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Kultur „Wir sind weltweit gefragt“
Nachrichten Kultur „Wir sind weltweit gefragt“
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22:00 17.01.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Ulrich Krempel Quelle: Moritz Küstner
Hannover

Wer Sie besucht, kann mit zweierlei rechnen: Stets neuer Unübersichtlichkeit auf Ihrem Schreibtisch und einem starken Espresso. Ist das die Mischung fürs Museumsmanagement: Kreatives Chaos und kraftvolle Kontinuität?

Chaotisch scheinende Arbeitshäufelchen können Zeichen von Kreativität sein. Die wird produktiv, wenn ein starker Blick für die Ordnung der Häufelchen hinzukommt. Und Gastlichkeit ist nicht der schlechteste Weg, um auch die Kreativität von Gästen zu mobilisieren. Bei manchen reicht dafür schon ein guter Espresso.

Mit diesem Konzept führen Sie das Sprengel Museum seit 1993. Welchen Rang hat es heute?

Ich würde sagen: National spielen wir im vorderen Drittel der Bundesliga, international ähnlich weit vorn. Denken Sie nur an die Kooperation mit der Tate Britain bei der Schwitters-Ausstellung 2013 oder mit dem Musée d’Art Moderne de la Villede Paris bei der Elaine-Sturtevant-Ausstellung „House of Horrors“, die demnächst endet. Und 2014 sind wir Hauptleihgeber bei der Niki-de-Saint-Phalle-Schau im Grand Palais in Paris.

Ulrich Krempel ...

... wird nächste Woche mit einem Festabend im Sprengel Museum verabschiedet, dessen Leitung er zum 1. Februar an Reinhard Spieler abgibt. Krempel, 1948 in Rheine geboren, ist aus Kunstbegeisterung schon als Jugendlicher von Bochum nach Essen ins Folkwang-Museum geradelt. Für seine Doktorarbeit über die russische Avantgarde hat der Kunsthistoriker eigens Russisch gelernt. Bevor er 1993 Sprengel-Chef wurde, war er an der Kunsthalle Düsseldorf, im Folkwang-Museum und in der Kunstsammlung NRW tätig. Er ist Vater eines Teenagers und einer erwachsenen Tochter sowie zweifacher Großvater. das

Also spielt das Museum heute in einer Art Champions League der Museen?

Wir gehen durchaus über Europa hinaus. Bei Niki de Saint Phalle und Kurt Schwitters verfügen wir über die global größten, bei Max Beckmann und Paul Klee jeweils über eine der größten deutschen Sammlungen. Das sind Alleinstellungsmerkmale. Deshalb sind wir weltweit als Leihgeber gefragt, haben Ausstellungen bestückt von Tokio über Moskau und Lodz, Barcelona und Mailand, Paris, London und Liverpool, von New York bis San Francisco. Schwitters haben wir da zum Beispiel mit den Stationen Houston, Berkeley und Princeton auf Tournee geschickt.

Und all das aus Hannover, das andernorts bisweilen als zur Stadt geronnenes Mittelmaß verhöhnt wird ...

Zu Unrecht. Schon im 19. Jahrhundert gab es hier eine spannende Tradition von Karikatur und Zeichnung. Im frühen
20. Jahrhundert war Hannover ein Nukleus der Avantgarde mit der Kestnergesellschaft, Lissitzky, Schwitters, Küppers, später mit den Abstrakten und der Neuen Sachlichkeit und seit den Sechzigern mit junger Kunst wie von Timm Ulrichs ...

Ist das in der Stadt hinreichend präsent?

Man kann es sehen: bei uns im Museum – wenn man es sehen will.

Wie ist das mit dem Geld für die Kunst? Aus Hannover wurden Jeff Koons „Tulips“ für 26,3 Millionen Euro verkauft, zugleich leben hier Künstler am Existenzminimum.

Noch immer schlägt negativ zu Buche, dass es in Hannover kein Kunststudium mehr gibt – was etwa durch die Kunststudenten der HBK Braunschweig, die ich betreue, nur zum Teil kompensiert wird. Viele Bereiche der Künstlerförderung sind zudem eingeschränkt worden, Stadt und Land erwerben nur wenig junge Kunst. Aber mit dem Erlös des „Tulip“-Verkaufs ist nun eine Stiftung begründet worden, die Kunst und Kultur fördern soll.

Und wie ist das mit der Stadt, dem Geld und der Kunst? Ist Hannover zu protestantisch, um mäzenatisch zu sein?

Na, für mich, aus dem katholischen Rheinland stammend, war das schon ein Kulturschock. Das Bilderverbot des Protestantismus wirkt hier noch nach, auch bescheidener Kunstgenuss gilt da leicht als sündhaft teuer. Als Institution ist das Museum knapp, aber auskömmlich finanziert. Das heißt: Große Ausstellungen dürfen 35 000 Euro, kleine nur 3000 bis 5000 Euro kosten. Ohne Hilfe vom Freundeskreis, von Stiftungen oder Unternehmen hätten wir damit nicht so viel auf die Beine stellen können. Die Bedeutung solcher Hilfe konnte man 2009 bei der Ausstellung „Marc, Macke, Delaunay“ sehen. Enercity hat uns bundesweites Marketing ermöglicht, was zum Rekord von 270 000 Besuchern geführt hat. Ich erinnere mich an Leute, die mir in breitem Bayerisch kundtaten, dass sie mit dem Frühzug eigens aus Kochel am See angereist waren.

