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Kultur Sprengel-Museum zeigt Kunst von Olav Christopher Jenssen
Nachrichten Kultur Sprengel-Museum zeigt Kunst von Olav Christopher Jenssen
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09:44 15.03.2018
Schwirrende Netzwerke: „The Colibri Painting No. 03“ (2018) von Olav Christopher Jenssen. Quelle: VG Bild-Kunst
Hannover

 „Estragon“ - so heißt nicht nur ein Klassiker unter den Küchenkräutern, sondern auch die eher wortkarge Figur aus einem Klassiker des absurden Theaters, aus Samuel BeckettsWarten auf Godot“. Und nun ist dies auch der Titel einer ebenso wortlosen wie vielsagenden Kunstschau, die locker, leicht und launig, also wie nebenbei, auch mit die Absurditäten kunsthistorischen Kästchendenkens streift: „Estragon“, die Kunstausstellung mit Werken von Olav Christopher Jenssen, verwandelt den Sprengel-Fokus-Saal im Untergeschoss des Museums vom Kunstraum in ein Raumkunstwerk. Und sie beschert dem hannoverschen Publikum nach einer Schau in der Kestnergesellschaft 1994 und einer Präsentation in der NordLB Art Gallery 2007 eine weitere Begegnung mit dem aus Norwegen stammenden Künstler. 

Abstraktion und Figuration

Schon ein Blick in den kleinen Saal stellt klar, dass der 64-jährige, seit 35 Jahren in Deutschland lebende, bis vor zehn Jahren an der Hamburger und seither an der Braunschweiger Kunsthochschule lehrende Jenssen in mehrerem Sinne ein Kunstgrenzgänger ist. Zum einem weil er schon als Kunststudent von Oslo nach New York und danach nach Berlin gewechselt ist. Zum anderen weil er sich nicht in die Schubladen von Abstraktion und Informel zwängen lässt. Klar, auf dem guten Dutzend großformatiger Gemälde springen geometrische Muster, rhythmische Linienführung und Farbfeldmalerei, Raster, Kreise und Romben ins Auge. Doch daneben gibt es auch Geflechte und Ranken, organische, teils florale Muster. 

Feine Striche, breite Flächen, florale und abstrakte Muster: Der aus Norwegen stammende Künstler Olav Christopher Jenssen präsentiert Ausschnitte aus seiner Bilderwelt im Sprengel-Fokus-Raum. 

Wer sich und diesen Werken etwas Zeit lässt, wer sozusagen vom effizienzgesteuerten Faktencheck in einen eher kontemplativen und assoziativen Modus umzuschalten vermag, kann in und zwischen den Bildern auf Entdeckungsreise gehen. Manches beeindruckt da durch schiere Größe, etwa eine Radierung, die mit einem Ausmaß von knapp drei Quadratmetern zweifellos zu den größten der Kunstgeschichte zählt. Manches ist erwartbar, etwa das ziemlich naturalistische Konterfei eines Estragonzweigleins, fast wie eine Konzession an den Ausstellungstitel. Anderes überrascht im Detail: Da hängen beispielsweise drei mit Zeichenkohle gezogene Liniengewimmel nebeneinander, in denen erst auf den zweiten Blick eine Frau mit Hut, ein Mann, eine Sitzende zu erkennen sind. 

Womit klar ist, dass sich bei Olav Christopher Jenssen oft Figuration neben der Abstraktion entdecken lässt. Und dass der Künstler in New York zwar die abstrakten Traditionen von Jackson Pollock, Frank Stella oder auch Sam Francis kennen- und offenbar auch schätzen gelernt hat, aber nicht einfach deren Epigone ist.

Dass er Grenzzäune zwischen den Gattungen der Künste überhaupt für ziemlich absurd hält, wird indes erst vollends offenbar, wenn man in einem weiteren Werk mit dem Titel „Estragon“ blättert. So heißt nämlich auch das Jenssen gewidmete jüngste Buch aus Reihe „Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen“. „Diese Publikation ist der Anlass dieser Ausstellung“, sagt Sprengelmuseumsdirektor Reinhard Spieler. „Das ist kein Katalog, sondern ein Künstlerbuch“, betont Lavinia Franke, die Generalsekretärin der Stiftung Niedersachsen, die die Reihe finanziert. Und Spielers Amtsvorgänger Ulrich Krempel, der das Künstlerbuch gemeinsam mit der soeben an die Spitze des Kunstmuseums Ravensburg gewechselten Ute Stuffer herausgegeben hat, betont den Wert dieser 1963 auf die Initiative des einstigen HAZ-Feuilletonchefs Rudolf Lange ins Leben gerufenen Publikationen. „Diese Reihe wirft ein helles Licht auf Niedersachsen, ein Land das kulturell oftmals unterschätzt wird.“ 

Ziemlich kongenial

So weit, so hell. Wer in dem Buch blättert, das Olav Christopher Jenssen gestaltet hat und das neben vielen seiner Werke dieselben Mauve-, Lindgrün-, Türkis- und Grasgrün-Töne aufweist, in denen jetzt auch der Sprengel-Fokus-Raum getüncht ist, wird darin überdies auch wortreich darüber belehrt, wie umfassend sich der Künstler dem Gattungsübergriff verschrieben hat. Das lässt sich in einem textlich ebenso wild assoziativen wie schriftsetzerisch wild umbrochenen Essay der Kunsthistorikerin Gertrud Sandqvist von der Kunstakademie Malmö nachlesen. Darin ist zu erfahren, dass Jenssen sich von Lyrik und Musik inspirieren lässt, dass er zwischen tänzerischer Choreografie und der Rhythmik seiner geometrischen Muster Parallelen sieht, dass er schon als Kind unterm väterlichen Flügel lag und sich zu den Klangfarben des Klaviers visuelle Farbttonwelten imaginiert hat. Womit sich Kunstausstellung und Künstlerbuch ziemlich kongenial ergänzen.

Olav Christopher Jenssen: Estragon“. Bis 17. Juni im Sprengel-Museum, Kurt-Schwitters-Platz. Eröffnung am 14. März um 18.30 Uhr mit einer Einführung von Reinhard Spieler und einem Gespräch zwischen dem Künstler und Ulrich Krempel. Das Künstlerbuch unter demselben Titel (Wallstein-Verlag, 90 Seiten) kostet 19,70 Euro.

Von Daniel Alexander Schacht

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