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So war das Konzert von Bob Dylan in Hannover

Swiss Life Hall So war das Konzert von Bob Dylan in Hannover

Am Mittwoch spielte Bob Dylan seine zehnte Show in Hannover seit 1987. Vor sechs Jahren verließen Hunderte sein Konzert, weil er ganze Textteile verschluckte, ohne zu kauen. 2013 war die Swiss Live Hall halb leer. Diesmal ist sie mit 2700 Fans Dreiviertel gefüllt.

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Das Archivfoto zeigt Dylan vor fünf Jahren bei einem Konzert im spanischen Benicassim. In Hannover ist das Fotografieren leider untersagt.

Quelle: Domenech Castello/EFE/EPA FILE/dpa

Hannover. Bob Dylan startet mit „Things have Changed“. Ein Lied über das Altern. Er beschreibt einen bekümmerten, vereinsamten Menschen, der fürchtet, den Kontakt zur Welt zu verlieren wie ein Astronaut ohne Space Shuttle. Der Oscar, den er für diesen Song aus dem Film „The Wonder Boys“ bekam, glitzert auf einem Podest hinter seinem Piano. Ob er auch die Medaille für den Literaturnobelpreis dabei hat, ist nicht zu erkennen. 

Es ist Dylans zehnte Show in Hannover seit 1987. Vor sechs Jahren, als er zusammen mit Mark Knopfler tourte, verließen Hunderte sein Konzert, weil er ganze Textteile verschluckte, ohne zu kauen. 2013 war die Swiss Live Hall halb leer.

Diesmal ist sie mit 2700 Fans Dreiviertel gefüllt. Ganz bestimmt sind auch Dylan-Neugierige da, die ihn bisher für einen Kauz mit kaputter Stimme gehalten haben. Nun aber kann man nichts falsch machen, schließlich hat das Nobel-Komitee amtlich beglaubigt, dass der 75-Jährige ein erlebenswerter Künstler ist.

Dylan singt jetzt Oldies, altmodische Schnulzen, die einst auch sein Idol Frank Sinatra aufgenommen hat. „Autumn Leaves“ von 1945 zum Beispiel, das französische Original interpretierte Yves Montand. Und „Stormy Weather“, geschrieben von dem amerikanischen Schlager-Komponisten Harold Arlen im Jahr 1933. Es sind Lieder aus Dylans Kindheit und Jugend. 52 dieser romantischen Standards aus der Vorzeit des Rock and Roll, eine regelrechte Überdosis, hat er zuletzt auf drei Alben verteilt veröffentlicht. Dass er kein Protestsänger ist, müsste nun wirklich jedem klar sein.

Die Melodie der Bürgerrechtshymne „Blowin’ in the Wind“, die ihn zur Sixties-Ikone werden ließ, verbiegt er. Man kann den Song nur am Text erkennen. Die Sinatra-Stücke lässt er dagegen heile. „Don't know why / there's no Sun up in the Sky.” In seiner Stimme liegen Bewunderung und Dankbarkeit für diese Lieder, die ihn offenbar geprägt haben wie liebe Eltern. Wenn er sie vorträgt, hält Dylan den Mikrofonständer wie der junge Elvis. Er wollte mal so berühmt sein wie dieser, dann aber doch nicht. Vergötterung nervt.

Vom aktuellen Weltgeschehen scheint sich Bob, der Astronaut, abgekoppelt zu haben. Während die populistischen Vereinfacher in den westlichen Demokratien immer lauter werden, konzentriert er sich darauf davon zu singen, dass die Zeit verrinnt und die Liebe verwelkt. Von seinem eigenen Trennungsalbum „Blood on the Tracks“ spielt er „Tangled up in Blue“. Auch in anderen Eigenkompositionen wie „Duquesne Whistle“ und „Long and Wasted Years“ geht es um das Festhalten an einer unerreichbaren Liebe, das dreckige Driften zwischen Hoffnung und Enttäuschung. „Die Liebe kotzt mich an“, fasst Dylan zusammen, „aber ich bin mittendrin.“

Viele Lieder durchweht Donny Herrons sentimentale Pedal-Steel-Gitarre. Für manche mag Dylan einen miserablen Dienstleister abgeben, weil er keine Ansagen macht, nicht mal ein einziges Wort ans Publikum richtig und Schnappschüsse mit dem Smartphone untersagt. Seine wunderbare Band und ihr Trost- und-Tränen-Sound aber begeistern. Bei „Early Roman Kings“ zitiert sie das raue Chicago-Blues-Riff von „Mannish Boy“, 1955 von Muddy Waters aufgenommen. Dylan war damals 14. „Die Fünfziger waren eine einfachere Zeit – zumindest für mich und meine damaligen Umstände“, schwärmte er mal. „Gefühle wie Trauer, Angst oder Unsicherheit schienen nicht zu existieren.“ Gut möglich, dass ihm die Musik von damals bis heute Geborgenheit verleiht.

Dann der Fan-Favorit „Desolation Row“. Figuren aus der Literatur- und Weltgeschichte irren durch das Chaos. „Bis auf Kain und Abel und den Glöckner von Notre Dame machen alle Liebe oder warten auf Regen.“ Quatsch oder preisverdächtig? Darüber stritt man schon 1965.

Dylan wollte nie ein Folk-Jesus sein, Autoritäten lehnt er ab. In „Ballad of a Thin Man“, das er als Zugabe spielt, verhöhnt er einen unsympathischen, dürren Typen, der mit seinen Ansichten ziemlich alleine dasteht. Ob es sich um einen Lehrer, Kritiker oder Politiker handelt, bleibt offen. Vielleicht ist das Stück ja ein Statement vom Nobelpreisträger zu Trump. Er muss gar keine neuen Protestsongs schreiben, Seine alten sind beängstigend aktuell. Beim Schlussapplaus versammeln sich Dylan und Band in der Bühnenmitte. Er steht breitbeinig da, nickt, und man meint ihn lächeln zu sehen. 

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