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Nachrichten Kultur Die Originalität der Fälschung 
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20:06 23.02.2018
Kunstvolle Fälschung – ein irrtümlich Amedeo Modigliani zugeschriebener Frauenkopf aus der Sammlung des Sprengel-Museums Quelle: Foto: Sprengel-Museum, Kunstbesitz der Landeshauptstadt Hannover
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Hannover

Kennen Sie den Künstler Carl Gerhardt Rudolf? Oder auch Jean Guillaume Ferrée? Steve Elliot? Oder George Cup? Macht nichts. Aber Dirk Dietrich Hennig lohnt die Bekanntschaft. Schon allein, weil er die vier anderen erfunden hat. Und die Kunstwerke noch dazu. 

Fake Art, ist das die angemessene Art der Kunst im Zeitalter von Fake News? Nun, Hennig brauchte für seine Kunstfiktionen keinen Impuls von Donald Trump. „Ich fand es schon im Studium unbefriedigend, auf eine Kunstsparte, ein Genre, eine Rolle festgelegt zu sein.“ Daher gestattet er auch seinen Kunstfiguren in ihren Parallelwelten Anleihen bei anderen: Carl Gerhardt Rudolf zum Beispiel bastelt gern Skulpturen und Assemblagen, wie man sie von Kurt Schwitters kennt ... 

Kunst im Zwielicht

Kunst von Schwitters, erfunden von Rudolf, erfunden von Hennig – solchen Vexierspielen werden jetzt die Besucher des Sprengel-Museums ausgesetzt, das dabei selbst zwischen Original und Fälschung changiert. Denn die Ausstellung von Fälschungen unter dem Titel „Fake News“ ist in der oberen Sammlung eingerichtet, also inmitten unzweifelhafter Originale der klassischen Moderne, doch in einem Raum, der, abgedunkelt und mit dickem Teppich versehen, schon von den Licht- und Lautverhältnissen her Vieles im Ungefähren lässt. 

Dabei wird im Zwielicht außer Hennigs Kunstfiktionen beides geboten – echte Werke von Wols, Kokoschka, Beckmann und auch Fälschungen ihrer Kunstwerke. Denn im Depot des Hauses gibt es nicht nur Originale, sondern auch Werke, die sich als Fälschungen erwiesen haben. Etwa eine ursprünglich Alberto Giacometti zugeschriebene Skulptur aus der Schenkung von Margrit und Bernhard Sprengel. „Schon die Sprengels selbst haben an der Echtheit gezweifelt“, sagt Museumsvizechefin Carina Plath, die die Ausstellung gemeinsam mit Patricia Hartmann kuratiert hat. Seit 2017 steht tatsächlich fest, dass es sich bei der Figurine um einen nicht von Giacometti autorisierten Abguss handelt. Ebenfalls zu sehen ist ein Giorgio de Chirico zugeschriebenes Bild, das tatsächlich von dessen Künstlerkollegen Óscar Dominguez stammt und aus dem Bestand des Landesmuseums im Sprengel-Museum gelandet ist. Und gezeigt wird auch ein fälschlich als Modigliani-Werk ausgewiesenes Gemälde aus dem berüchtigten Doebbeke-Konvolut, das die Stadt Hannover 1949 erworben hat. 

Mit neuer Offenheit

Insgesamt ein halbes Dutzend Fälle, in denen man Fälschungen aufgesessen ist, werden so in dieser Ausstellung dokumentiert. Der jüngste Fall, ein angeblich von dem Expressionisten Heinrich Campendonk stammendes Gemälde, das die Fritz-Behrens-Stiftung 2010 für das Sprengel-Museum gekauft hat und das tatsächlich von dem Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi stammt, ist nicht dabei. Denn der millionenschwere Kauf konnte rückgängig gemacht werden. 

„Eine Fälschung im Bestand zu haben, gestanden Museen früher allenfalls verschämt ein“, sagt Museumsdirektor Reinhard Spieler. „Diese Ausstellung zeugt davon, dass wir heute offener und kritischer mit unserer Sammlung und deren Zustandekommen umgehen.“ 

Zur neuen Offenheit gehört auch die Reflexion darüber, was eigentlich das originäre Kunstwerk ausmacht. Dazu liefern die Kunstfiktionen Dirk Dietrich Hennigs – in dieser Ausstellung eine fingierte Skulptur und eine Assemblage á la Schwitters sowie ebenso fingierte Dokumente aus dem Leben des Carl Gerhardt Rudolf – intelligenten Betrachtungsstoff. Ist schon alles gemalt, nur noch nicht von allen? Ist Hennig ein Künstler der Wiederholungskunst, der Appropriation Art in der Tradition der New Yorker Künstlerin Elaine Sturtevant (1924–2014)? Die wollte mit ihren Kunstnachbildungen ja ihrerseits in der Tradition des Philosophen Walter Benjamin den Verlust der einzigartigen künstlerischen Aura demonstrieren. Ist die Kunstfigur Rudolf die biografische Kopie eines Kopisten –und Hennig ein bloßer Fälscher?

„Ich bin Erfinder“, sagt Dirk Dietrich Hennig, „ich wiederhole nicht die Kunstgeschichte, sondern ergänze sie.“ Und er strebe dabei, durchaus gegen Benjamin, keineswegs bloß die technische Reproduktion von Kunstwerken an. „Nicht nur die Kunst, auch ihre Aura lässt sich nachbilden.“

Ist das die Widerlegung Benjamins? Oder nur ein (künstlerisches) Hochhinauswollen vor dem tiefen (philosophischen) Fall? Noch mag ungewiss sein, was aus Dirk Dietrich Hennig wird, doch für Carl Gerhardt Rudolf, die Figur aus Hennigs Parallelwelt, soll „Fake News“ nur die erste Stufe öffentlicher Wahrnehmung sein, und das keineswegs nur in einer Parallelwelt. „Im März 2019 wird es eine Retrospektive seiner Werke in der Galerie Kubus geben“, versichert Hennig lächelnd. „Ich bereite gerade ein Interview mit ihm vor.“ 

„Fake News – Original + Fälschung + Kopie + … aus der Sammlung des Sprengel-Museums Hannover“ im Sprengel-Museum, Kurt-Schwitters-Platz. Am 27. Februar um 18.30 Uhr gibt es dort ein Gespräch der Ausstellungskuratorinnen Patrizia Hartmann und Carina Plath, moderiert von Gabriele Sand.  

Von Daniel Alexander Schacht

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