Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Künstlerische Talentförderung
Nachrichten Kultur Künstlerische Talentförderung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 10.09.2015
Sprunghaft: David Blázquez’ Choreografie „Varh“. Quelle: Thomas Ammerpohl
Hannover

Choreografen haben mit Dirigenten eine entscheidende Arbeitsgrundlage gemeinsam: Sie können nur arbeiten, wenn Musiker, wenn Tänzer mit ihnen arbeiten. Und dabei gilt: je mehr, je besser. Deshalb haben es Dirigenten zu Anfang ihrer beruflichen Laufbahn recht schwer. Hallo, wo geht’s zum nächsten Orchester? Und Choreografen sind um keinen Deut besser dran. Sie benötigen erst einmal ein Ensemble, um zu zeigen, was sie können.

Deshalb haben sich das Ballett der Staatsoper Hannover und das Festival Tanztheater International vor vier Jahren ihr gemeinsames Künstlerresidenz-Programm ausgedacht. „Think Big“ verhilft zu einem Denken und Arbeiten im größeren Maßstab, es gewährt drei jungen Choreografen eine stattliche Truppe – fünf Tänzerinnen, fünf Tänzer – samt mehrwöchiger Probenzeit, an deren Ende dann eine eigene Tanzproduktion steht.
Die drei Glücklichen in diesem Jahr heißen Mélanie Lomoff, Andrew Skeels und David Blázquez; Lomoff stammt aus Caen in der Normandie, Skeels aus Montreal und Blázquez aus Don Benito, einem Städtchen in der Extremadura. Der Spanier gehört in Hannover seit Jahren zur Compagnie von Jörg Mannes, des hannoverschen Balletchefs, der mit Festivalchefin Christiane Winter der „Think Big“-Jury angehört. Am Freitag, 4. September, wurden die jeweils knapp 30-minütigen Tanzstücke der Ausgewählten im Rahmen des zehntägigen Tanztheater-Festivals in der Musikhochschule uraufgeführt. Es war ein Abend mit drei völlig unterschiedlichen Bewegungssprachen.

Lustvolle Musik und funkelnde Choreografie

Blásquez’ Choreografie funkelt wie ein Swarovski-Diadem. Schon beim ersten Bild will man nicht so recht glauben, was man sieht: nackte Rückenansichten in bizarren Bewegungsabläufen – ein bisschen Erdmännchen, ein bisschen Vogel Strauß. Eine raffinierte Lichtregie lässt immer neue Zeichnungen entstehen. Vielleicht sind sie als Hommage auf Marko Goecke gedacht, den Hauschoreografen des Stuttgarter Balletts, der vor einiger Zeit mit seiner verstörenden Bewegungskunst auch an der hannoverschen Oper gastierte. Und bei dem Blázquez auch schon tanzte. In einer weiteren Sequenz wird roboterhafte Beziehungslosigkeit zitiert. Aber auch das Gegenteil überrascht: clowneskes Powackeln.

Die Musik ist nicht minder lustvoll: ausgewählt aus dem Repertoire des Schweizer Elektromusikers d’incise, des türkisch-armenischen Arto Tuncboyaci­yan (seine Spezialität: Bierflasche als Blasinstrument) und des hannoverschen Weltmusikers Manuel Hoge. Wer Grenzen ablehnt, muss David BlázquezChoreografie mit dem geheimnisvollen Titel „Varh“ mögen.
Bei den Choreografien von Mélanie Lomoff und Andrew Skeels geht es deutlich strukturierter zu. Die Französin wählt für ihre Choreografie „Do you really think it’s gonna come by itself?“ (etwa: Glaubst du wirklich, dass es von selbst kommt?) Franz Schubert als musikalisches Arsenal, ein Klavier, aber auch „Meine Ruh’ ist hin, mein Herz ist schwer …“. Die Körper der Tänzer isolieren und finden sich, immer öfter fallen sie aber auch aus ihrer professionellen Spannung und bewegen sich, als ginge es vom Probenraum ins nächste Café. Am Ende des Abends, wenn Jörg Mannes die drei Jungchoreografen auf der Bühne vorstellt, nennt Lomoff ihren künstlerischen Anspruch: Sie wolle den Tänzer auch als Menschen zeigen.

Andrew Skeels hat sich dem „Big Flow“ verschrieben und illustriert Beethovens Klaviertrio B-Dur, indem er seine Tänzer jedes Pianissimo, jedes Pizzicato aufsaugen lässt, schwammartig, und um sogleich das Gefühl jeder Phrase weiterzuleiten. So entstehen lyrische Bilder. Klangschön – körperschön. Und das Publikum im voll besetzten Saal bejubelte drei starke Argumente für diese exzellente Art künstlerischer Talentförderung.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur Alle Augen auf "The Danish Girl" - Startrubel beim Filmfest Venedig

Für Autogrammjäger war es ein gutes Wochenende. Immerhin gab es auf dem Lido so manchen Oscar-Preisträger zu sehen. Auf der Leinwand herrschte dagegen meist ein Gefühlschaos.

06.09.2015
Kultur Der König der Maßlosigkeit - Karl Lagerfeld wird ungefähr 80

Als Fashion-Guru bestimmt er die Welt der Mode. Jeder kennt seinen Namen und weiß, was er macht. Als Mensch bleibt Karl Lagerfeld ein Rätsel – so wie sein Geburtsdatum.

06.09.2015
Kultur Zinnober-Kunstvolkslauf - Die Kunst der Beschränkung

Der Zinnober-Kunstvolkslauf demonstriert vielerorts das Potenzial der Kunst in Hannover. Man darf anspruchsvoll sein. Und muss dabei sorgfältig auswählen, um vom in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweiteten Angebot weder erschlagen noch enttäuscht zu werden.

Daniel Alexander Schacht 05.09.2015