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Sven Regener liest aus „Wiener Straße“

Auftritt im Pavillon Sven Regener liest aus „Wiener Straße“

Neues aus dem Kreuzberg der Achtziger: Sven Regener liest im ausverkauften Pavillon Hannover aus seinem Roman „Wiener Straße“ und erklärt nebenbei ein paar Grundsätze zum Umgang mit der Kunst.

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Sven Regener liest im Pavillon aus "Wiener Straße". 

Quelle: Samantha Franson

Hannover.  Längst muss man sagen, dass Sven Regener, der Autor von „Herr Lehmann“ und all den anderen Büchern aus dem Kreuzberger Kneipenuniversum der Achtzigerjahre und ihren Vorgeschichten aus Bremer Vorstädten, auch der Sänger von Element of Crime ist. Der Ruf des Schriftstellers übertönt den des Musikers inzwischen bei Weitem. Tatsächlich hat Regener in den vergangenen Jahren sehr viele gute Sätze geschrieben. Auch sein jüngster Roman „Wiener Straße“, den Regener jetzt im ausverkauften hannoverschen Pavillon vorgestellt hat, unterhält bestens mit seinem leicht torkelnden, und doch zielstrebig einen der vielen pointierten Höhepunkte ansteuernden Tonfall. 

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So macht Sven Regener den Pavillon zur „Wiener Straße“.

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Der Autor liest daraus mit charmant-unbeholfen ausholenden Gesten, mit lustvoll zelebrierten Bremer Zungenschlag und in einem hohen Tempo vor: schnell, aber nie zu schnell, weil sich die Ereignisse, die hier eigentlich kaum je welche sind, doch immer irgendwie überschlagen und einfach so über die Figuren hereinzubrechen scheinen. Am besten aber ist Regener, wenn er für einen Moment den Blick aus dem Buch hebt und ein paar kurze Sätze improvisiert wie ein Trompetensolo in einem Lied von Element of Crime.

So erklärt er zum Beispiel, warum er nicht erklärt, was zwischen den einzelnen Abschnitten des Romans passiert, die er in Hannover vorliest. Erstens aus Faulheit. Zweitens hätte er sich die ganze Arbeit mit dem Schreiben ja wohl sparen können, wenn er eine Passage von 20 Seiten auch in zwei Sätzen würde zusammenfassen können. Und außerdem, sagt Regener, werde Verständnis überschätzt: „Kunst ist keine Volkshochschule. Man muss nicht alles begreifen.“

Um rätselhafte Kunst geht es auch in dem Roman, der vor allem im „Cafe Einfall“ des schwäbischen Kneipiers Erwin Kächele spielt. Herr Lehmann wischt in dem Laden, der an der titelgebenden Straße liegt, einstweilen nur den Fußboden. Die große Bühne gehört hier Künstlern mit klangvollen Namen wie P. Immel und H. R. Ledigt, die einen verbrannten Kuchen von Erwins Nichte Chrissie kurzerhand zum Kunstwerk und die Kuchenvitrine des „Einfalls“ zur „Neuen neuen Nationalgalerie“ erklären. Ansonsten geht es um die Frage, ob in der Kneipe künftig auch Kaffee ausgeschenkt werden sollte und ob man dann kleine Löcher in die Kaffeelöffel bohren muss, damit die Junkies, vor denen der nette neue Kontaktbereichsbeamte schon mal warnt, sie nicht zum Drogenmischen verwenden können. 

Noch aber sind die Junkies nicht da. Regeners Kreuzberg ist eine hübsch verrückte heile Welt, deren Bewohner sich wie in einem gallischen Dorf wegen absurder Kunst oder der Wahl der richtigen Getränke die Köpfe heiß reden und gelegentlich auch einschlagen können. Gut möglich, dass diese Wiener Straße das Paradies ist: Wenn man davon erzählt bekommt, wird man jedenfalls glücklich.

Sven Regener: „Wiener Straße“. Galiani. 297 Seiten, 20 Euro.

Von Stefan Arndt

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