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Kultur Manifest mit Glamoureffekt
Nachrichten Kultur Manifest mit Glamoureffekt
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00:15 04.06.2016
Viele Figuren, eine Darstellerin: Cate Blanchett in Julian Rosefeldts "Manifesto" Quelle: Julian Rosefeldt
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Hannover

„Alles Ständische und Stehende verdampft" - ist da von Karl Marx zu hören. "Dada ist immer noch Scheiße, aber von jetzt an wollen wir in verschiedenen Farben scheißen, um den Kunstzirkus zu dekorieren" - verkündet Tristan Tzara. "In der Ferne leuchtet uns das Morgen. Hurra der Transparenz, der Klarheit! Hurra der Reinheit!", tönt Bruno Taut. Und das sind nur drei von Hunderten Proklamationen, die demnächst im Sprengel-Museum zu erleben sind - in der 13-teiligen Videoinstallation „Manifesto“ von Julian Rosefeldt.

Deren Ankauf durch die Freunde des Sprengel-Museums ist eine von zwei spektakulären Neuerwerbungen, die das Haus am Maschsee ab Sonntag im Rahmen der Megaschau „130 % Sprengel“ zeigt. Die Niedersächsische Sparkassenstiftung hat überdies das "Book for Architects" des Turner-Preisträgers Wolfgang Tillmans erworben. Das Tillmans-Werk, das die Stiftung auf Empfehlung ihres künstlerischen Beirats für 350.000 Euro gekauft hat, zeugt nach den Worten von Stiftungsdirektorin Sabine Schormann vom Mut des Künstlers, den „ganz großen architektonischen Kontext“ auszubreiten. Tatsächlich war dieses „Book“, ein Konvolut von 544 durchweg sehr eigentümlichen Architekturfotografien, 2014 ein besonderer Anziehungspunkt bei der Architekturbiennale in Venedig. Tillmans, 1968 in Remscheid geborener, in London und Berlin lebender Fotokünstler, hat dafür alle fünf Kontinente bereist und so einen globalen Architekturkanon geschaffen – mit teils erhebenden, teils auch beklemmend verbauten architektonischen Landschaften. Im Sprengel-Museum ist das „Book for Architects“ durch eine 90-Grad-Doppelprojektion auf zwei Wände tatsächlich gleichsam wie ein aufgeklapptes Buch zu sehen - und zwar im vorderen Drittel der Wechselausstellungshalle, die ansonsten vor allem mit dem Kunstwerk Julian Rosefeldts gefüllt ist.

„Manifesto“ hat der Verein der Freunde des Sprengel-Museums gekauft. „Es ist ein großartiges Werk, das viel Tiefgang hat und einen sinnlichen Zugang eröffnet, um sich mit der wichtigen Thematik der Manifeste inhaltliche auseinanderzusetzen“, sagt Stefan Becker, der Vorsitzende des Freundeskreises. Er betont auch, dass der Kauf dieses Werkes, dessen Produktionskosten der Künstler mit erstaunlich niedrigen 500.000 Euro angibt, ein Beispiel dafür ist, wie Wagemut bei Investitionen in Kunst belohnt werden kann. „Als wir durch Reinhard Spieler von dem ,Manifesto'-Projekt erfuhren, gab es nur Pläne dafür und man wusste, dass die Australierin Cate Blanchett mitspielen sollte.“ Es sei also gleichsam ein Fall von Risikokapitaleinsatz. „Ich wusste aber, dass das gut wird“, sagt Spieler und fügt hinzu: „Für uns bilden die beiden Werke den zeitgenössischen Auftakt zur großen Sammlungsschau – denn da geht es um Manifeste, die Kunst und Leben des 20. Jahrhunderts begleitet haben, als künstlerische Proklamationen, aber auch als steingewordene Manifestationen der Architektur.“

Das Sprengel Musem präsentiert die Ausstellung Manifesto des Berliner Künstlers Julian Rosefeldt. Darin werden 13 Filme parallel gezeigt. Er bringt damit Kunstmanifeste auf die Leinwand - dargestellt von der Schauspielerin Cate Blanchett. Die Ausstellung ist vom 5. Juni bis zum 29. Januar 2017 geöffnet.

In „Manifesto“ zählen der Sozialrevolutionär Marx, der Künstler Tzara und der Architekt Taut zu den gut sechzig Stimmen, die Rosefeldt auf 13 Leinwänden zu Wort kommen lässt. Die Quellen reichen vom Kommunistischen Manifest über die Manifeste von Dadaisten und Surrealisten, Minimal- und Conzept Art bis zur Dogma-Erklärung der dänischen Regisseure Lars von Trier und Thomas Vinterberg und den Proklamationen von Jim Jarmusch und Elaine Sturtevant, also vom 19. bis in 21. Jahrhundert.

