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Sprengel-Museum stellt sich neu auf

Programmpräsentation Sprengel-Museum stellt sich neu auf

Groß wie nie zuvor: Am Freitag präsentierten Reinhard Spieler und sein Team die Pläne für das Sprengel Museum im neuen Jahr und teilweise auch darüber hinaus. Dabei stehe 2016 ganz im Zeichen der Sammlungspräsentation, heißt es.

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Quelle: Droese

Hannover. Bizarr springt das Bild vom Geschlechtsakt zweier Insekten ins Auge, die von Baumharz umschlossen und so für die Ewigkeit konserviert sind. Der Künstler Pierre Huyghe hat den Bernstein mit dieser finalen Sexszene zu einem Würfel verarbeitet – „Amber“ heißt sein ironischer Kommentar zu Einsteins Bonmot „Gott würfelt nicht“.

Kein Akt der Würfelei war auch die Vergabe des Kurt-Schwitters-Preises an den Franzosen. Ihm widmet das Sprengel-Museum die erste Ausstellung (30. Januar bis 24. April im Neubau) im Jahresprogramm 2016 – bei dessen Gestaltung Spieler ebensowenig dem Zufall überlassen kann. „Das erweiterte Haus komplett neu einzurichten und dabei zu keiner Zeit komplett zu schließen – das ist mit erheblichem logistischem Aufwand verbunden“, sagt der Direktor. „Zumal das Jahr 2016 ganz im Zeichen der Sammlungspräsentation steht.“

Sammlungspräsentation? Das Sprengel-Museum verfügt über eine Sammlung von 36.000 Kunstobjekten, als sozialverträglich gilt unter Ausstellungsmachern je Kunstschau maximal ein Hundertstel davon. Aber im Sprengel-Museum ist jetzt eben alles etwas größer – weshalb der Museumsdirektor und sein Team bis zu 1600 Werke präsentieren wollen – und der um 30 Prozent gewachsenen Ausstellungsfläche schon im Titel der großen Sammlungsschau Rechnung tragen.

  • „130 % Sprengel“: Für die Präsentation der Sammlung sind zwei aneinander anschließende Rundgänge vorgesehen. Im Neubau folgt auf einen Raum, der dem Sammlerpaar Sprengel gewidmet ist, ein Parcours durch die klassische Moderne – von der französischen Avantgarde über den deutschen Expressionismus bis zu Konstruktivismus, Bauhaus und Neuer Sachlichkeit. In den oberen Räumen des Altbaus führt der Weg von der Nachkriegskunst bis zu zeitgenössischen Werken deutscher und internationaler Kunst. Und ganz der Gegenwartskunst ist die Wechselausstellungshalle gewidmet, in der als spektakulärstes Werk Julian Rosefeldts Filminstallation „Manifesto“ gezeigt wird. Sie widmet sich in zwölf Episoden künstlerischen und politischen Manifesten – vom Kommunistischen Manifest über Dada und Futurismus bis zur Pop-Art. Der Clou sind dabei zwölf Auftritte der unglaublich wandlungsfähigen Schauspielerin Cate Blanchett, die, mal als Clochard, mal als Unternehmerin oder auch als Popsternchen, Auszüge aus den jeweiligen Manifesten verliest. Die Ausstellung „130 % Sprengel“ läuft vom 5. Juni bis zum 29. Januar 2017.
  • „Geburt der Moderne“: Zum selben Zeitpunkt startet unter diesem Titel eine Schau, die sich in den Grafikräumen des Untergeschosses dem Umbruch widmet, den der Kubismus in der Kunst um 1910 bewirkt hat – unter anderem mit Arbeiten von Klee und Beckmann, Kollwitz und Munch, Nolde und Feininger (bis 18. September).
  • „Bei Sprengels unterm Sofa“: Auch am 5. Juni eröffnet im bisherigen Fotografieraum im Untergeschoss ein „Sehlabor“, das Kindern und Eltern Kunstexperimente und Kunstentdeckungswege bahnen soll (bis 29. Januar 2017).
  • „Niki de Saint Phalle – The Big Shots“: Diese Ausstellung soll schon in der Zeit, in der die übrigen Räume für die große Sammlungsschau vorbereitet werden, Niki-Fans in die Einblickshalle locken. Gezeigt werden große Assemblagen wie die riesige Hommage an Robert Rauschenberg, aber auch kleine Modelle, die sie für ihre Skulpturengärten und Mosaiken in der Toscana und in Hannover entwickelt hat (Laufzeit: 27. April 2016 bis 7. Mai 2017).

