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Kultur Süßstoff von den Scorpions
Nachrichten Kultur Süßstoff von den Scorpions
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06:00 24.11.2017
Die Scorpions. Quelle: Ian Laidlaw
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Hannover

Kaffee? Ja. Aber keine Milch und keinen Zucker. „Bloß nicht!“, ruft Rudolf Schenker beim Interview in den hannoverschen Peppermint Park Studios. Man weiß vom Gitarristen der Scorpions, dass er Yoga und Meditation genauso liebt wie Flying-V-Gitarren, dass er versucht, bewusst zu leben und den Moment zu genießen, seine Mitte zu finden, bei sich selbst zu bleiben. Auf Zucker, auf ungesunde Süße, verzichtet er – nur beim Komponieren sanfter Songs nicht. Dann dürfen es ruhig zwei Löffel mehr sein.

Die Hardrock-Band bringt nun, zum Weihnachtsgeschäft, eine Best-of ihrer Balladen heraus: „Born to touch your Feelings“. Die Plattenfirma wollte das gern. „So eine gute Idee verhindert man nicht“, sagt Schenker, zumal die Scorpions einst für eine ähnliche Zusammenstellung mit Platin ausgezeichnet worden sind. „Zwanzig Mal Platin in Thailand“, erinnert er sich. Das damalige Album hieß „Still loving you“, wie der gleichnamige Song. Angeblich gab es 1984, als die Single erschien, sogar einen Babyboom in Frankreich, weil es sich zu diesem Titel so gut knutschen ließ. Schenker lacht. „Nachweisbar“, sagt der 69-Jährige, sei die Zahl der Geburten wegen des Songs um 0,4 Prozent gestiegen.

Scorpions Sänger Klaus Meine präsentiert das neue Album. Quelle: imago/localpic

Die Scorpions sind gerade von einer Tournee durch ihr geliebtes Russland zurückgekehrt, wo sie einst Glasnost und Perestroika zu „Wind of Change“ inspiriert hatten. Das Lied ist, na klar, auch auf dem Sampler.

Schenker ist mit Schlagern aufgewachsen, damals im niedersächsischen Sarstedt, wo er die Scorpions 1965 – beseelt von Elvis und den anderen Rock’n’Rollern – gründete. Diesem „Deutschsein“ wollte der gelernte Starkstromelektriker mit seiner Band entfliehen. Ist es nicht Ironie des Schicksals, dass sie ausgerechnet mit einem Schlager ihren größten Hit landete? „Ob nun Schlager oder nicht“, antwortet Schenker. Der Wunsch nach Wandel und die Hoffnung auf Freiheit und Demokratie seien sensible Themen. „Die Message konnte gar nicht anders transportiert werden.“ Dass jeder den Refrain mitsinge, „dafür muss man sich nicht schämen“.

Hat er sich eigentlich mit seinem kleinen, vier Jahre jüngeren Bruder ausgesprochen? Michael Schenker, von 1969 bis 1973 sowie 1978/79 Scorpions-Gitarrist, hatte die Band im vorigen Jahr in einem Radiointerview hart attackiert. Die Scorpions seien „dumm, gefühllos, alt und kahl“ geworden. Sie melkten nur noch ihre Vergangenheit, giftete er. Rudolf Schenker lächelt die Frage weg. „Ich liebe meinen Bruder, trotz des Theaters“, sagt er. Auf einen öffentlichen Streit will er sich nicht einlassen.

In der Tat haben die Scorpions zuletzt acht Alben aus den Jahren 1977 bis 1988 mit zusätzlichen Stücken und Videos neu aufgelegt. Ein paar Monate zuvor, im Februar 2015, erschien aber auch ein neues Studioalbum, „Return to Forever“. Ein Nachfolger ist zurzeit nicht geplant. „Es muss Attitude da sein, denn Attitude ist das Gasoline von Rock’n’Roll. Wenn das nicht da ist, dann ist ein Album nur ein normales Produkt“, sagt der Gitarrist in typischem Schenker-Sprech. Was er meint: Ohne einen besonderen schöpferischen Einfall wollen die Scorpions kein Tonstudio buchen.

Scorpions dsg Quelle: HandoutHandout

Drei neue Balladen haben Sänger Klaus Meine, Gitarrist Matthias Jabs und Schenker für ihr neues Produkt geschrieben. „Always be with you“, Schenkers Beitrag, ist ein Liebeslied für seinen Sohn Richard, der zwei Jahre und acht Monate alt ist. Seine Lebensgefährtin Tatyana Sazonova und er nennen den Jungen „Little Richard“, damit niemand auf die Idee kommt, den Namen deutsch auszusprechen. Der 69-jährige will mit dem Stück seine tiefe Verbundenheit mit seinem Kind ausdrücken. Seinen ersten Sohn Marcel, der heute 47 ist, habe er leider zugunsten seiner ehrgeizigen Band vernachlässigt, offenbart er. Denn als Anfang Zwanzigjähriger habe er gleich zwei Babys gehabt: Marcel und die Scorpions. „Alles, was ich damals verpasst habe, kann ich jetzt erleben.“

Schenker hat nie aufgehört, seine „Rock you like a Hurricane“-Haltung zur Schau zu stellen, als könnte man das Altern hinauszögern, indem man auf ewig wie ein Halbstarker posiert. Hält ihn auch das Späte-Vater-Sein jung? Hat er Angst vor der Gebrechlichkeit oder dem Rollator? „We are not going somewhere in a Altersheim“, erklärte er mal der Auslandspresse. Wer es sich bequem mache, sagt er, bringe sich automatisch dorthin. Seine Strategie kann man in seiner Biografie „Rock your Life“ nachlesen. Sein Leben zu rocken bedeutet für ihn, beweglich zu bleiben, auch im Alter, im Jetzt zu leben, immer das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen, einen Schritt nach dem anderen zu gehen, nicht aufzugeben – trotz aller Enttäuschungen, die man erlebt, trotz aller Schicksalsschläge.

Der nächste Schritt der Scorpions? Vielleicht spielen sie ja bei der Fußball-WM im kommenden Jahr in Russland. Geplant sei nichts, sagt Schenker. Eine besondere Aktion wäre so ein Konzert allemal für die weit gereisten Hannoveraner – und logisch noch dazu für die „Wind of-Change“-Band.

Von Mathias Begalke / RND

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