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Der andere Körper

Tanztheater International Festival Der andere Körper

Dreißig Jahre sind eine sehr lange Zeit für ein Festival. Tanztheater International, das 1985 zum ersten Mal in Hannover über die Bühnen ging, gehört mittlerweile zu den traditionsreichsten Tanzfestivals der Welt. Aber muss man deshalb die Jubiläumsausgabe gleich mit einem Stück aus dem Seniorenheim beginnen?

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Abgedreht: Maria Carolina Vieira tanzt in Bodennähe und zeigt, wie das ist, wenn einem der eigene Körper fremd wird.

Quelle: Degtiarov

Hannover. Nein, aber dafür, dass die belgische Gruppe Peeping Tom mit ihrer Produktion „Vader“ das Festival eröffnete, gab es noch einen anderen Grund. Christiane Winter, die das Festival von Beginn an leitet, hatte sich entschieden, bei der Jubiläumsausgabe vor allem Gruppen einzuladen, die bereits mehrfach bei Tanztheater International zu Gast waren. Diese Selbstreflexivität zeugt nicht von Einfallslosigkeit, sondern von Selbstbewusstsein.

Warum auch sollte man erfolgreiche Gruppen nicht noch einmal einladen? Peeping Tom war insgesamt sechsmal beim Festival zu Gast, das letzte Mal vor drei Jahren. Damals tanzte die Gruppe um Franck Chartier und Gabriela Carrizo das Stück „For Rent“, auch das eine Auseinandersetzung mit dem Alter. „Vader“, das aktuelle Stück, ist eine große Produktion, viele Personen befinden sich auf der Bühne, die (angelehnt an die Bühnenbilder, die Anna Viebrock für Christoph Marthaler geschaffen hat) das Foyer einer selbst auch etwas in die Jahre gekommenen Seniorenresidenz zeigt. Diese Produktion ist zu groß für die Orangerie Herrenhausen, in der das Festival sonst meist eröffnet wurde. Also wechselte man ins Schauspielhaus. Und das passt. Denn Peeping Tom zeigt sehr schauspielerischen Tanz. Eine recht unterhaltsame Abfolge bunter Szenen aus dem Foyer einer Seniorenresidenz ist zu sehen. Es gibt viel Musik und viel Gesang, viel Slapstick, viele verblüffend artistische Bilder und erstaunlich wenig Tanz.

Oft sprechen die Tänzer auch. In einer berührenden Szene wirft ein beruflich sehr gestresster Mann seinem senilen Vater vor, dass dieser nicht vorbereitet sei, wenn er ihn im Altenheim besuchen komme; er sei nicht vernünftig angezogen und gegessen habe er auch nicht. Das muss alles noch gemacht werden – und wird dann eben von der Besuchszeit abgezogen. So ist das. So bitter. Später ist der Mann dann selbst einer der Alten im Heim. Er liegt auf dem Bett, ein Pfleger wäscht ihm den Körper. Manchmal zuckt der Alte bei einer Berührung zusammen.

In erschreckenden und manchmal auch komischen Szenen zeigt die Compagnie, wie es ist, wenn Ich und Körper sich voneinander entfernen, wenn der Körper das Andere, das Fremde ist. Einige Tänzer von Peeping Tom sind hochartistische Kontorsionisten, sie können ihren Körper extrem verdrehen. Hier ist das mehr als die Demonstration von Artistik, hier erschafft die Tänzerin, die mit ihrem Schuh kämpft, ein starkes Gefühlsbild der widerspenstigen Dingwelt.

Verblüffend war hier vieles: der elastische Tanz auf Knien, der gigantische Besen, der bedrohlich auch übers Publikum fährt, und auch der Gesang, der erst angenehm wohlklingend ist, dann heiser wird und am Ende erstirbt.

Eine Liebeserklärung

Zur Eröffnung des Festivals gab es viele Glückwünsche für Festivalchefin Christiane Winter – und einen Strauß mit 30 roten Rosen von Joachim Werren, dem scheidenden Generalsekretär der Stiftung Niedersachsen. Dieser floralen Liebeserklärung fügte er noch eine Erklärung hinzu: Die Stiftung Niedersachsen werde dem Festival auch in Zukunft „als verlässlicher Partner zur Seite stehen“. Das Festival (Etat: 340 000 Euro) wird nicht institutionell gefördert, sondern muss jedes Jahr neue Produktionsförderungen beantragen. Zu den wichtigsten Unterstützern gehören die Stadt Hannover, die Stiftung Niedersachsen, die Sparkasse Hannover und das Land Niedersachsen. Die 30. Ausgabe von Tanztheater International endet am 13. September. Bis dahin gibt es auf mehreren Bühnen in Hannover zwölf Produktionen zu sehen, darunter zwei deutsche Erstaufführungen und drei Uraufführungen. HAZ-Abonnenten zahlen gegen Vorlage ihrer AboPlus-Karte ermäßigten Eintritt.

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