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Kein Skandal bei Kunstfestspielen Herrenhausen

Stevie-Reich-Stück Kein Skandal bei Kunstfestspielen Herrenhausen

In Köln wurde ein Steve-Reich-Stück zum Skandal. Im Mai eröffnet der Komponist die Kunstfestspiele in Herrenhausen. Doch für Stefan Buchberger, den Chefdramaturgen der Kunstfestspiele, steht fest: "Bei uns werden Sie keinen Skandal erleben."

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Erschrocken aber nicht abgeschreckt: Der iranische Cembalist Mahan Esfahani musste sein Konzert in Köln unterbrechen.

Quelle: dpa

Ausgerechnet ein Kanon. Wie harmlos. Die barocke Variationsform ist so beliebt, dass sie sich sogar in Kinderliedern findet. Aber in Steve Reichs „Piano Phase“ sind die beiden Stimmen schon besonders eng geführt. Der Komponist hat das Werk 1967 entworfen, indem er eine Tonschleife auf zwei Tonbändern leicht versetzt abgespielt und das Resultat wieder in Noten übertragen hat. Richtig eingängig klingt das nicht. Es war ein Schritt auf dem Weg zur Entwicklung der populären Minimal Music, die Steve Reich zu einem der meistgespielten und einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts gemacht hat. Bemerkenswert, dass es Intendant Ingo Metzmacher und seinem Team gelungen ist, Reich zur Eröffnung der diesjährigen Kunstfestspiele Herrenhausen im Mai nach Hannover zu holen.

Skandal in Köln

Überall willkommen scheinen der Komponist und seine Musik dennoch längst nicht überall zu sein. In Köln hat nun eine Aufführung seiner „Piano Phase“ für einen handfesten Skandal gesorgt. Der iranische Cembalist Mahan Esfahani musste seine Bearbeitung des Stückes unterbrechen, weil in der Kölner Philharmonie nach einigen Minuten vor allem Lachen, Klatschen, Pfeifen und andere Missfallensäußerungen des Publikum zu hören waren.

Der Geschäftsführer des Konzertveranstalters Concerto Köln, Jochen Schäfsmeier, sagte dazu gestern, er habe so etwas noch nie erlebt. „Wenn ein Stück nicht ankommt und Leute das zum Ausdruck bringen, ist das normal“, so Schäfsmeier. Aber bei Esfahani seien die Benimmregeln in einem Konzert eindeutig verletzt worden. Auch die Kölner Philharmonie kritisierte das Verhalten der Störer: „Wir erwarten einen respektvollen Umgang. Es kann nicht sein, dass ein kleiner Teil des Publikums den Genuss aller anderen stört und zerstört“, teilte das Haus auf seiner Facebook-Seite mit.

Hat das Folgen für die Kunstfestspiele Herrenhausen?

Für Stephan Buchberger, dem Chefdramaturgen der Kunstfestspiele Herrenhausen, der seit Jahren mit dem Komponisten Steve Reich und seinem Werk eng vertraut ist, hat der Vorfall allerdings nichts mit der Musik von Reich zu tun. „Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das irgendeine Folge für unsere Aufführung in Hannover haben wird“, sagte er gestern. Die Videooper „Three Tales“ und das Stück „WTC 9/11“ für Streichquartett und Tonzuspielungen, die die Kunstfestspiele eröffnen, seien schon weltweit mit großem Erfolg aufgeführt worden - auch in Köln. „Sie werden bei uns keinen Skandal erleben“, verspricht Buchberger. Allerdings habe „tolle Kunst“ immer „einen gewissen Anspruch, auf den man sich einlassen muss“ - das gelte für Bach genauso wie für Steve Reich.

Buchberger vermutet, dass enttäuschte Erwartungen einiger Kölner Konzertbesucher, die auf ein Programm ausschließlich mit Barockmusik eingestellt waren, der wichtigste Auslöser für den Aufruhr war. „Einige Zuhörer haben sich in der Haltung von Konsumenten befunden“, so der Dramaturg. Tatsächlich sei das Publikum in einem Konzert aber in der Regel kein passiver Kunde. „Es setzt sich mit den Dingen, die es hört, auseinander.“ So entstehe eine Art stummer Dialog mit dem Künstler. „Jeder Musiker weiß, dass das Publikum auf das reagiert, was er tut.“

Hemmschwelle ist gefallen

Dass Esfahani mit dem Zwischenruf „Sprich Deutsch!“ sogar bei seinem englischsprachigen Versuch, die Musik zu erklären, unterbrochen wurde, hält Buchberger dagegen für einen Einzelfall. Auch Veranstalter Schäfsmeier hat das Geschehen vor Ort eher nicht als rassistisch empfunden: „Es war aber natürlich ein hohes Maß an Intoleranz und vielleicht an Feindlichkeit gegenüber Fremdem, wobei das eher das Stück war als der iranische Musiker“, sagte er. Erschreckend sei in jedem Fall gewesen, wie schnell und deutlich bei vielen im Saal eine Hemmschwelle gefallen sei.

Für Esfahani dürfte eine solche Erfahrung besonders erschreckend sein, schließlich sind Kulturveranstaltungen in seiner iranischen Heimat starken Restriktion ausgesetzt. So dürfen beispielsweise Frauen nicht in der Öffentlichkeit solo singen - und Verstöße werden regelmäßig mit Störungen und sogar Konzertabbrüchen geahndet. Doch abschrecken lässt er sich nicht. Im März nächsten Jahres werde er in der Philharmonie noch einmal jenes Reich-Stück spielen, das er dort nun habe abbrechen müssen, teilte er gestern mit.

Am Sonnabend, 5. März, und Sonntag, 6. März, spielt Mahan Esfahani bei der Musikwoche Hitzacker Werke von Bach, Kartentelefon: (0 58 62) 81 97.

Steve Reich in Hannover

Der 79-jährige amerikanische Komponist wird persönlich dabei sein, wenn die Kunstfestspiele Herrenhausen am 13. Mai um 20 Uhr im Jakoby-Saal der Musikhochschule mit seiner Videooper „Three Tales“ eröffnet werden. Die Videokünstlerin Beryl Korot hat dafür Schlüsselmomente der Technikgeschichte des 20. Jahrhunderts verarbeitet: den Absturz des Luftschiffes „Hindenburg“, die Atomversuche auf dem Bikini-Atoll und die Geburt des Klonschafes „Dolly“. Ergänzt wird die Aufführung von „WTC 9/11“, Reichs musikalischer Bearbeitung des Anschlags auf das World Trade Center. Kartentelefon: (05 11) 16 84 99 94

Bereits am 11. Mai ist Reich bei einem Werkstattkonzert mit dem Stück „Six Pianos“ (12 Uhr) und einem Symposium (14 Uhr) Gast in der Musikhochschule. Der Eintritt zu diesen Veranstaltungen ist frei.     

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