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In Gütersloh und anderswo

Tanzkongress in Hannover In Gütersloh und anderswo

Beim Tanzkongress drehte sich alles um die Arbeit von Tanzschaffenden – egal, ob sie sich an festen Bühnen oder in freien Gruppen engagieren. Zum Schluss gab es noch einmal eine furiose Gala mit Aufbruchstimmung.

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„Geschichten, die ich nie erzählte“ – getanzte (Selbst-)Reflexion des Theaters Bielefeld.

Quelle: Lioba Schöneck

Hannover. Wie alles begann? In der Regel in der Ballettschule. Mit vier Jahren. Doch Tänzerkarrieren verlaufen durchaus auch über Umwege: Sie starten mit Volkstanz, Aerobic, Gymnastik oder auf der Straße mit Hip-Hop oder Breakdance. Der erste Erfolg als Profi bleibt stets in besonderer Erinnerung. Da überstrahlt dann selbst ein Ort wie Gütersloh große internationale Bühnen. Das sind „Geschichten, die ich nie erzählte“. In seiner gleichnamigen Choreografie lässt Bielefelds Tanzchef Simone Sandroni seine Ensemblemitglieder ihre Biografie vertanzen. In Hannover war daraus jetzt nur ein rund zehnminütiger Ausschnitt zu sehen, doch er passte perfekt zum Abschluss des diesjährigen Tanzkongresses.

Die Tanzsparte des Bielefelder Theaters bestritt den Auftakt einer Gala im hannoverschen Opernhaus, bei der zwölf Stadt- und Staatstheater Auszüge aus aktuellen Tanzproduktionen präsentierten. Die freie Szene blieb bei diesem Best-of an deutschlandweiten Choreografien aus den vergangenen zwölf Monaten zwar außen vor, doch Sandronis Beitrag macht noch einmal deutlich, worum es bei diesem Tanzkongress im Kern ging: um die Arbeit von Tanzschaffenden – egal, ob sie sich an festen Bühnen oder in freien Gruppen engagieren. Diesen Gegensatz gibt es nicht mehr in einer Zeit, in der große Compagnien Stücke an freie Künstler vergeben oder diese als Tanzchefs an festen Häusern angedockt sind. Daran hat sich auch das Workshop- und Vortrags-Programm für das Fachpublikum orientiert, das mit mehr als 800 Besuchern die Erwartungen der Organisatoren von der Kulturstiftung des Bundes, die mit rund tausend Besuchern gerechnet hatten, nur knapp verfehlte.

Die Rahmenveranstaltungen mit Tanzdarbietungen auf den verschiedenen Bühnen der Stadt waren mit rund 5500 Zuschauern ebenfalls gut besucht. Die Resonanz sei „ein schöner Beweis für die gewachsene öffentliche Aufmerksamkeit des zeitgenössischen Tanzes“, sagte die künstlerische Leiterin der Stiftung, Hortensia Völckers, abschließend. Die Stiftung wolle sich auch weiterhin für eine „kraftvoll-dynamische Entwicklung des Tanzes“ einsetzen. Ob der viertägige Tanzkongress speziell für Hannover eine eigene Dynamik entfaltet hat, die dazu führt, Tanz künftig noch stärker im kulturellen Angebot zu verankern, ist noch nicht abzusehen. Kulturdezernent Harald Härke sieht nach dem Ende zumindest „Signale, die weit in die Zukunft den Tanz auch in Hannover nachhaltig beeinflussen werden“. Wenn das der Fall sein sollte, wäre das nicht zuletzt auch ein großer Verdienst des Staatsballetts unter Leitung von Jörg Mannes, das mit der Idee, sich um die Austragung des Kongresses zu bewerben, alles ins Rollen gebracht hatte. Das Opernhaus hat sich als großzügiger Gastgeber erwiesen und mit der Gala, aber auch dem fünfstündigen Eröffnungsprogramm, bei dem von der Garderobe bis zur Aussichtsterrasse alles bespielt wurde, für breit gefächerten Tanzgenuss der Spitzenklasse gesorgt.

Viel Lehrreiches, Überraschendes und Kritisches hatte dieser Tanzkongress für seine Besucher zu bieten. „Grenzüberschreitungen“ wollte er aufzeigen, was mit der Einladung von solch eher polarisierenden Choreografen wie Boris Charmatz oder Guilherme Botelho auch gelungen ist. Doch Tanz ist auch dazu da, um zu verzaubern. Zu viel Kopflastigkeit ist sein Tod. Gut, dass die Gala mit einem Stück Magie ausklang: „Lucid Dream“ von Marco Goecke, Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts, ist mit seiner explosionsartigen Körpersprache selbst als kleiner Ausschnitt eine Gefühlssensation. Eben ganz so wie ein Wachtraum, bei dem auch Grenzen überschritten werden.

Von Kerstin Hergt

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