische Angebot, über die professionellen Vermittler befördert, und schließlich durch die ökonomische Aneignung durch die Sammler und, gelegentlich, Museen und öffentliche Sammlungen.

Für die liegt darin doch eine Chance, oder?

Mit der Ökonomisierung der Kunst hat sich eine ganz neue Sammlerschaft gebildet, die untereinander Werte konstruiert, ja gelegentlich spekulativ erhöht. Sie tat das wesentlich im zweiten Markt, in Auktionen. Dass dabei kluge Sammler immer auch Museen benutzt haben, um Sammlungen zu parken, von denen die Direktoren nicht einmal zu träumen wagten, um sie dann später aus dieser Sicherheit heraus in den zweiten Markt zu platzieren, zeigt die Leidensgeschichte nicht zuletzt deutscher Museen. Dass solche Sammler dabei einen außerordentlich schlechten Ruf aufbauten, scheint angesichts der möglichen Profite bei Auktionen und Verkäufen wenig zu stören.

Was bedeutet dieser überhitzte Markt für die Museen?

Mit der Wirklichkeit in unseren Museen hat das alles nur mittelbar zu tun, immer da, wo wir unsere Kunstwerke im internationalen Leihverkehr oder, wenn sie uns denn geliehen sind, im Hause selbst mit immer höheren Versicherungssummen zu versichern haben. Das belastet die Budgets und den Leihverkehr, das treibt die Preise für Ausstellungen und Transporte in die Höhe. Insofern sind Museen stets mittelbar mitbetroffen. Und unmittelbar sind sie betroffen, wo die so teuer gewordene Kunst für kein Museum in öffentlicher Trägerschaft noch wirklich erreichbar ist.

Ist der Verkauf von Werken für öffentlichen Museen eine Option, auch fürs Sprengel Museum?

Kein verantwortungsvoller Museumsleiter wird zum Verkauf an Private bereit sein, wenn dadurch Bilder nicht mehr für das Publikum zugänglich sind. Dazu ist die Erinnerung an die Verkäufe und teils auch die Zerstörung von Kunstwerken in der Nazi-Zeit zu präsent – und übrigens auch die Erinnerung daran, dass es in der DDR später gleichfalls haarsträubende Kunstverkäufe gab. Kürzungen öffentlicher Gelder mit der Veräußerung von Werken begegnen zu wollen – das wäre im Wortsinn ein Ausverkauf der Kunst.

Wie finden Museen überhaupt noch Zugang zu Kunstwerken, deren Preise den Jahresetat etwa des Sprengel Museums um ein Vielfaches  übersteigen?

Häuser wie das Sprengel Museum haben längst auch auf ganz andere Wege gesetzt. Kooperationen mit Sammlern, Schenkungen von Künstlern, dauerhafte Kooperationen mit Stiftungen sind Wege, an der schieren ökonomischen Aneignung vorbei mit den professionellen Vorteilen des Museums Partner zu werben. Große Schenkungen und Stiftungen verpflichten allerdings auch zu professionellem Handling; hier sind neue professionelle Zuschnitte und Tätigkeiten erforderlich, die in den Museen allmählich zum Tragen kommen. Und das sind nicht nur die Wege der Öffentlichkeitsarbeit und des Marketings; längst ist auch der professionelle Umgang mit Partnern wie Stiftungen, Schenkern und mit Leihgebern einer der wichtigsten Arbeitsbereiche für museale Leitungsarbeit. Im Museum finden sich die wahren Werte der Kunst dauerhafter gespiegelt als im Verzeichnis ihrer Preisentwicklung.

Also driften Geld und Geist doch auseinander?

Im Falle der „Tulips“ von Jeff Koons eher im Gegenteil, wenn der Verkäufer, die Nord/LB, mit dem Einspielergebnis eine Stiftung zur Kulturförderung errichtet. Und auch sonst: Das Geld geht nach der Kunst. Wer sammelt und teuer kauft, erwirbt für sich auch etwas vom Glanz und der Aura einzigartiger Kunstwerke. Aber nur, wer diese auch öffentlich macht, wird von diesem Glanz auch beschienen werden.

Interview: Daniel Alexander Schacht

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