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Stemann inszeniert in Salzburg „Faust I und II“ als gigantisches Endspiel

Ausflug ins Textgebirge Stemann inszeniert in Salzburg „Faust I und II“ als gigantisches Endspiel

Ausflug ins Textgebirge: Nicolas Stemann inszeniert in Salzburg „Faust I und II“ als gigantisches Endspiel. Johann Wolfgang Goethe tritt darin öfter mal auf, und einmal auch als lallender Ahnherr des postdramatischen Theaters – was er mit seinem eigentlich unspielbaren, die Grenzen des Theaters sprengenden „Faust II“ ja auch ist.

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Unterwegs auf den „Faust“-Gipfel: Sebastian Rudolph (rechts) and Philipp Hochmair in Salzburg.

Quelle: dpa

Der postdramatische Geheimrat redet sich in Begeisterung. Besoffen ist er auch. Vom Wein und von sich selbst. „Wir haben die vierte Wand niedergerissen“, brüllt er. Und: „Wir haben Klassiker mit Video gemischt.“ Und: „Wir haben etwas bewegt.“ Schon gut, schon gut. Die anderen auf der Bühne reagieren leicht genervt auf den Alten, der seine Orden herzeigt und sich Glas um Glas genehmigt. Peinlich, diese Veteranen einer Bewegung.

Im zweiten Teil von Nicolas Stemanns „Faust“-Marathon, mit dem jetzt das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele eröffnet wurde, tritt Johann Wolfgang Goethe öfter mal auf, und einmal auch als lallender Ahnherr des postdramatischen Theaters – was er mit seinem eigentlich unspielbaren, die Grenzen des Theaters sprengenden „Faust II“ ja auch ist.

Auch Regisseur Nicolas Stemann (in Hannover besonders mit einem spannenden nachrevolutionären „Hamlet“ in Erinnerung) ist ein alter Kämpe des Postdramatischen. Doch dieses Dekonstruktionstheater, das das Darstellen problematisiert und das Spiel liebt, ist mittlerweile nichts Neues mehr. Ihm ist es ergangen, wie es allen Aufbrüchen und revolutionären Bewegungen ergeht: Irgendwann ist die Sache von gestern.

Stemann erzählt gern von solchen untergehenden, sich in Abwicklung befindlichen Ideen. Manche seiner Arbeiten (wie auch die „Letzten Lieder“, die er kürzlich in Berlin sang und singen ließ) sind von einer schönen Traurigkeit grundiert. Auch bei seinem „Faust“-Projekt betätigt er sich als hervorragender Ruinenbaumeister: Er präsentiert „Faust I und II“ als gigantisches Endspiel, als Abwicklung aller Vorstellungen von Machbarkeit. Faust will wirken, Stemann zeigt, dass das nicht geht. Erstaunlicherweise gelingt ihm das mit Goethe, nicht gegen ihn. Aber der Regisseur zeigt noch etwas anderes. Gewissermaßen als Widerspruch zum eigenen kulturpessimistischen Ansatz feiert er hier auch das Machbare. Auch das mit Goethe, nicht gegen ihn.

Verblüffend: Stemanns Endspiel und Abgesang ist auch ein Triumph. Darin ähnelt der junge Regisseur einem alten: Peter Stein, der zur Expo 2000 in Hannover den gesamten Text von „Faust I“ und „Faust II“, immerhin mehr als 12 100 Verse, auf die Bühne brachte – ungestrichen.

Steins ehrgeiziges Projekt dauerte 21 Stunden, Stemann, der sich einige Kürzungen (und Umstellungen und Wiederholungen) erlaubt, schafft es in knapp neun Stunden. Am Nachmittag um 17 Uhr geht’s los, Nachts gegen 1.30 Uhr ist es vollbracht: Das Ensemble singt ausgelassen den Schlusssong vom Vergänglichen, das nur Gleichnis ist, und vom Unzulänglichen, das hier Ereignis wird. Die Darsteller wirken froh – sie haben es geschafft, das Textgebirge ist bestiegen. Und heil wieder runtergekommen sind sie auch.

So ähnlich war die Stimmung auch nach Steins „Faust“-Marathon. Peter Stein hat seine Figuren damals aus weichem Holz geschnitzt und sie mit feinem Pinsel angemalt, das hat ihm den Vorwurf des Kunstgewerblichen eingebracht. Stemann dagegen hat seine Figuren aus Knete geformt und sie dann in Farbeimer getaucht und in Dreck gewälzt.

Kunstgewerblichkeit kann man ihm nicht vorwerfen. Vielleicht kann man ihm gar nichts vorwerfen – und vielleicht ist das auch ein Problem.

Im Grunde haben die beiden so unterschiedlichen Regisseure dasselbe gemacht: Sie haben den Figuren Leben eingehaucht und bewiesen, dass man den ganzen Faust spielen kann. Es funktioniert also doch! Aus dem Papier wird Theater. Hurra! Und weiter?

