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Sprengel-Museum zeigt größte Ausstellung seiner Geschichte

"130% Sprengel" Sprengel-Museum zeigt größte Ausstellung seiner Geschichte

Erstmals seit der Eröffnung der Erweiterungsbaus zeigt sich das Sprengel-Museum jetzt auf allen Ebenen in neuer Aufstellung. Die neue Ausstellung "130% Sprengel" ist die größte in der Geschichte des Museums.

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Starkes Rot und kühles Blau: Museumschef Reinhard Spieler hat den Räumen des Erweiterungsbaus eine eigene Farbdramaturgie verpasst.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Es ist ein Tag vollmundiger Worte, hoher Erwartungen und großer Versprechen. Von einem „Aushängeschild“ spricht Kulturdezernent Harald Härke, von einem „wichtigen Imageträger“ Annette Schwandner vom Kulturministerium. Gemeint ist das Sprengel-Museum, das jetzt, erstmals seit Eröffnung des Erweiterungsbaus, komplett bespielt wird. „Ein toller Tag“ sagt Sabine Schormann, deren Sparkassenstiftung intensiver denn je mit dem Haus am Maschsee kooperiert. Und Museumschef Reinhard Spieler verleiht seiner Hoffnung Ausdruck, dass jeder Besucher daraus „ganz große, starke Eindrücke“ mitnehmen möge.

Streng genommen war der große Tag nicht der Freitag, er kommt erst am Sonntag, wenn das Publikum in „130 % Sprengel“ strömt. So heißt die größte Kunstpräsentation in der Geschichte des Sprengel-Museums, das seit der Erweiterung mit 8000 Quadratmetern für Ausstellungen nutzbarer Fläche überdies größer denn je ist. Und diese neuen Dimensionen werden jetzt erstmals für eine einzige Sammlungsschau genutzt.

Unter dem Titel "130 % Sprengel" präsentiert das Sprengel Museum Hannover ab dem 5. Juni 2016 seine Sammlung. Im gesamten Haus sind auf gut 8.000 Quadratmetern etwa 800 Kunstwerke ausgestallt - von den Anfängen des 19. Jahrhunderts bis in die unmittelbare Gegenwart. Die Ausstellung endet am 29. Januar 2017.

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Doch was heißt schon „eine“ Schau? 1500 Exponate, von dieser Summe an Ausstellungsstücken war monatelang die Rede. Bei solchen Kunstmengen können sich auch Kenner verzählen, und so wurde die Summe gestern auf 800 nach unten korrigiert. Das sind nur gut zwei Prozent des Sammlungsbestandes, doch immer noch das Fünffache dessen, was unter Experten als zumutbar für einen einzelnen Museumsbesuch gilt. Die Sammlung des Sprengel-Museums ist mit 36 000 Einzelobjekten so riesig und mit Highlights von Klassikern der Moderne bis zu Zeitgenossen so reichhaltig bestückt, dass auch diese ganz große Sammlungsschau sogleich in mehrere Stücke zerfallen muss.

Schon die Eröffnung von „130 % Sprengel“ geht mit einer besonderen Dramaturgie einher. So ist die Niki-de-Saint-Phalle-Schau in der Einblickshalle bereits vor gut einem Monat gestartet. Zwei Neuerwerbungen, Wolfgang Tillmans „Book for Architects“ und Julian Rosefeldts „Manifesto“, wurden bereits zur Wochenmitte vorgestellt. Und auch nach der Eröffnung soll es weitere Präsentationen geben.

Geboten wird eine praktisch durchweg überzeugende und faszinierende Schau - mit erstaunlich viel Neuem und dem Altbekannten in oft neuem Licht. Er habe mit seinem Kuratorenteam eine Schnittmenge zwischen der allgemeinen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts, dem speziellen Sammlungsbestand des Hauses und dessen Raumkapazitäten bilden müssen, sagt Spieler und betont: „Wir wollen alle Exponate über einen zeitgenössischen Zugang präsentieren.“

Wie das geht? Nun, wer sich am Eingang rechts in die Wechselausstellungshalle wendet, wird mit Julian Rosefeldts Videoinstallation „Manifesto“ gleichsam vorbereitet auf den Aufbruch von Kunstavantgarden wie dem Futurismus, Surrealismus oder Dadaismus, die mit solchen Manifesten einhergingen und im Neubau zu sehen sind. Wer geradeaus in der Oberen Sammlung startet, trifft auf Gegenwartskunst wie Richard Deacons Großskulptur „What will make me feel that Way“ (1993). Wer von dort einen Blick in die Museumsstraße hinunter wirft, sieht Monika Sosnowskas „Stairway“ (1972), das ebenso zu den zwölf Neuzugängen des Hauses zählt wie im Obergeschoss „The Institute“ (2002) von Louise Bourgeois. Und wer die Treppen hinabsteigt, sieht Pavel Büchlers soeben fertiggestellte Installation „Studio Schwitters Hannover“ (mit Ton und Text der Ursonate) wie ein Bindeglied zwischen dem „Kosmos Schwitters“ auf der linken und der Fotografie auf der rechten Seite. Die Fotografie nutzt jetzt jene Räume, die durch den Umzug der Sammlungskernbestände in den Neubau frei geworden sind.