Wie war das, als Sie 1993 hier angetreten sind? Was war da anders?

Damals gab es hier noch einen Oberstadtdirektor und eine Kulturministerin, die sehr kunstinteressiert waren …

Jobst Fiedler und Helga Schuchardt.

Und auch der Oberbürgermeister hatte einen positiven Einfluss. Als der Sohn von Kurt Schwitters 39 Arbeiten seines Vaters abziehen wollte, kam es zu einer konzertierten Aktion, in deren Folge die Werke von der Nord/LB und der Sparkassenstiftung erworben wurden. Später wurde die Schwitters-Stiftung begründet. Mit ihr haben wir über 1000 Werke von Schwitters bekommen. Und sie unterstützt vieles im Hintergrund, wovon Museumsgäste nicht viel merken: Forschung, Werkverzeichnis, Restaurierung. Zur Stiftung steuerte das Museum eine halbe Million Mark bei, das war der Einkaufsetat für zwei Jahre …

… den es heute nicht mehr gibt.

Leider. Wir beantragen ihn immer wieder, weil er privates Geld mobilisieren kann – aber in jüngerer Zeit stets erfolglos.

Wie kam es zur Schenkung von Niki de Saint Phalle?

Da war Mike Gehrke entscheidend, der seit der Installation der Nanas mit ihr befreundet war. Zuerst sollte es nur um Leihgaben gehen, Niki lud mich zum Aussuchen ein. Als ich dann bei ihr in Kalifornien war, kam die Idee der Schenkung auf – und wir haben dadurch allein mehr als 400 Werke bekommen. 

Gut 20 Jahre Sprengel Museum – das waren vor allem viele Ausstellungen. Welche fallen Ihnen als herausragend ein?

Tja, spontan würde ich „Garten der Frauen“ nennen, das war 1996 eine wichtige Ausstellung. Spannend war auch unsere Michael-Schmidt-Fotoschau, die das New Yorker Museum of Modern Art ausgeliehen hat. Wichtig war die Paul-Klee-Ausstellung „Tod und Feuer“, die wir 2004 mit der Bremer und Hamburger Kunsthalle veranstaltet haben. Na, und natürlich 2000 die Niki-Ausstellung „La Fête“ und 2009 „Marc, Macke, Delaunay“.

Und wo steht das Museum in 20 Jahren? Welche Folgen hat der Erweiterungsbau? Mehr desselben? Oder etwas ganz Neues?

Klar ist: Mit der Erweiterung wird das ein wirklich großes Haus. Endlich kann man größere Teile der Sammlung zeigen, muss man für größere Sonderausstellungen nicht mehr das ganze Obergeschoss leer räumen. Das eröffnet mehr Spielraum für Kooperationen wie bei „Made in Germany“. Vielleicht entpuppt sich der Erfolg von „Marc, Macke, Delaunay“ als Probelauf für weitere bundesweite Erfolge  ...

… für die allerdings der Marketing-Etat fehlt. Muss sich Ihr Nachfolger Reinhard Spieler damit abfinden?

Man kann ihm nur wünschen, dass die Politik ein Einsehen hat, damit das größere Potenzial des Museums ausgeschöpft wird. Ein Schritt wäre eine Staatsgarantie zum Schutz von Werken im Leihverkehr. Die würde uns jährlich Hunderttausende Euro Versicherungskosten ersparen und wäre kein großes Risiko. Das Sprengel Museum ist über 20 Jahre hinweg praktisch schadenfrei geblieben, auch wegen ständig aktualisierter Sicherheitsmaßnahmen.

Last, not least: Ihre Zukunft. Was tun Sie, wenn sie nicht mehr im Museum sind?

Ich werde meine Flaneurqualitäten revitalisieren. Da nehme ich mir ein Beispiel an Franz Hessels „Flaneur in Berlin“ und streune mit feuilletonistischem Zeitlupenblick umher. Na, und ich will mit Jen Lissitzky zusammen ein Buch über dessen Vater El Lissitzky schreiben und bin noch in verschiedenen Gremien und Jurys. Vor allem aber bin ich dann ein freier Mann.

In den zwei Jahrzehnten mit Ulrich Krempel an der Spitze gab es im Sprengel Museum 456 Ausstellungen, davon hat er 56 selbst kuratiert. In dieser Zeit hat das Museum mehr als 5000 Werke neu erworben, darunter Werke von James Turrell, Ilya Kabakov, Otto Dix, Dieter Roth, Horst Antes, Esther Shalev-Gerz, Heinrich Riebesehl, Georg Baselitz – und mehr als 400 allein von Niki de Saint Phalle. In dieser Zeit ist auch die Zahl der Stiftungen rund um das Sprengel Museum auf 16 gewachsen. Insgesamt hatte das Museum seit 1993 3,3 Millionen Besucher. das

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