Für beide Regisseure ist Goethe der wichtigste Referenzpunkt: das gigantische Werk, die Textmenge! Es ist so wie bei Bergsteigern. Sie klettern auf Gipfel, weil die Gipfel da sind. Mal sehen, ob das zu schaffen ist. Freilich gibt es dann auch diesen Bergsteigereffekt, dass man sich irgendwann während der Tour fragt: Was mache ich hier eigentlich? Was soll das bloß? Und dann geht man weiter.

Aber während das Ensemble von Peter Stein immer stur bergan marschiert ist, fangen die Schauspieler bei Stemann an zu tanzen. Und im Kreis zu gehen. Und zu stolpern. Das ist witzig. Immer wieder – auch im zweiten Teil – wird textschleifenartig die Frage des Theaterdirektors aus dem Vorspiel auf dem Theater gestellt: „Wie machen wir’s, dass alles frisch und neu / Und mit Bedeutung auch gefällig sei?“ Die Antwort: genau so. Und immer wieder tauchen „Faust“-Experten auf, die den Text interpretieren: Philosophen, Naturwissenschaftler, erstaunlicherweise keine Philologen. Eine der Interpretationen (zur Bestialität in Auerbachs Keller) wird von der Sopranistin Friederike Harmsen sogar als Arie vorgetragen.

Stemann kann sich vielerlei Scherze und allerlei Wiederholungen erlauben. Er kann sich sogar erlauben, dass einige Szenen im zweiten Teil nur so dahingerotzt sind. Das ist möglich, weil es ihm gelingt, die Herzen der Zuschauer schon gleich zu Beginn zu erobern. So etwas funktioniert in Salzburg aber nie mit Ideen, sondern immer nur über die Schauspieler.

Stemanns Trick: Er lässt den gesamten „Faust I“ von nur drei Darstellern spielen. Sebastian Rudolph steht in der ersten halben Stunde allein auf der Bühne. Er ist Theaterdirektor, Dichter, lustige Person, drei Erzengel, Gott, Mephisto und Faust, Wagner und Volk in einer Person.

Eine herrliche Überforderung, die er bravourös meistert. Die Zuschauer sind begeistert – und die, die bis zum Schluss aushalten (etwa zwei Drittel), bleiben es auch. Sebastian Rudolph macht das großartig mit viel Energie und Witz und Verzweiflung. Später steigt Philipp Hochmair ein (der in Hannover nicht nur den Hamlet gespielt hat); auch er ist in vielen Rollen zu sehen, aber immer mehr Mephisto als Faust. Manchmal brandauert er, aber das schätzt man ja in Salzburg. Patrycia Ziolkowska spielt Gretchen und Frau Marthe und selbstverständlich auch Faust und Mephisto. Sie ist kein Mädchen mehr, aber das, was sie hier zu tun hat, ist auch keine Mädchenaufgabe. Das Publikum ist hingerissen.

Knapp drei Stunden (der erste Teil wird ohne Pause gespielt) klettern drei Schauspieler durchs Textgebirge. Dem Text wird dabei das Dialogische weitgehend genommen, gespielt werden lauter innere Monologe. Der Faust, zeigt Stemann, hat viele Stimmen im Kopf. Ein bisschen wirkt der erste Teil auch wie eine Prüfungsarbeit für angehende Theaterwissenschaftler. Kann man das machen: Faust mit drei Schauspielern und vielen Monologen? Man kann. Setzen. Zwei.

Größer war die Herausforderung im zweiten Teil. Hier werden die drei Darsteller von weiteren Kollegen (darunter Barbara Nüsse und Josef Ostendorf) unterstützt. Stemann gelingt ein Kunststück: Obgleich er allerlei Schaumstoffgestalten (von den wunderbaren Figurentheaterspielern der Berliner Gruppe „Das Helmi“) mitspielen lässt, wirkt sein „Faust II“ viel weniger figurentheaterhaft als der von Peter Stein. Manches ist unfertig, manches leicht, schwebend, manches abenteuerlich schön. Der Stoff verliert seine Schulschwere. Stemann arbeitet viel mit Musik (mit Burkhard Niggemeier und Sven Kaiser sind zwei Pianisten dabei, die früher am Schauspiel Hannover gespielt haben), und manchmal wirkt sein „Faust“-Projekt wie ein Konzert. Das liegt auch am Verlust des Dialogischen. Die Figuren sprechen nicht ­einander an, sondern das Publikum.

Und das fühlte sich in der Tat angesprochen. Was im postdramatischen Theater alles andere als üblich ist.

Bis 21. August bei den Salzburger Festspielen. Vom 30. September an im Thalia Theater Hamburg.

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