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Kultur Steven Wilson spielt in der Swiss-Life-Hall
Nachrichten Kultur Steven Wilson spielt in der Swiss-Life-Hall
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00:15 25.01.2016
Von Uwe Janssen
Wilson überlässt Ninet Tayeb die Bühne für die rührende Geschichte über eine Frau, die ihre Familie bei einem Schulmassaker verloren hat. Quelle: Heusel
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Hannover

In Steven Wilson ist Musik. Sie muss aus ihm heraus. „Früher“ sinniert er auf der Bühne der hannoverschen Swiss-Life-Hall, „haben Bands jedes Jahr ein Album herausgebracht. Dann alle zwei Jahre, dann alle drei, alle fünf.“ Er wisse nicht, warum das so sei, aber er liebe es, oft und viel Musik zu veröffentlichen, sagt der Mann mit den strähnigen Haaren, der wie so oft barfuß auf der Bühne steht. Da gibt es einen warmen Applaus im nicht ausverkauften, mit Vorhängen verkleinerten Saal.

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Der Star bei einem Wilson-Konzert ist kein Einzelner sondern das Gesamtbild: Der Musiker hat es am Donnerstagabend in der Swiss-Life-Hall geschafft das Publikum mit perfekt abgestimmten Klängen auf einfühlsame Videos zu begeistern.

Und wer will, kann ein frisches Zeugnis des wilsonschen Kreativeifers gleich hören. Denn der Brite stellt mit seiner vierköpfigen Band und der israelischen Gastsängerin Ninet Tayeb an diesem langen Abend unter anderem „4 ½“ vor, eine Art Überbrückung vom 2015 erschienenen vierten Soloalbum „Hand.Cannot.Erase“ zur kommenden fünften CD. Ein Sechs-Stücke-Werk, aber kein Stückwerk ist dieses „4 ½“. Nichts ist Einhalb bei Wilson, dem Perfektionisten.

„My Book of Regrets“ ist so ein typischer Wilson-Song. „Wir müssen uns jetzt richtig konzentrieren“, kündigt der Boss vorab mit einem vielsagenden Seitenblick auf seine Mitstreiter an. Er hat natürlich Könner dabei, wie seinen alten Weggefährten Adam Holzman an den Keyboards. Oder Nick Beggs, der in seinen Anfangstagen mal bei der Pluderhosenband Kajagoogoo spielte und mittlerweile einer der versiertesten Bassisten im Geschäft ist. Gitarrist Dave Kilminster und Drummer Craig Blundell sind recht neu, fügen sich aber ebenso virtuos wie unaufdringlich ein.

Der Star bei einem Wilson-Konzert ist kein Einzelner, nicht mal Wilson selbst. Er steht zwar in der Mitte, singt, spielt Gitarre oder Tasten und erklärt zwischendurch seine Arbeit. Aber entscheidend ist das Gesamtprodukt, zu dem auch noch ein ausgefeilter Rundumsound und Videoeinspielungen gehören.

Der erste Teil, das Konzeptwerk „Hand.Cannot.Erase“, ist inspiriert von dem unglaublichen Fall einer jungen britischen Frau, die drei Jahre lang tot und von niemandem vermisst in ihrer Londoner Wohnung lag, bevor sie skelettiert vor dem laufenden Fernsehapparat gefunden wurde. Zu den komplexen Stücken sind Bilder von jungen Menschen zwischen Hochhaussilos zu sehen, manchmal auch Bildercollagen oder Trickfilme, in denen Wilsons Pink-Floyd-Affinität deutlich wird. Überhaupt ist der Abend eine Feier des beständigen Alten, dem das flüchtige Neue nichts anhaben kann. Wilson, 48, ist ein moderner Bewahrer, sein Enthusiasmus für den Kunstrock ist ansteckend und bedeutet: Alles ist gut. Hör Floyd, die alten Genesis, Emerson Lake & Palmer und lass die Discofürzchen von David Guetta verfliegen wie damals die von Milli Vanilli oder Rednex. Darauf können sich hier alle gut einigen.

Das animierte Langvideo zu „Routine“ wird quasi live vertont, Wilson überlässt Ninet Tayeb die Bühne für die rührende Geschichte über eine Frau, die ihre Familie bei einem Schulmassaker verloren hat und immer noch jeden Tag für alle den Tisch deckt. Als das Lied nach zehn Minuten vorbei ist, herrscht einen Moment Ergriffenheit im Saal, dann springen viele Zuschauer begeistert auf. Nicht zum letzten Mal an diesem Abend.
Es ist nicht das ganz typische Progrock-Publikum, Wilson mobilisiert mittlerweile auch einige Popfans. Aber es gibt schon viele, die ihn seit den Zeiten seiner alten Band Porcupine Tree begleiten, Männer vor allem. Sie verschwinden für die Konzertdauer aus dem Hier und Jetzt, tauchen tief in den Soundkosmos ein, wiegen – für die Umsitzenden auch zum Nachweis ihrer physischen Intaktheit – permanent den Kopf.

Manche trommeln das gesamte Konzert inklusive aller Rhythmuswechsel exakt in der Luft nach. Sollte Drummer Blundell irgendwann mal schlapp machen – vielleicht ist auch ein Arzt im Saal. Auf jeden Fall aber ein Schlagzeuger. Oder zehn.

Als die dritte Konzertstunde dann kurz vor 23 Uhr fast vollendet ist, verneigt sich Wilson dann selbst – vor David Bowie. Schon zuvor hat er dem unlängst verstorbenen Landsmann seinen Song „Lazarus“ gewidmet, nun spielt die Band Bowies „Space Oddity“, auf der Leinwand schaut Ziggy Stardust verträumt in die Unendlichkeit. Eine weitere Sentimentalität des Abends. Auch das musste raus aus Steven Wilson. Langer Applaus am Ende. Bevor es aus dem Progrock-Kosmos zurück geht in die kalte hannoversche Nacht. Im Autoradio läuft David Guetta.

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