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Kultur Sprengel-Museum startet neues Fotoschauformat
Nachrichten Kultur Sprengel-Museum startet neues Fotoschauformat
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02:16 14.06.2018
Enthüllung und Verdeckung: Frau mit Tisch (1992) von Vallie Export Quelle: Foto: VG Bild-Kunst
Hannover

Eine Kamera kann Blicke eröffnen – etwa auf die Häuser des Sunset Strips in Los Angeles, die der US-Fotograf Ed Ruscha in seinem Fotobuch „Every Building on the Sunset Strip“ dokumentiert. Eine Kamera kann den Blick verstellen – wie bei Thomas Ruffs buntem Farbblasenbild „Substrat 26 I“, dessen Unschärfe von jeder Kontur abstrahiert. Und eine Kamera kann den Blick reflektieren – wie in dem Selbstbildnis von Giuseppe Penone, für das der italienische Fotokünstler sich verspiegelte Kontaktlinsen eingesetzt hat, die eine Straßenszene mit der aufnehmenden Kamera darin konvex verzerrt in den Blick gelangen lassen.

Reflektion, Abstraktion, Dokumentation – das sind drei der vielen Dimensionen, zu denen die Fotografie im Lauf ihrer Geschichte schon gelangt ist und zu denen weitere in ihrer Zukunft zweifellos hinzukommen werden. „Kleine Geschichte(n) der Fotografie #1“, heißt denn auch vielversprechend die Ausstellung, in der diese drei Werke neben zahlreichen anderen zu sehen sind – bis auf ein Werk der Niedersächsischen Sparkassenstiftung durchweg Leihgaben anderer Häuser. Die Nummer eins im Titel verweist übrigens schon darauf, das dies nur der Auftakt einer Ausstellungsserie sein soll, in der rund ein halbes Dutzend Fotoschauen demselben Konzept folgen soll. „Mit diesem Projekt wird das Sprengel-Museum den Diskurs über Kunstwerke befeuern“, sagt Stefan Becker, Repräsentant der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, die die Ausstellung mitfördert. „Das ist das Beste, was einem Museum passieren kann.“

In der Ausstellung und im Netz

Eher als um „die“ Fotogeschichte geht es bei diesem Präsentationsprojekt um einzelne Geschichten zur Fotografie. Statt für eine Chronologie nutzt Stefan Gronert, Fotokurator im Sprengel-Museum, die sechs Fotosäle im Untergeschoss für sechs thematische Akzente. Er zeigt in jedem der Räume relativ wenige Werke und widmet sich diesen umso gründlicher - und überdies multimedial: Noch ausführlicher als die langen Wandtexte mit den Titeln „Abstraktion“, „Bild-Gebäude“, „Blick“, „Bewegung“, „Weiblicher Körper“ und „Reproduktion“ sind die Erläuterungen auf der eigens zur Ausstellung geschaffenen Homepage.

Da kann man dann nachlesen, wie Ed Ruscha 1966 den 2,4 Kilometer langen Sunset Strip, der seinerseits nur ein Stück des 35 Kilometer Langen Sunset Boulevard ist, mit Kameras abgelichtet hat, die auf ein Auto montiert waren – immerhin ein halbes Jahrhundert bevor Google Autos in erkennungsdienstlichem Auftrag für Street View durch die Straßen hat fahren lassen. Wie Thomas Ruff für seine Farbblasen japanische Manga-Comics am Computer verfremdet hat. Oder dass eben Giuseppe Penono der romantischen Vorstellung vom Auge als Spiegel der Seele entgegentreten wollte.

Späte Museumswürde fürs Foto

Bei der Werkauswahl greift Gronert nicht bis 1839, also zum Anfang der Fotografie, zurück, sondern setzt bei „neuerer künstlerische Fotografie“ etwa seit den Siebzigerjahren an. Ähnlich wie zuvor in den USA begannen sich Fotografen auch in Europa damals wieder als Teil einer künstlerischen Bewegung zu verstehen. Erst in deren Folge wurde Fotografie allmählich als kunstwürdig, als möglicher Gegenstand kuratorischer Reflexion und musealer Präsentation betrachtet.

Insoweit bietet diese Schau dann eben doch Ausflüge in die Fotografiegeschichte. Sie zeigt den männlichen Blick auf nackte weibliche Haut bei Christopher Williams ebenso wie das weibliche Spiel von Exhibitionismus, Verdeckung und Verfremdung bei Valie Export, die bei einem Frauentorso mitten auf die weibliche Scham einen marmorierten Marmortisch collagiert. Und die Ausstellung nimmt sich den Einfluss der Digitalisierung ebenso vor wie die Selbstreflexion der Fotografiegeschichte. Etwa in einem visuellen Selbstzitat von Andreas Gursky. Oder auch in Sherry Levines Fotoserie „After Walker Evans“, für den sie dessen Armutsdokumentation aus dem Mittleren Westen der USA in den Dreißigerjahren abfotografiert hat.

Lust auf mehr

Und als kleinen Hinweis, dass auch solches Zitieren nicht neu ist, hat Gronert in den sechsten Saal noch ein Franz de Hamilton (1640-1695) zugeschriebenes Bild hängen lassen, das die Zeichnung einer Aktmalereiszene auf knittrigem Papier zeigt, welches wiederum mit Siegellack ebenso auf Holz fixiert scheint wie ein Rosenzweig am Papierrand – und all das ist Trompe l‘oeil, Augentäuschung, denn das Ganze ist ein durch und durch illusionistisches Ölgemälde. Seht her, nichts als Illusion, scheint dieses Werk uns zuzurufen, doch wie kunstvoll geraten!

Ein schönes Stück künstlerischer Selbstreflexion und zugleich ziemlich eitler Selbstoffenbarung eines Künstlers also zum Ende dieser Ausstellung. Die macht zweifellos Lust auf mehr.

„Kleine Geschichte(n), der Fotografie (#1)“. Bis 2. September im Sprengel-Museum, Kurt-Schwitters-Platz. Eröffnung am Dienstag, 12. Juni, um 18.30 Uhr mit Sabine Schormann, Direktorin der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, Museumschef Reinhard Spieler und einem Gespräch von Prof. Fiona McGovern von der Universität Hildesheim mit Kurator Stefan Gronert. Details, Biografien und Glossar zur Ausstellung unter www.kleinefotogeschichten.de.

Von Daniel Alexander Schacht

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