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Kultur Stirbt „Hannöversch“ aus?
Nachrichten Kultur Stirbt „Hannöversch“ aus?
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12:16 09.02.2012
Von Simon Benne
Hannover verliert seinen eigenen Dialekt. Quelle: Handout
Hannover

Sie halten beim „Niedersächsischen Wörterbuchtag“ am Donnerstag einen Vortrag über das „Hannöversche“. Was für eine Sprache ist das überhaupt?
Gute Frage. Es ist kein Dialekt wie das Platt, das man früher in Dörfern wie Anderten oder Laatzen sprach, sondern eine Sprache, die sich einst direkt in der Stadt entwickelte. Sie entstand vor 200 bis 300 Jahren, als die Hannoveraner sich – auf der Basis des Niederdeutschen – dem Hochdeutschen zuwandten. Bei diesem verhochdeutschten Platt blieben viele niederdeutsche Einflüsse erhalten.

Gibt es Ausdrücke, die typisch fürs Hannöversche sind?
„Krökelig“ bedeutet beispielsweise „schwächlich“, aber auch „spielerisch“. Daher ist „Krökeln“ in Hannover bis heute ein Ausdruck fürs Spielen beim Tischfußball. „Piese“ heißt „Bauer“, aber auch „unhöflicher Mensch“. Ein „Stadtjapper“ ist jemand, der sehr hervorkehrt, dass er zu den feinen Städtern zählt. Das Gegenteil davon ist ein „Gartenkosake“. Bei diesem Wort vermischen sich der „Kossate“, der Kleinbauer also, und der „Kosake“. In der napoleonischen Zeit müssen diese berittenen Soldaten großen Eindruck auf die Hannoveraner gemacht haben. Die Liste lässt sich fortsetzen: „Losstockeln“ heißt, sich langsam in Bewegung zu setzen. „Lustrieren“ heißt „Spaß haben“, und ein „Miaspenfänger“ ist schlichtweg ein Spinner.

Einige hoch- oder plattdeutsche Begriffe gibt es auch im Hannöverschen, doch sie haben eine andere Bedeutung ...
Ja, ein „Lohp“ kann anderswo ein Lauf, ein Hasenbein, ein Spundloch oder Durchfall sein. Im Hannöverschen ist es jedoch ein Treppenaufgang. Und während ein „Mollenars“ in anderen Gegenden ein unbeholfener Mensch ist, tituliert man so auf Hannöversch eine Person mit dickem Hintern.

Der hannoversche Gelehrte Theodor Lessing zitierte eine Schießbudenbesitzerin vom Jahrmarkt mit dem Ausruf: „Maane Herrn, wenn Se möchten gerne mäol schießen, dann schießen Sie baa mich!“ Was hat es mit dieser schönen Aussprache auf sich?
Lessing beschrieb um 1920 die lautlichen Eigenheiten des „raansten Deutsch“. Demnach spricht der Hannoveraner nur das kurze „a“ rein aus – etwa, wenn er „Gu’n Tach“ sagt. Das lange „a“ wird hingegen meist zum „äö“. Das „ei“ wird mit besonders weiter Mundöffnung artikuliert und verwandelt sich so in ein „aa“. Aus einem Satz wie „Bei der Leine liegt der Leinekanal“ wird dann „Ba’er Laane liecht ’er Laanekanäöl“. Man sagt den Hannoveranern auch nach, sie stolperten übern spitzen Stein. Doch das gilt nur, wenn das „s“ vor „p“ oder „t“ steht, wie bei „Frühstück“. Und es galt einst für ganz Nordwestdeutschland.

Heute ist das Hannöversche nur noch selten zu hören. Jetzt starb Jochen Krause vom Comedyduo Siggi und Raner, das diese Sprache als Kunstform pflegte. Wann hat sich die Sprache verflüchtigt?
Bis zum Ersten Weltkrieg war das Hannöversche in der Stadt sehr geläufig, bereits danach wurde es weniger. Als funktionierendes Kommunikationsmittel ist die Sprache heute praktisch untergegangen. Aber einige Einsprengsel haben sich gehalten – bis heute.

Heißt das etwa, dass wir in Hannover gar nicht das reinste Hochdeutsch sprechen?
Ganz unter uns: Das ist nur ein Sprachmythos, der sich seit mehr als 200 Jahren hält. Das hannoversche Hochdeutsch ist nicht sauberer als das in Bielefeld oder Kiel. Der Mythos hat damit zu tun, dass die Sprache der Residenzstadt und ihrer Beamten im Umland als besonders prestigeträchtig wahrgenommen wurde. Beim Obersächsischen war es gerade umgekehrt: Es gilt vielen Deutschen heute als ganz furchtbare Sprache. Dabei ist es den Normen des Hochdeutschen sehr nah. Goethe reiste noch nach Leipzig, um gutes Deutsch zu hören. Doch in der Geschichte standen die Sachsen politisch oft auf der Seite der Verlierer – und damit bekam auch die Sprache einen schlechten Ruf.

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