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Kultur Sprengel Museum lässt antike Mythen aufleben
Nachrichten Kultur Sprengel Museum lässt antike Mythen aufleben
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20:36 13.09.2011
Ein Ursymbol der Triebhaftigkeit: Picassos „Minotauromachie“ (1935) Quelle: Sprengel Museum
Hannover

Und zugleich wirken die Stiermenschen, die Picasso in den dreißiger Jahren immer wieder gezeichnet hat, oft ungemein zart, verletzlich und in ihrer ungestümen Art sehr menschlich. In diesen Mischwesen hat er auch sich selbst porträtiert – und die Ambivalenz der menschlichen Natur. Es geht eben um Leib und Seele. Nicht nur um Sex.

Gleich mehrere Werke von Picasso sind jetzt in der Ausstellung „Götter und Helden“ im Sprengel Museum zu sehen. Es ist die erste von drei Ausstellungen, bei denen Sprengel Museum, Landesmuseum und Museum August Kestner zumindest in Ansätzen – mit gemeinsamen Faltblättern und einem gemeinsamen Begleitprogramm – zusammenarbeiten. Einen gemeinsamen Nenner haben die Häuser schnell gefunden, tief im Humus der abendländischen Kultur: Sie widmen sich den Mythen der Antike, die sich ins kulturelle Gedächtnis Europas so sehr eingeschrieben haben wie sonst vielleicht nur die Geschichten der Bibel.

Im Sprengel Museum hat Kuratorin Karin Orchard die Grafiksammlung des Hauses durchkämmt – und ist auf viele Große gestoßen, die einst das Land der Griechen mit der Seele suchten. Max Ernst war von Mischwesen wie der Sphinx fasziniert. Max Beckmann schuf 1909 einen düsteren Zyklus von Lithografien über Orpheus. Beuys und Kokoschka, Miró und Braque, Grethe Jürgens und Eduard Bargheer – für sie alle waren die antiken Mythen wie ein Steinbruch an Motiven, aus dem sie sich bedienten.

Vom Jugendstil bis zur Pop-Art interpretierte jede Generation die alten Er­zählungen neu. Die Geschichten wurden selbst zu Projektionsflächen für andere Geschichten. So entwarf Ossip Zadkine 1942 im New Yorker Exil einen Herakles-Zyklus, in dem der vermeintliche Superheld als seelenloser Würger auftritt, der wie im Gewaltrausch Löwe, Hydra und Zerberus besiegt. Eine Kampfmaschine als Allegorie auf den Krieg. Ein halbes Jahrhundert später schuf Niki de Saint Phalle eine farbige Sphinx als kraftvolle Frauenfigur, als Inbegriff befreiter Weiblichkeit. Und in den Siebzigern machte sich Timm Ulrichs über die Erhabenheit abendländischer Hochkultur lustig: Sein Werk mit dem hochmögenden Titel „Europa auf dem Stier“ zeigt eine Kuh, deren Flecken eine Europakarte bilden. So untergrub der Ironiker den Bildungskanon – und stützte ihn zugleich.

Manch antiker Held wurde gar als politischer Dissident in Dienst genommen: Der DDR-Kulturbund beauftragte 1982 mehrere Künstler, eine „Prometheus-Mappe“ zu erstellen. Prometheus, als Feuerbringer ein Freund des Fortschritts und gewissermaßen ein Sozialist avant la lettre, sollte wohl als säkularer Nationalheiliger der DDR kanonisiert werden. Doch es war die Zeit des Wettrüstens, und die Werke fielen unerwartet kritisch aus: Bei Wolfgang Mattheuer wurde Prometheus zum Brandstifter, und Uwe Pfeifer ließ ihn als Che Guevara auf einem Panzer eine Feuersäule schwingen. Die Mappe verschwand rasch in den Magazinen.

In der Formensprache mancher Bilder, die wenige Jahrzehnte alt sind, finden wir uns schon heute nicht mehr wieder. In den jahrtausendealten Mythen schon. Gerade weil diese so universell und wandlungsfähig sind, bleiben sie trotz aller Metamorphosen im Kern erhalten. Sie sind – auch das zeigt diese Ausstellung – wie ein uralter Text, der immer wieder neu geschrieben wird. Die ewige Wiederkehr des Vertrauten.

Simon Benne

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