Ein Manifest der Manifeste? Weniger und mehr. Denn Rosefeldt betet die Texte nicht einfach nach. Er fügt sie vielmehr so feinziseliert zu neuen Collagen zusammen, dass Schwitters seine Freude daran hätte. Und er konterkariert durch seine Bildsprache vielfach die Appelle und Proklamationen, Verheißungen und Projektionen: Futuristischem Lobpreis der Geschwindigkeit wird die gestresste Hektik einer Börsenbrokerin gegenübergestellt. Dem antibürgerlichen Pathos Tsaras eine bürgerliches Begräbnisritual. Dem Architekten Taut eine zerfallende Architekturbrache. Und zu Marx wird eine Lunte gezeigt, die endlos glüht, doch nie zur Explosion gelangt.

Der Coup bei alldem ist, dass sich in „Manifesto“ als Obdachloser oder Müllarbeiter, als frustrierte Hausfrau oder coole Reporterin in insgesamt 13 Rollen stets dieselbe Hauptdarstellerin bewegt: Cate Blanchett. Die ist mit „Elizabeth“ berühmt geworden, hat später die Elbenherrscherin Galadriel gespielt – und jetzt also lauter Rollen unter der Regie eines deutschen Kunstprofessors: Das verschafft diesem Neuerwerb einen Glamour-Effekt, wie ihn auch hochkarätige Kunst nicht oft aufzubieten hat.

Ein populärer, scheinbar leicht zugänglicher Star – diese Besetzung bildet den Kontrapunkt zu der sperrigen, durchaus schwer zu durchdringenden Videoinstallation. Denn auch wer nach 130 Minuten alle 13 jeweils zehn Minuten langen Videos gesehen hat, ist damit nicht einfach „fertig“. Je nachdem, wo und wann man einsteigt, dürfte der jeweilige Loop und das Ganze zusammen unterschiedlich wahrgenommen werden. Wer etwa die Seenlandschaft eines Videos sieht, mag sich an Caspar David Friedrich erinnert fühlen, doch ein paar Minuten später ist die Kamera fast unmerklich langsam so weit zurückgefahren, dass der See sich als bloße Kulisse eines Empfangs von Cate Blanchett als reicher Gastgeberin entpuppt. Und man erkennt ihr Gerede über Kunst (mit Worten von Franz Marc, Vasily Kandinsky, Barnett Newman und Wyndham Lewis) als hohl – und unter ihren Gästen übrigens Degenhard Andrulat, Stefan Becker und Reinhard Spieler …

Ganz nebenbei wird so Leben in Kunst überführt. Auch sonst eröffnet „Manifesto“ mannigfaltige Spiel- und Deutungsräume. Als surreale Puppenspielerin hantiert Blanchett mit Puppen von Politikern und Prominenten, und bisweilen werden die Pamphlete und Postulate wie aus russischen Matrjoschka-Puppen heraus präsentiert. „Es geht nicht darum, wo man die Dinge hernimmt, sondern wo man sie hinführt“, sagt Blanchett in der Rolle einer Grundschullehrerin – und spricht damit einen Satz von Jim Jarmusch, der seinerseits Jean-Luc Godard zitiert. Und ihre Schüler müssen die Sätze des dänischen (Film-)„Dogmas“ nachsprechen: „Optische Filter sind verboten.“ „Keine oberflächliche Handlung.“ „Keine Ehrung des Regisseurs.“

Man kann sich in all das vertiefen und die Texte der durchweg englischsprachigen Videos in dargereichten Zettelkästen auf Deutsch nachlesen. Man kann sich auch einfach der atemberaubenden Wandlungsfähigkeit der Hauptdarstellerin überlassen und Cate Blanchett als betrunkenen Punk, als zwanghafte Hausfrau oder als überreizte – und dabei übrigens sehr schön mit russischem Akzent appellierende Dirigentin einer Art Science-Fiction-Ballett – genießen.

Ist all das bloße Spielerei? Rosefeldt versteht seine Arbeit ausdrücklich als „Hommage an Manifeste“ - weil diese, wie er sagt, „sehr schöne Texte“ seien. Trotzdem hält „Manifesto“, bei aller Ehrerbietung, durchaus Distanz zum Pathos des Unerhörten, welches aus praktisch allen Manifesten spricht. Heute, in unseren abgeklärten Zeiten, lässt der gemeinhin ganz unpathetische Gang der Dinge die appellative Rhetorik der Manifeste, ihre kämpferische Pose und propagandistische Eigenwerbung merkwürdig unzeitgemäß erscheinen. Aber vielleicht stehen wir ja auch, ganz ohne hohle Pose, vor einer Renaissance des pathetischen Redens übers Große und Ganze. Dann könnte „Manifesto“ ein Schritt auf dem Weg dorthin sein.

Spannende Fotocollage: Motive aus Wolfgang Tillmans "Book for Architects" Quelle: Wolfgang Tillmans

Von Daniel Alexander Schacht

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