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Streit um Elbphilarmonie entzweit Hamburg

Wegen Verzögerung Streit um Elbphilarmonie entzweit Hamburg

Noch teurer, noch später fertig als geplant – und noch eine Klage: Die Hamburger Elbphilharmonie wird frühestens 2014 eröffnet. Der Streit um das Konzerthaus entzweit die sonst so kühlen Hanseaten.

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Der Kulturkampf ist eine Sackgasse

Der Streit um die Elbphilarmonie und die Hafencity geht weiter.

Quelle: dpa (Archivbild)

Hamburg. An der Hamburger U-Bahn-Station Baumwall ist man der Zeit etwas voraus. Ein Schild an der Haltestelle, gelegen zwischen Elbe und Michel, weist die Richtung zur Elbphilharmonie. Fast so, als wäre das spektakuläre Konzertgebäude tatsächlich schon fertig. Dem ist nicht so, doch auch an diesem ungemütlichen Sommertag folgen Hunderte von Touristen dem Hinweisschild. Nur eine Straße muss man überqueren, um in die Hafen­city, Europas größtes innerstädtisches Baugebiet, zu gelangen. Und dann, nach ein paar Hundert Metern, steht man vor dem ehemaligen Kaispeicher A, auf dem nach Entwürfen der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron das ehrgeizigste Bauprojekt der Hafencity entsteht, die Elbphilharmonie. Fast jeder Tourist macht ein paar Erinnerungsfotos von dem Bau.

Dass Teile des Gebäudes unter einer Schutzplane verdeckt sind, scheint niemanden zu stören. Schon jetzt ist die Elbphilharmonie eine Touristenattraktion – doch in Hamburg sorgt das Projekt wieder für erheblichen Ärger: Erneut wurde der Termin, zu dem der Bau fertig sein soll, verschoben. Das Ende der Bauarbeiten, ursprünglich einmal für dieses Jahr in Aussicht gestellt, ist jetzt für April 2014 angekündigt. Frühestens.

Zudem sind die Kosten für die Elbphilharmonie explodiert. Von einem Festpreis von 241 Millionen Euro war 2007 in einer Machbarkeitsstudie die Rede. 114,3 Millionen Euro sollte die Stadt tragen. Nahezu im Jahresrhythmus gibt man seitdem Kostensteigerungen bekannt. Derzeit rechnet man mit Gesamtkosten von 500 Millionen Euro. Der städtische Anteil, so Kulturbehördensprecher Stefan Nowicki, liegt bei 323 Millionen Euro. Die Stiftung Elbphilharmonie hat bislang 68,7 Millionen Euro an Spenden eingeworben. Der Rest soll über privat gebaute Wohnungen und deren Verkauf zusammenkommen

Aus heutiger Sicht erscheint der ursprünglich genannte Fertigstellungstermin mehr als ehrgeizig. Außerdem deutete sich schon früh an, dass es auf der Baustelle zu den vielfältigsten Verzögerungen durch schlechtes Wetter, verspätete Lieferungen und unerwartete Probleme kommen würde. Wie die immense Kostensteigerung konkret zu erklären ist und wer dafür die Verantwortung trägt, versucht ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss zu klären. Es ist schon der zweite.
Bereits zum zweiten Mal hat jetzt auch die Stadt als Bauherrin Klage beim Landgericht Hamburg gegen die Vermietungsgesellschaft Adamanta eingereicht. An der Gesellschaft ist das für die Elbphilharmonie zuständige Bauunternehmen Hochtief beteiligt. Hamburgs neue Kultursenatorin Barbara Kisseler, die mehrere Jahre Abteilungsleiterin für Kultur im niedersächsischen Wissenschaftsministerium war, erklärt: „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem einige Streitfragen nicht mehr zwischen den beteiligten Parteien, sondern nur noch durch Dritte geklärt werden können. Die Frage, wer die entstandene Bauverzögerung zu verantworten hat, ist dabei zentral.“

Laut Adamanta/Hochtief liegt die Verantwortung bei der Stadt. Eine Sprecherin sagte vor einigen Tagen: „Wir bauen so schnell wie möglich.“

Für Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant der Elbphilharmonie, ist das jedoch nicht schnell genug. Er plant gerade die Konzertsaison 2014 – und auch dann werden die Auftritte wohl nicht in dem Neubau stattfinden, sondern in der 1908 eröffneten Laeiszhalle in der Innenstadt. Lieben-Seutter ist auch für die Laeiszhalle zuständig; zu seinem eigentlichen Job, die Elbphilharmonie zu bespielen, ist er bislang noch gar nicht gekommen. Und die Zeit dafür wird knapp: Sein Vertrag läuft 2015 aus.

Dabei kann man sich in der Hafencity schon seit einiger Zeit in einem extra gebauten Pavillon über die Elbphilharmonie informieren. Als „Hamburgs neues kulturelles Wahrzeichen“ preist man das Konzertgebäude und schwärmt von einer „Architektur des Wohlklangs“ auf dem alten Speicher, auf dem auch ein Fünf-Sterne-Hotel sowie Wohnungen entstehen sollen.

Vielen Hamburgern hingegen gilt die Elbphilharmonie vor allem als Millionengrab und Symbol einer Politik, die sich vorwiegend um prestigeträchtige „Leuchttürme“ kümmert. In der Hansestadt fehlt es an bezahlbarem Wohnraum, die Mieten gehören zu den höchsten in Deutschland. Der neue Senat unter dem Ersten Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) hat angekündigt, pro Jahr 6000 neue Wohnungen zu bauen, doch die Umsetzung läuft schleppend an.

Seit Jahren erbittert die Hamburger Baupolitik viele Menschen und hat Initiativen wie „Recht auf Stadt“ auf den Plan gerufen. Im vorvergangenen Jahr machte die Initiative, in der sich auch der erfolgreiche Maler Daniel Richter engagiert hat, gegen den Verkauf des historischen Gängeviertels mobil. Derzeit gibt es Kritik vor allem an dem Plan, das Gelände eines ehemaligen Rangierbahnhofs zum Wohngebiet „Neue Mitte Altona“ umzugestalten. Gebaut würden, so die Kritiker, vornehmlich schicke, teure Wohnungen. Und Stadtteile, die durch neue Mieter aufgewertet werden, wo die alten Bewohner aber vielfach durch eklatante Preissteigerungen verdrängt werden, gibt es in Hamburg reichlich: Was in St. Georg und Eimsbüttel begonnen hat, hat mittlerweile St. Pauli, das Schanzenviertel und Ottensen erreicht. Selbst die Internationale Bauausstellung (IBA) Wilhelmsburg, mit der der ehemalige Hinterhof der Stadt seit Jahren aufpoliert werden soll, findet aus Sorge vor der sogenannten Gentrifizierung nicht nur Freunde.

Die Befürworter der Leuchtturmpolitik verweisen hingegen gern auf den Sydney-Effekt: Auch in Australien hat der Bau der 1973 eröffneten Oper wegen der Kosten und Bauzeitverzögerungen für immensen Ärger gesorgt. Heute ist das Gebäude weltberühmt, und die alten Streitigkeiten sind fast vergessen. In Hamburg kündigt man derweil für den 17. und 18. September Elbphilharmonie-Konzerte an. Die Künstler treten auf dem Bauplatz vor dem Kaispeicher A auf. Wahrscheinlich bleibt es nicht das letzte Open-Air-Konzert vor der Elbphilharmonie: Kaum vorstellbar, dass die 2014 fertig ist.

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