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Kultur Symposium zur Patenschaft von Niedersachsen und Schlesien
Nachrichten Kultur Symposium zur Patenschaft von Niedersachsen und Schlesien
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19:31 21.09.2010

Ein wissenschaftliches Symposium würdigt jetzt das 60-jährige Bestehen der Patenschaft von Niedersachsen und Landsmannschaft Schlesien. Aber ist diese Patenschaft so lange nach dem Krieg überhaupt noch sinnvoll?

Unbedingt, denn die vielen Nachkommen von Schlesiern, die heute in Niedersachsen leben, müssen wissen, woher sie kommen. Es ist doch nicht zu leugnen, dass Schlesien über Jahrhunderte zu Deutschland gehört hat und eine der reichsten Provinzen Mitteleuropas war. Das Wissen darum, dass Breslau einmal deutsch war, ist bei jungen Deutschen leider verschwunden – oder es wird aus Angst, dem Revanchismus Vorschub zu leisten, ausgeblendet. Dabei könnte Schlesien eine Art Brücke zwischen Deutschen und Polen sein. Dass zum Beispiel bei dem Symposium Forscher aus beiden Ländern zusammenkommen, gefällt mir sehr.

Wenn zwei Nationen streiten, geht es meist um Fragen der Zukunft. Deutsche und Polen aber streiten immer um die Vergangenheit – wie jüngst im Eklat um die Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach.

Es ging dabei um die Frage, wie es 1939 zum Ausbruch des Krieges kam. Tatsächlich ist unbestritten, dass Polen bereits im März mobilgemacht hat. Allerdings war das eine rein defensive Maßnahme, und das wurde damals auch in Berlin so eingeschätzt. Unter deutschen Revisionisten hat es dennoch eine unselige Tradition, daran zu erinnern, um einen Teil der Kriegsschuld gewissermaßen bei Polen abzuladen. Sie behaupten auch, polnische Nationalisten hätten 1945 darauf eingewirkt, dass die deutschen Ostgebiete zu Polen kamen. Dabei hatten polnische Nationalisten bei der Grenzziehung gar nichts zu melden.

Weil die Alliierten die Grenzen verschoben, ohne Polen zu fragen?

Alle heutigen polnischen Grenzen wurden im Alleingang von Stalin gezogen. In einem Moskauer Archiv habe ich eine Karte vom Sommer 1944 gefunden, in der er mit eigener Hand Polens Grenzen eingezeichnet hatte – zu diesem Zeitpunkt sollte Niederschlesien nach seinem Willen noch nicht zu Polen kommen. Das änderte sich erst Ende 1944. Auch seine neuen Pläne haben die Westalliierten bei der Potsdamer Konferenz nach Kriegsende dann nur noch abnicken können.

Ist es nicht gefährlich, das Thema Schlesien wiederzubeleben?

Nicht, wenn man offen diskutiert. In Polen wurde nach dem Krieg die deutsche Vergangenheit Schlesiens systematisch ausgelöscht. Sogar Schlösser wurden gesprengt – durch solche kulturellen Verbrechen ist das Land ärmer geworden. Damals gab es eine regelrechte Angst vor allen Spuren der Deutschen, das Thema war tabu. Doch vor Fakten sollte man keine Angst haben. Wenn viele junge Polen in Schlesien heute danach fragen, wer früher in ihrer Heimat gelebt hat, ist das auch ein Akt der Aufklärung. Denn in der kommunistischen Propaganda waren die früheren deutschen Ostgebiete nur „wiedergewonnene Westgebiete“ Polens. Dass dies eine Lüge war, ist in Polen noch nicht komplett aufgearbeitet.

Warum sollten sich Polen mit Schlesiens deutscher Geschichte beschäftigen?

Um dort heimisch zu werden. Viele Polen, die nach 1945 nach Schlesien kamen, wussten nicht, ob oder wie lange sie in dem fremden Land bleiben würden. Sie schlugen keine Wurzeln und nahmen ihre neuen Häuser innerlich nicht als ihr Eigentum an. Darum verfielen etliche Höfe. Bei Autofahrten innerhalb Polens kann man heute teils am Zustand der Häuser sehen, wo früher die altpolnische Grenze verlief. Oft schlagen deutsche Vorbesitzer die Hände über dem Kopf zusammen, wenn sie sehen, wie heruntergekommen ihre Häuser heute sind. Fatalerweise sagen sie dann: So schlampig sind die Polen eben. Doch wenn man mit Polen, die ihrerseits aus der heutigen Ukraine vertrieben wurden, in ihre alte Heimat fährt, erlebt man exakt die gleichen Reaktionen – auch sie sind entsetzt über den Verfall. Wer in einem Land lebt, muss dessen Vergangenheit annehmen, wenn er es gestalten will. Nicht nur in Schlesien.

Bogdan Musial wurde 1960 in Zentralpolen geboren. Wegen seiner Arbeit für die Gewerkschaft „Solidarnosc“ wurde er verfolgt und floh 1985 in die Bundesrepublik. Der inzwischen eingebürgerte Historiker veröffentlichte zuletzt „Stalins Beutezug“ (Propyläen, 512 Seiten, 26,95 Euro). Der Professor an der Kardinal-Wyszynski-Universität Warschau ist einer der Referenten beim zweitägigen Symposium „60 Jahre Patenschaft NiedersachsenLandsmannschaft Schlesien“ im Sparkassen-Forum Hannover. Eröffnet wird dieses am 23. September, 10.30 Uhr, von Innenminister Uwe Schünemann und dem Historiker Carl-Hans Hauptmeyer. Insgesamt sprechen mehr als ein Dutzend Experten aus Deutschland und Polen. Die Veranstaltung ist ausgebucht.

Interview: Simon Benne

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