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Kultur Teufelstrillerkonzert und Baumwollmühlenblues
Nachrichten Kultur Teufelstrillerkonzert und Baumwollmühlenblues
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16:41 29.10.2014
Von Rainer Wagner
Quelle: Surrey
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Hannover

Seit zehn Jahren bemüht sich der hannoversche Ableger dieser von Sir Yehudi Menuhin gegründeten gemeinnützigen Organisation erfolgreich darum, Musik zu den Bedürftigen zu bringen und damit zugleich junge Musiker zu fördern. So konnten in hiesigen Heimen und Hospizen, in Schulen und Bildungszentren Musiker auftreten, die mittlerweile eine staunenswerte Karriere gemacht haben. Allen voran der Pianist Igor Levit, der 2008 Stipendiat von LMN war und seinen jetzigen Auftritt auch dazu nutzte, noch einmal an die Förderfreudigkeit der hannoverschen Musikfreunde zu appellieren. Die hatte, gewohnt eloquent zwischen Empathie und Hartnäckigkeit changierend, zu Beginn schon Cornelia Rimpau beschworen, die rührige Vostandsvorsitzende von LMN.

Man konnte sich da schon mal den Titel der einleitenden Mozart-Ouvertüre zu „Cosí fan tutte“ zu Herzen nehmen: So machen’s, hoffentlich, alle. Als Gastdirigent trat Gustavo Gimeno an, einer jener jüngeren Dirigenten, die seit geraumer Zeit unter verschärfter Beobachtung stehen, weil von ihnen noch viel erwartet wird. In Physiognomie und Dirigierstil ein wenig dem jungen Riccardo Muti ähnelnd, gab er der NDR Radiophilharmonie klare Vorgaben, musste sich im weiteren Abend aber vorzugsweise auf die Rolle des Partners konzentrieren (und machte das später bei Beethoven sehr gut).

Die nicht von Mozart selbst stammende C-Dur-Messe nach Motiven aus „Cosí fan tutte“ ist ein eher kurioses Stück. Es wird kaum aufgeführt, weil es doch immer „nach Mozart“ klingt. Allerdings hat es einen gewissen Reiz, wie der unbekannte Bearbeiter in einem kompositorischen Exorzismus die Frivolität der Mozart-Oper eingedämmt hat. Die NDR-Radiophilharmonie und ein zwar nicht ganz ausgewogenes, aber doch engagiertes Solistenquartett musizierten das im forschen Zugriff von Gustavo Gimeno durchaus ernsthaft. Doch richtig spannend wurde es erst nach der Pause.

Erst präsentierte die Geigerin Alexandra Conunova-Dumortier, die 2011 Stipendiatin von LMN war, eine sentimentgewürzte, aber gottlob nicht gespreizte Version von Beethovens 2. Violinromanze. So vibratoselig hatte man die Siegerin des Internationalen Violinwettbewerbs Hannover 2012 gar nicht in Erinnerung. Sie nahm die Anweisung „cantabile“ sehr ernst und sparte nicht an süßem Ton. Das war nichts für Diabetiker, hatte aber seinen eigenen Charme.

Noch eigensinniger ging es mit Beethoven weiter, denn Igor Levit spielte dessen Es-Dur-Klavierkonzert so konturenscharf, so konzis und konzentriert, wie man es selten hört – die NDR Radiophilharmonie und Gustavo Gimeno zogen pointiert mit.

Schon die einleitenden Klaviergirlanden, die die Eingangsakkorde des Orchesters umspielen, waren wie gemeißelt. Das Hauptthema hatte nicht nur Schwung, sondern schon verschärften Drive – und das es-Moll-Nebenthema war kaum Ruhepool, sondern eröffnete Blicke in einen Klangraum, der Geheimnisse verspricht, obschon Levit ihn hell ausleuchtete. Da reihen sich die Trillerkaskaden aneinander, als hieße das Stück Teufelstrillerkonzert. Levit beugt sich über die Tasten wie einst Glenn Gould, verzichtet aber auf dessen Exzentrik in Sachen Tempi. Hier heißt die Ansage im Kopfsatz: flüssig bis flott. Das Adagio, das sonst gerne in traumverlorenes Mondlicht getaucht wird, ist luzide wie ein Schattenriss. Und das Schlussrondo wirbelt zwar virtuos, aber Igor Levit lässt keinen Zweifel daran, dass wir hier noch in der Wiener Klassik sind, allerdings in einer, die durchaus Aufputschmittel kennt.

Das war gewiss stellenweise einseitig, aber immer spannend – auf weitere Beethovenkonzerte in seiner Interpretation darf, nein, muss man neugierig sein. Für dieses Heimspiel wurde der Solist gefeiert – und bedankte sich mit einer Zugabe, die allein schon den Besuch gelohnt hätte: Frederic Rzewskis „nordamerikanischer Ballade“ über das von Pete Seeger populär gemachte Arbeiterlied „Winnsboro Cotton Mill Blues“. Das ist aberwitzige Musik, lautmalerisch in der Schilderung von Fabriklärm (Ellbogeneinsatz des Pianisten inklusive) und neutönend gespiegelt auch hymnisch.

Ein starker Auftritt. Und großer Jubel.

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