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"Hier sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld"

Streetart-Künstler Joy Lohmann "Hier sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld"

Der hannoversche Streetart-Künstler Joy Lohmann errichtet auf dem Gremminer See eine Insel aus Müll. Die Installation „Insula Communis“ ist damit in der Nähe der Festivalgelände von "Splash!" und "Melt!" zu sehen. Ähnliche Inseln hat Lohmann bereits in Thailand und Berlin zu Wasser gelassen.

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Joy Lohmann baut Inseln aus Müll.

Quelle: Jan Woitas/dpa

Hallo, Herr Lohmann, Sie bauen gerade eine Insel, die auf dem Gremminer See in der Nähe der Festivals „splash!“ und „Melt!“ schwimmt. Warum tun Sie das?
Weil die Nachfrage nach schwimmenden Inseln mit dem Meerwasserspiegel steigt. Die Insel ist eine soziale Skulptur und Teil des langfristigen Projekts Open Island, das auf die Folgen des Klimawandels und auf die Situation von Flüchtlingen hinweisen soll.

Ihre Insel ist eine Insel aus Müll?
Ja, genau. Das „splash!“-Festival in Ferropolis ist gerade zu Ende gegangen. Jetzt sind wir auf dem Gelände unterwegs und sammeln den Müll, um daraus etwas Neues zu gestalten. Es sieht hier wirklich so aus wie auf einem Schlachtfeld. Ganz schlimm. Überall liegen zurückgelassene Zelte.

Warum lassen die Festivalbesucher ihre Zelte einfach stehen?
Zelte sind heute viel billiger als früher. Wenn ein Zelt nur 25 Euro kostet, dann kümmern sich viele Leute nicht darum, es zu reinigen oder zu reparieren. Für Upcycling-Künstler ist das natürlich ein Paradies. Den Abfall transformieren wir dann in unsere schwimmende Installation, die beim „Melt!“-Festival zu sehen sein wird, das am Freitag beginnt. Diese Transformationsarbeit mache ich ja schon seit 1997. Zur Expo in Hannover hatte ich ja auch schon aus Wohlstandsmüll ein Floß für den Maschsee gebaut. Ich habe die Technik weiterentwickelt, nun ist es ein funktionierendes Bausystem, das wir immer wieder einsetzen können.

Zelte können doch nicht schwimmen. Wie soll daraus ein Floß werden?
Wir haben lange Zeit mit Plastikflaschen gearbeitet. Jetzt dienen uns leere Kanister aus der Druckindustrie als Schwimmkörper. Die befestigen wir an alten Transportpaletten. So entstehen die schwimmenden Plattformen, für die wir dann unterschiedliche Aufbauten gestalten. Wir arbeiten modular. Es gibt eine Energieinsel mit Solartechnik, eine Garteninsel und weitere Themeninseln.

Warum Inseln? Sie könnten doch auch einen Turm bauen, um auf Umweltverschmutzung hinzuweisen.
Wir haben auch schon einen Turm gebaut. Aber der steht auf einer schwimmenden Insel des Open-Island-Projekts. Inseln sind ein Thema, mit dem ich mich schon lange beschäftige. Ich bin Künstler, aber ich bin auch im Umweltschutz engagiert. Ich sehe den Klimawandel als größte Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Mit den schwimmenden Inseln habe ich zwar keine Lösung des Problems gefunden, aber ich kann das Thema zumindest sinnlich erfahrbar machen.

Dadurch, dass Sie Inseln bauen, ist der Müll ja nicht verschwunden. Die Inseln sind der Müll.
Man kann natürlich fragen: Ist das Müll oder ist das Kunst? Es sind temporäre Kunstwerke, aber die Wirkung ist nicht temporär, die ist langfristig und nachhaltig.

Können Sie sich vorstellen, noch mal eine Insel in Hannover auf dem Maschsee schwimmen zu lassen?
Ich habe das schon mehrmals versucht, aber es ist zu schwierig mit der Genehmigung. Jetzt warte ich, ob ich angefragt werde. Und ohne Sponsor würde ich das auch nicht machen.

Wie ist das überhaupt mit der Finanzierung? Sie können Ihre Kunst ja nicht am Ende verkaufen.
Die Aktion am Gremminer See wird zum großen Teil durch das ehrenamtliche Engagement der Beteiligten finanziert. Unser Projekt hier hat ein Budget von 20 000 Euro. Die eine Hälfte bringen wir selbst mit ein, die andere kommt von der Kunststiftung Sachsen-Anhalt.

Und wie sieht das bei zukünftigen Inselprojekten aus?
Es gibt Überlegungen, dass der Inselbau fester Bestandteil von Festivals werden könnte.

Als Besucherbespaßung?
Das ist eigentlich nicht unsere Mission. Wir wollen mit unseren Entwicklungen auch Lösungen finden, wie sich Menschen in Gegenden, die vom Klimawandel besonders bedroht sind, selber helfen können.

Ist Ihnen auch schon mal eine Insel untergegangen?
Eine Insel wurde mir abgefackelt. Das Floß, das ich zur Weltausstellung gebaut hatte, sollte 2002 von Hannover nach Berlin fahren. Fünf Tage vor dem Start hat es jemand auf dem Mittellandkanal niedergebrannt. Das war eine kritische Situation, weil die Vermutung aufkam, dass ich es selber angezündet hätte. Aber das ist natürlich Unsinn. Das Objekt war nicht versichert. Ich hätte keinerlei Vorteile davon, das Floß zu versenken. Aber jede Krise birgt auch eine Chance. Wir haben viel Solidarität erfahren und wir konnten die Aktion mit einer neuen Schwimmkonstruktion durchführen.

Darf eigentlich jeder Ihre Insel betreten?
Im Grunde ja. Aber es gibt Zugangsbeschränkungen. Wir arbeiten mit Geflüchteten aus Erstaufnahmeeinrichtungen der Gegend zusammen. Die machen für uns die Security und passen auf, dass nicht zu viele Leute auf die Insel kommen. Es ist schön, die Verhältnisse einfach mal umzudrehen. Mit dem Thema Flucht würde ich gern weiterarbeiten. Flucht ist eine Konsequenz des Klimawandels. Wenn immer mehr Gegenden unwirtlich werden, wird es mehr Flüchtende geben. Das, was wir bisher erlebt haben, ist nur die Spitze des Eisbergs.

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