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Kultur Start der Kunstfestspiele
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20:20 01.06.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Bei der Eröffnung der Kunstfestspiele würdigte die Aktivistin (rechts) besonders die Energiewende. Quelle: Martin Steiner
Hannover

Das Wetter passt zum Motto der neuen Ausgabe der Kunstfestspiele Herrenhausen: „Fragiles Gleichgewicht“. Gestern wurde die dritte Ausgabe des Kunstfestivals, das künstlerischen Glanz und internationales Publikum nach Herrenhausen holen will, eröffnet, und war lange nicht klar, ob man die Kunstfestinstallationen im Großen Garten auch ohne Schirm würde besichtigen können. Es ging dann doch. Auch die Besucher der Eröffnungsveranstaltung konnten unbeschirmt die Orangerie erreichen, in der Bianca Jagger vor der Premiere von „Geometrie der Liebe“ mit dem Solistenensenble Kaleidoskop (die nebenan in der Galerie stattfand) gestern die Festrede zur Eröffnung des Festivals hielt.

Bianca Jagger wurde nicht eingeladen, weil sie einmal mit Mick Jagger verheiratet war, sondern weil sie etwas zu sagen hat. Bianca Jagger, die auch Trägerin des alternativen Nobelpreises ist, engagiert sich für Menschenrechte und Umweltschutz - und ist insofern mit dem Festivalthema „Fragiles Gleichgewicht“ bestens vertraut. Sie sprach über drei große Herausforderungen der Gegenwart: den Klimawandel, die Atomwaffen, die es immer noch auf diesem Planeten gibt, und über den Graben, der sich zwischen Wohlhabenden und denen, die nichts haben, immer weiter auftut.

Die Aktivistin für Umweltschutz, Frieden und Gerechtigkeit spricht mit angenehm sanfter Stimme und macht Deutschland und den Deutschen einige Komplimente, die deutlich über das hinausgehen, was man sonst zu solchen Anlässen sagen würde. Ausdrücklich lobt sie die deutsche Energiewende - wobei sie das deutsche Wort benutzt, das vielleicht eine ähnliche Karriere wie Kindergarten, Rucksack und Sauerkraut machen wird. Mit Begeisterung berichtet sie vom 25. Mai dieses Jahres, dem Tag, an dem die Solaranlagen in Deutschland so viel Energie produzierten wie 20 Atomkraftwerke. Deutschland, sagt sie, lasse mit seiner vorbildlichen Energiepolitik die anderen europäischen Länder weit hinter sich. Und noch etwas anderes ist ihrer Ansicht nach in Deutschland vorbildlich: Das Land verfügt über keine einzige Atomwaffe.

Fragiles Gleichgewicht, das Festivalmotto, bedeutet auch, dass vieles mit vielem zusammenhängt. Festreden jedenfalls hängen meist zwingend mit weiteren Eröffnungsreden zusammen. Die kamen von Festivalintendantin Elisabeth Schweeger und von Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil.

Weil eröffnete den Eröffnungsabend mit dem Hinweis auf die Großbaustellen Schloss und Orangeriegebäude, das gerade saniert wird. „Herrenhausen ist in Bewegung“, sagte Weil. Mit dem Schloss und den Festspielen hätte man die große Chance, in Herrenhausen eine einmalige Plattform für Kunst, Kultur und Wissenschaft zu etablieren. Besonders schön aber sei, dass das alles „in Verbindung mit einem einzigartigen Gartengenuss“ möglich sei. Er lobte besonders Intendantin Schweeger, der es gelungen sei, ein neues Format zu etablieren. „Die Fankurve“, sagte Weil, sei gewachsen, „die Anerkennung in der überregionalen Fachwelt“ auch.

Elisabeth Schweeger nahm das Festivalmotto zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass sich nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Kunst in der Situation des fragilen Gleichgewichts befinde. Wie alles andere, so müsse sich auch die Kunst immer wieder selbst in Frage stellen.

Die Kunst hatte gestern ihren großen Auftritt nicht erst mit der Uraufführung von „Geometrie der Liebe“ im Galeriegebäude, sondern schon zuvor im Großen Garten. Hier sind Wohnwagen, Wohnmobile, Zelte wie überhaupt alles, was nur im entferntesten mit Camping zu tun hat, natürlich strengstens untersagt. Herrenhausen ist ein Schaugarten, ein Lustgarten, ein Prunkstück, ein Garten, dem jeder praktische Nutzen eher fremd ist. Insofern hat der Wohnwagen, den die Künstlerin Tamara Grcic an wechselnden Stellen auf den Kieswegen im Großen Garten parkt, durchaus einen gewissen subversiven Charakter. Vor allem, wenn man auf die Seiten des Wohnwagens blickt. Dort, wo sich bei anderen Wohnwagen die Fenster mit den vergilbten Gardinchen befinden, sind hier gigantische Lautsprecher zu sehen: Riesenhörner! Krachmaschinen! Schrecken eines jeden Campingplatzes!

Doch was kommt da raus? Das sanfte Ticken von Küchen-, Taschen- und Armbanduhren, aufgezeichnet im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen. Zu jeder vollen Stunde wird das Ticken von Neuer Musik abgelöst. Dann sind ein- bis dreiminütige Kompositionen von Matthias Ott zu hören. Die rollende Klangstelle passt ihre Lautstärke der Umgebung an. Ist viel los im Garten, schallt es lauter als sonst aus den Hörnern. Saft genug ist jedenfalls vorhanden: Die Künstlerin hat eine Brennstoffzelle zur Stromproduktion im Wohnwagen installiert. Dieser wird bis zum Ende des Festivals am 17. Juni im Garten bleiben. Weitere Kunstwerke wie spazierende Zwillingspaare und unvermutete Türen wird man dort auch entdecken können. Und vieles, vieles andere nebenan in Orangerie und Galeriegebäude.

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