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„Gebrauchsspuren machen wertvoller“

Susanne Mayer im Interview „Gebrauchsspuren machen wertvoller“

Im Interview spricht die Kulturreporterin und Literaturkritikerin Susanne Mayer über das stilvolle Altern, das Nachgeben der Kinnlinie und den Übermut.

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Kulturreporterin und Literaturkritikerin Susanne Mayer.

Quelle: Huck

Frau Mayer, wann haben Sie sich das erste Mal alt gefühlt?
Das erste Mal? Es gibt so viele erste Male. Man schaut irgendwann morgens nach einer wunderbar durchschlafenen Nacht in den Spiegel – und sieht müde aus. Müder als am Abend! Oder so: Familien-Camping auf Amrum! Man steht mit den Kindern abends im Waschraum zum Zähnebürsten, und neben einem steht eine junge Frau, die auch ein Bürstchen zur Hand nimmt – und ihre Wimpern tuscht. Weil sie auf dem Weg in die Disco ist. Dieses kleine Bedauern. Das war vor über zwei Jahrzehnten.

War das der Eintritt in die Vintage-Zone?
Die Vintage-Zone verdichtet sich um einen langsam – man spürt, dass sich um einen herum etwas verändert hat. Es ist die Zeit, in der man auch mal innehält, statt immer weiter zu eilen. Da ist so ein Nachgeben – der Kinnlinie, der Zielgerichtetheit. Nicht, dass man schwach wäre – aber doch, es gibt Gebrauchsspuren, und sie machen das Leben nicht schäbiger, sondern noch wertvoller.

Die hübschen Vintage-Cocktailsessel, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, sind ja in erster Linie hinreißend ...
Ja, kleine Sehnsuchtsobjekte. Sie haben den Stil der Fünfzigerjahre, wie ich, aber die Blumen, wundervoll auf den Stoff gemalt, blühen frisch wie eh und je.

Zur Person

Susanne Mayer, geboren 1952, ist Kulturreporterin und Literaturkritikerin bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ in Hamburg. Sie wurde mit dem Theodor-Wolff-Preis sowie zweimal mit dem „Emma“-Journalistinnen-Preis ausgezeichnet. 2005 erschien ihr Buch „Deutschland armes Kinderland“ und in diesem Frühjahr der Band „Die Kunst, stilvoll älter zu werden: Erfahrungen aus der Vintage-Zone“ (Berlin-Verlag, 224 Seiten, 15,99 Euro). Am Dienstag, 3. Mai, um 19.30 Uhr stellt Susanne Mayer ihr Buch im hannoverschen Literaturhaus, Sophienstraße 2, vor. HAZ-Redakteurin Jutta Rinas moderiert den Abend.

Warum sollte man überhaupt stilvoll älter werden? Ist das angesichts drohender Altersarmut, gerade von Frauen, nicht nebensächlich?
Mit Stil ist doch nicht kostspielige Mode gemeint! Das Buch ist ja auch kein Stilratgeber. Es erzählt eher von einer Haltung. Sie zeigte sich bei Bäuerinnen des Dorfes, in dem ich aufwuchs, genauso wie bei den hochbetagten, oft armen Ladys, die in New York rumlaufen. Man kann diese Haltung nicht kaufen, sie muss innerlich entstehen, gegen die Zumutungen des Alters. Es ist also eher ein Projekt, ein Vorsatz, eine Bemühung. Der Buchtitel „Die Kunst, stilvoll älter zu werden“ ist ja auch ein wenig ironisch gemeint. Angesichts der „Erfahrungen in der Vintage-Zone“ ist es nicht immer leicht, das stilvoll zu nehmen.

Kennen Sie denn auch Männer, die sich ums stilvolle Altern bemühen?
Aber natürlich. Den im Buch porträtierten Karl, der sehr cool sein Leben gestaltet, nach ästhetischen Überlegungen, die an Oscar Wilde erinnern. Von dem ja zu lernen ist, das Oberfläche nie oberflächlich ist, sondern viel von dem verrät, was tiefer in uns liegt.

Heute wird das Alter, auch wenn die Alten demografisch immer mächtiger werden, oft als peinlich empfunden. Warum?
Das Alter bedeutet immer auch schwindende Stärke, zunehmenden Schmerz, irgendwann den Tod. Nicht jeder wird im Alter schöner. In jedem einzelnen Punkt steht das Alter dem entgegen, was so geschätzt wird – nicht zuletzt dieser großen Verblendung, dass alles unendlich wäre – die Ressourcen dieser Welt, wir.

Peinlichkeit hin oder her: Man will sich ja nicht ständig selbst optimieren, zumal das auch teuer werden kann: die vielen Cremes, Massagen, Wellness-Wochenenden. Geht es eher um Gelassenheit?
Die meisten Menschen, egal welchen Alters, befinden sich im Griff der Optimierung. Sie ist das gesellschaftliche Ziel, seit Mr. Ford das Fließband erfunden hat und die Idee, dass alles immer schneller, besser werden kann. Es kann aber nicht immer alles weitergehen und besser werden. Mein Buch hat als Motto einen Satz von David Bowie: „Wenn es gut geht, sind wir für ein paar Jahrzehnte dabei.“ Diese Zeit, mit dem Ende vor Augen, zu gestalten, das ist wohl die Aufgabe.

Und was ist mit dem Übermut, den einige Ihrer Gesprächspartnerinnen im Buch wunderbar leben?
Der Übermut, der kleine Unernst, dieses Trotzdem – all das macht das Leben so viel leichter, gerade wenn es etwas mühsamer wird.

Und wenn’s einem schlecht geht als älterer Mensch: Was hilft gegen „Aging-Blues“?
Oh, die kleinen Anregungen am Ende des Buches sind natürlich auch nicht ganz ernst gemeint. Jeder fühlt, was er oder sie braucht. Ich höre gerne Musik, manchmal Amy Winehouse, gerade weil es so traurig ist, oder Chopins Nocturnes, die mein Vater so gerne spielte, oder Laurie Anderson, in deren Stimme man sich so geborgen fühlen kann. Man lässt sich von den Kindern erzählen, was sie so in ihrem Leben machen. Plaudert mit den Freunden ...

Interview: Martina Sulner

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