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"20 Dancers for the XX Century" Lauf, Kundschaft

Zum Auftakt des von der Kulturstiftung des Bundes initiierten Tanzkongresses am Donnerstag in der Staatsoper Hannover haben die Organisatoren dafür gesorgt, dass das Publikum hautnah zu spüren bekommt, wie anstrengend Tanz sein kann.

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Tanz in jeder Ecke - bei „20 Dancers for the XX Century“ von Boris Charmatz.

Quelle: Nyima Leray

Profitänzer sind Leistungssportler. Ausdauer und Konzentration sind ihr Handwerkszeug. Viel Kraft und Energie braucht es, um die Illusion zu vermitteln, dass der menschliche Körper die Gesetze der Schwerkraft auszutricksen vermag. Der Zuschauer sieht in der Regel nur das perfekte Ergebnis harten Trainings, wenn er, entspannt zurückgelehnt im Theatersessel, Bewegungskunst auf der Bühne verfolgt. Zum Auftakt des von der Kulturstiftung des Bundes initiierten Tanzkongresses am Donnerstag in der Staatsoper Hannover haben die Organisatoren dafür gesorgt, dass das Publikum hautnah zu spüren bekommt, wie anstrengend Tanz sein kann.

Beim „Public Warm-up“ auf dem Opernplatz, dem ersten Teil des fünfstündigen Eröffnungsprogramms, sind viele Teilnehmer noch hoch motiviert, einmal selbst Arabesken und Kapriolen auszuprobieren. Ein paar Hundert Menschen biegen, beugen und strecken sich zu den Anweisungen von Boris Charmatz, der im Schnelldurchlauf unterschiedliche Tanzstile durchgeht. Der französische Choreograf, der für expressiven Konzepttanz steht, führt auch im weiteren Verlauf des Abends Regie. Im zweiten Teil belagern „20 Dancers for the XX Century“ die Foyers, Flure und Treppenaufgänge des Opernhauses. Jeder hat seine eigene Ecke, in der er Ausschnitte aus Arbeiten weltberühmter Choreografen oder selbst kreierte Tanzszenen präsentiert.

Treiben und staunen lassen

Charmatz‘ Idee von einem „Museum des Tanzes“, das quicklebendig hundert Jahre Tanzgeschichte dokumentiert, geht auf: Das Publikum lässt sich treiben, bestaunt im ersten Rang eine furiose Schrittfolge von William Forsythe (Fabrice Mazilah), um dann ein Stockwerk tiefer kurz bei Vaslav Nijinskys „Nachmittag eines Faun“ (Emmanuelle Huyhn) zu verweilen und weiter auf die Terrasse zu schlendern, wo der „Krumping“-Spezialist Dominant Namek zu „Purple Rain“ von Prince tanzt. Ein großer Teil der Laufkundschaft hält schließlich bei Karine Seneca inne.

Wer aus Hannover kommt, kennt die Französin noch als Solistin im Staatsballett von Jörg Mannes. 2012 verabschiedete sich die heute 45-Jährige von der großen Bühne und ging zurück in ihre Heimatstadt Cannes, wo sie erst vor Kurzem ihre eigene Ballettschule eröffnet hat. Für ihr kleines Gastspiel beim Tanzkongress band sie drei ehemalige Kollegen des Staatsballetts ein, um charmant und kurzweilig den Tanzstil von Balletterneuerer George Balanchine zu erläutern. Anschließend forderte sie das Publikum zu einer kleinen Trainingseinheit für die Arme auf - mit Flanieren und Schauen ist es eben nicht getan bei dieser Tanztour. Doch dafür fällt die Distanz zwischen Publikum und Künstlern.

Besuch der alten Dame

Selbst die große alte Dame des deutschen Tanztheaters, Reinhild Hoffmann, wirkt alles andere als unnahbar und plaudert nach ihrer Performance angeregt mit einzelnen Zuschauern. Die Ukrainerin Olga Dukhovnaya beweist darüber hinaus, dass das einst von Michel Fokine für die legendäre Ballerina Anna Pavlova kreierte Solo des sterbenden Schwans auch nichts an Eleganz und berückender Schönheit einbüßt, wenn man es in wild gemusterter Nike-Sporthose und Laufschuhen inmitten von Menschen tanzt, die im Schneidersitz auf dem Fußboden hocken.

Doch so viel Erkenntnis macht erst mal satt. Unglücklich ist daher, dass sich an den langen Abend um 22.15 Uhr noch ein 60-minütiges Stück von Charmatz reiht. Für „Manger“ (französisch für „essen“) müssen die rund 400 verbliebenen Gäste mit auf die große Opernbühne, wo sie beständig dazu gezwungen sind, um die an unterschiedlichen Stellen positionierten Akteure zu kreisen, damit sie nichts verpassen. Das ist anstrengend. Zumal auch das Stück schwer verdaulich ist: Die Tänzer stopfen unentwegt Esspapier in sich hinein, spucken es teilweise wieder aus, um es sich erneut in den Mund zu schieben. Nebenbei singen sie, schreien und winden sich, als plagte sie Bauchweh. Man kann nicht essen, wenn man singt, und nicht tanzen, wenn man isst. Charmatz mag nach eigenen Angaben solche Widersprüche. Dem Publikum schmeckt es eher nicht. Ein Großteil der Zuschauer geht bereits vorher. Der Rest applaudiert geradezu erleichtert, nachdem der letzte Schnipsel vertilgt ist.

Am Sonnabend starten jeweils um 19 Uhr Felix Landerers „Revolte“ im Ballhof Eins und Guilherme Botelhos „Antes“ in der Orangerie. Rachid Ouramdanes „Tenir le Temps“ beginnt um 20.30 Uhr im Schauspielhaus, und um 21 Uhr folgt in der Eisfabrik Maura Morales mit „Stadt der Blinden“. Morgen, Sonntag, ist um 19.30 Uhr der Abschluss mit „Update“ in der Oper. Karten unter (05 11) 12 12 33 33.

Von Kerstin Hergt

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