Licht für die Klassische Moderne und die Fotografie, Platz für Schwitters und die Folgen - das sind die deutlichsten Akzente dieser Neuaufstellung:

Licht für die klassische Moderne: Auch langjährigen Freunden des Hauses wird hier Neues geboten. Denn jene Werke, die der Schokoladenfabrikant Bernhard Sprengel der Stadt Hannover 1969 geschenkt hat und die den Kern seiner Sammlung ausmachen, sind jetzt zusammen mit anderen Klassikern der Moderne erstmals im computergesteuert einfallenden Naturlicht des Neubaus zu sehen. Wer diesen Teil der Ausstellung betritt, erlebt überdies die neue Farbdramaturgie des Hauses. Der erste Saal, der dem Sammlerpaar Margit und Bernhard Sprengel gewidmet ist, hat eine altweiße Tönung. Der nächste Raum mit dem Schwerpunkt bei der Künstlergruppe Brücke strahlt in Sienagelb, daneben sind Werke der Gruppe Blauer Reiter auf kräftigem Museumsrot zu sehen, und daran schließt sich ein langgestreckter Saal in fahlem Blau an, der der Neuen Sachlichkeit Werke von Bauhauskünstlern sowie des Surrealismus und Konstruktivismus gegenüberstellt. Ein „Raum der Giganten“ versammelt Picasso, Beckmann und Nolde. Und ein Raum zu den Jahren der Nazizeit zwischen 1933 und 1945 schließt sich an - mit verfemten Werken der sogenannten „Entarteten Kunst“, aber auch mit Werken von Künstlern, die die Nazis anerkannten - wie Hermann Blumenthal Adolf Wissel oder Franz Radziwill, die vorwiegend (aber nicht nur) brav figurativ gemalt haben.

Platz für die Fotografie: Beeindruckend viel Platz erhält die Fotografie auf den bisherigen Flächen der klassischen Moderne - und die Kuratoren Inka Schube und Stefan Gronert dokumentieren hier zugleich, dass Lichtbilder nicht unbedingt Standbilder sein müssen: William Egglestons „Graceland“-Serie auf den Spuren des Mythos Elvis stellen sie ein Video von Jonas Mekas gegenüber. Und den Bildern von Diane Arbus Szenen aus Roman Polanskis Film „Rosemary’s Baby“. Sie greifen auf die Tradition der hannoverschen Spectrum-Photogalerie zurück und zeigen Aufnahmen von dessen wichtigster Gründerfigur Heinrich Riebesehl, etwa ein (fast noch Jugend-)Bild des hannoverschen Künstlers Timm Ulrichs von 1967. Und - im Vorgriff auf eine für 2019 geplante Ausstellung - einige Bilder des Bauhaus-Fotografen Otto Maximilian Umbehr, kurz Umbo. Die Fotopräsentation wird - übrigens genauso wie die der benachbarten Grafik, die Zeichnungen um 1910 zeigt, im Verlauf der Ausstellung mehrfach wechseln. Ende des Jahres soll eine Fotoschau sich Michael Schmidts Berliner Werkstatt für Photographie widmen.

„Kosmos Schwitters“: Rund um dessen Merzbau geht eine Ausstellung seiner Werke dem „Prinzip Collage“ nach, das viele Einflüsse auf andere Künstler hatte. Da wird sein Dada-Liebesgedicht „An Anna Blume“ aufgeführt, und erstmals ist eine Stummfilmsequenz zu sehen, in der Schwitters wahrscheinlich seine „Ursonate“ vorträgt - die gleich daneben aus Pavel Büchlers Megafonen ertönt.

Alles bestens also? „Das Sprengel-Museum ist toll“, sagt Annette Schwandner bei der Ausstellungpräsentation wie nebenbei - und fügt dann hinzu: „Aber wir müssen auch sehen, dass sich die Erwartungen des Publikums immer rasanter ändern - und darauf muss sich das Museum einstellen.“ Eine Antwort auf diesen Appell ist vielleicht „Bei Sprengels unter Sofa“, ein „Sehlabor“ für Kinder im Untergeschoss. Eine weitere Antwort präsentierte die Kuratorin Isabel Schulz vor Lissitzkys „Kabinett der Abstrakten“. Dafür haben Studierende der HBK Braunschweig ein Programm entworfen, mit dem Besucher sich auf Leihtablets in die Geschichte dieser Rauminstallation wischen können.

„Augmented Reality“ heißt das, und in einer so „erweiterten“ Realität muss man wohl auch sonst Zukunftsfragen stellen. Von hier aus ist es nur wohl ein Schritt zu weiteren digitalen Aktivitäten. Aber die sind für das Sprengel-Museum offenbar noch Zukunftsmusik.

„130% Sprengel“ ist bis zum 29. Januar 2017 geöffnet. Die Eröffnung ist am Sonntag um 10 Uhr, der Eintritt ist frei.

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