Der Umgang mit dem großen Bestand des Hauses an Werken der französisch-amerikanischen Künstlerin ist ein Beispiel dafür, dass das Sprengel-Museum auch international größer aufgestellt ist. Es war 2014 Hauptleihgeber bei der Niki-de-Saint-Phalle-Ausstellung im Pariser Grand Palais, der größten Niki-Schau aller Zeiten. Ein weiteres Beispiel ist der Erfolg der von Grafik-Kuratorin Karin Orchard zusammengestellten und noch bis Ende Januar laufenden Toulouse-Lautrec-Ausstellung. Sie wird ab März im Salzburger Museum der Moderne gezeigt. Und erfolgreich ist das Sprengel-Museum auch im Anwerben von Forschungsmitteln, die für die Schwitters- und Lissitzky-Forschung sowie für die Digitalisierung mobilisiert werden konnten. „Spätestens im Juni, mit Beginn der Sammlungspräsentation“, sagt Isabel Schulz, die Leiterin des Schwitters-Archivs, „werden rund 7000 Werke unserer Sammlung online recherchierbar sein.“

Weniger erfolgreich war Spieler bislang im Bemühen, den nur gegen weiteres Durchnässen geschützten Skulpturenhof in einen wieder umfassend nutzbaren und präsentablen Zustand zu versetzen. Die Fläche soll trotzdem genutzt werden – für eine Kunstinstallation, die gleichfalls noch bis Juni dort aufgebaut werden soll. „Geld für die dort notwendigen Sanierungarbeiten“, sagt Spieler, „ist mir erst für das Jahr 2021 in Aussicht gestellt worden.“

Solange soll sich das Museum offenbar in der Kunst der Improvisation üben.

Mehr Platz und Personal für die künstlerische Fotografie

Fotografie und visuelle Medien bekommen in der Neuaufstellung des Sprengel-Museums ein wachsendes Gewicht: Die acht Räume des Untergeschosses, die bislang der Sammlung Sprengel vorbehalten waren, stehen künftig für großzügige Präsentationen der Fotografie zur Verfügung.

Als zusätzlichen Kurator für Fotografie neben Fotokuratorin Inka Schube hat das Sprengel-Museum Stefan Gronert gewonnen. Der 51-Jährige ist bislang Kurator für Gegenwartskunst am Kunstmuseum Bonn und Kunstdozent mit dem Schwerpunkt Fotografie der Moderne. Bereits 1996 hat er dort die grafische Sammlung zu betreuen begonnen, die einen großen fotografischen Bestand umfasst. Gronert hat auch private Beziehungen zu Hannover – er ist verheiratet mit Christina Végh, der Direktorin der Kestnergesellschaft. Im Laufe des Jahres soll den beiden Fotografie-Kuratoren außerdem ein Fotografierestaurator zur Seite gestellt werden.

Amerikanische Fotografie aus der eigenen Sammlung sowie der Sammlung der Niedersächsischen Sparkassenstiftung zeigt das Sprengel-Museum in den neuen Räumen vom 5. Juni an, um einen Schwerpunkt der US-Fotografie einzuleiten.

„Und plötzlich diese Weite“ ist der Titel einer Ausstellung, die den Besuchern der Fotografie-Räume vom 10. Dezember an eine „kleine transatlantische Fotografiegeschichte“ bieten soll. Sie zeigt wegbereitende US-amerikanische Fotografen und deren Wahrnehmung in Westdeutschland seit den Sechzigerjahren, in Hannover beispielsweise durch die Spectrum Photogalerie. Für diese Ausstellung kooperiert das Sprengel-Museum mit dem Folkwang-Museum in Essen und der C/O-Galerie in Berlin. das

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