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"In jedem von uns steckt ein Mörder und Vergewaltiger"

Stück über NSU-Prozess "In jedem von uns steckt ein Mörder und Vergewaltiger"

Mehmet Daimagüler ist Nebenkläger im NSU-Prozess und schreibt fürs Theater. Zuletzt hat er ein Stück über den Prozess verfasst: Am Freitag, 21. Oktober, kommt „Alles wird gut – Traum und Albtraum eines unverbesserlichen Deutschen“ am Schlosstheater Celle zur Uraufführung.

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Mehmet Daimagüler: „In jedem von uns steckt ein Mörder und Vergewaltiger“

Quelle: dpa

Celle. Herr Daimagüler, Sie haben ein Stück über den NSU-Prozess geschrieben, das am Freitag in Celle uraufgeführt wird. Nun hat der ja in den vergangenen Tagen wieder eine überraschende Wende genommen. Ärgern Sie sich darüber, dass die jetzt nicht mehr Gegenstand Ihres Stückes ist?

Der NSU, wie wir ihn bisher gekannt haben, gibt schon so viel Stoff her, dass man sich da nicht weiter ärgern muss. Der ganze Komplex ist wie eine schwelende Wunde, aus der immer wieder Eiterblasen hervorbrechen. Mir wäre es lieber, wir hätten es hier mit einer heilenden Wunde zu tun, aber das haben wir leider nicht. 

Zur Person

Mehmet Gürcan Daimagüler ist Anwalt und Autor. Seit 2012 ist er als Vertreter der Nebenklage am NSU-Prozess beteiligt. Am Freitag, 21. Oktober, kommt am Schlosstheater Celle (in der Halle 19) sein Stück „Alles wird gut – Traum und Albtraum eines unverbesserlichen Deutschen“ zur Uraufführung. In Celle wurde bereits sein Buch „Kein schönes Land in dieser Zeit“ aufgeführt.

Haben Sie das Stück zu schnell geschrieben?

Nein, denn die Themen, die das Stück behandelt, sind jenseits vom NSU. Es geht um Liebe und Hass, um Dazugehörigkeit. Das, was mich in dem Stück beschäftigt, war schon vor dem NSU-Prozess ein Thema, und es wird auch in einigen Jahren noch Thema sein.

In dem Stück geht es auch um Sie. Eine Figur, die als MD bezeichnet wird, tritt auf. Stehen Sie da selbst auf der Bühne?

So ein Stück lebt von der Authentizität. Es lebt davon, dass diejenigen, die an so einem Stück beteiligt sind, bereit sind, sich nackt zu machen. Man darf nicht nur Beobachter der anderen sein, sondern muss auch über sich selber sprechen. Aber ich stehe nicht selbst auf der Bühne. Es gibt Filmsequenzen, vieles spielt ein Schauspieler.

Ist es nicht ein bisschen eitel, sich selbst in einem Stück zum Thema zu machen?

Es wäre eitel, wenn diese Figur wahnsinnig erfolgreich wäre, aber es ist eine Figur, die sich sehr angreifbar macht.

In dem Stück sollen Sie einen Brandanschlag auf einen rechtsradikalen Musiker verübt haben. Das wird untersucht. Man könnte auch sagen: Hier tritt ein Held auf.

Ich glaube nicht an Helden. Genausowenig, wie ich an Antihelden glaube. Ich glaube nur an Menschen, die irgendetwas machen. Ich sitze viel im Gerichtssaal, immer nur einen halben Meter von Leuten entfernt, die als Mörder oder Vergewaltiger angeklagt sind. Manchmal sehe ich, wie Kollegen oder Richter diese Menschen anschauen: als wären das Aliens, die von weit her zu uns kommen. Das sind sie aber nicht. Meist genügen einige wenige anders eingestellte Stellschrauben, und die Richter und Anwälte selbst würden auf der anderen Seite sitzen. In jedem von uns steckt ein Mörder und Vergewaltiger.

Sie sind im Gerichtssaal präsent, Sie werden oft interviewt und treten oft in Talkshows auf. Warum zieht es Sie auf die Theaterbühne? Reichen Ihnen die anderen Bühnen nicht?

Wir brauchen das Fiktive. Im Gerichtssaal bin ich gezwungen, eine Rolle zu spielen. In der Talkshow bin ich gezwungen, eine Rolle zu spielen. Paradoxerweise bin ich auf der Theaterbühne nicht gezwungen, eine Rolle zu spielen. Hier kann ich ich sein. Theater ist ein Weg für mich, sich selber zu verstehen.

Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Schlosstheater Celle zustande gekommen?

Ich habe vor einigen Jahren das Buch „Kein schönes Land in dieser Zeit“ geschrieben. Bei einer Lesung am Jungen Theater Göttingen kam der Kontakt zu Intendant Andreas Döring zustande. Der ist ans Schlosstheater Celle gewechselt und hat dort eine Theaterversion des Buches auf die Bühne gebracht. Das ist jetzt die Fortsetzung unserer Arbeit.

Ihr Stück wird nicht im Schlosstheater uraufgeführt, sondern in der Spielstätte „Halle 19“. Sind Sie enttäuscht?

Nein, gar nicht. Von der Atmosphäre passt der Spielort sogar besser.

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