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Kultur „The Social Network“: Das Leben des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg
Nachrichten Kultur „The Social Network“: Das Leben des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg
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15:52 09.10.2010
Von Stefan Stosch
Netzwerker mit Kommunikationsproblemen: Jesse Eisenberg als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Quelle: Sony Pictures
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Wie muss man sich jemanden vorstellen, der 500 Millionen Freunde hat? Na ja, oder zumindest jemanden, der ein Netzwerk geschaffen hat, in dem eine halbe Milliarde Menschen Mitglied sind, die gerne den Begriff „Freund“ füreinander verwenden? Das müsste doch ein sozialer Typ sein, dem am Wohlergehen anderer gelegen ist.

Und nun der Auftritt von Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg), noch Harvard-Student und in naher Zukunft Gründer von „Facebook“: Zu Filmbeginn sitzt er mit seiner Freundin Erica (Rooney Mara, die neue Lisbeth Salander im US-Remake der Stieg-Larsson-Trilogie) im Restaurant und quatscht sie in Grund und Boden. So viel Konkurrenzangst und Minderwertigkeitskomplexe trägt er in seinem Kopf mit sich herum, dass für Erica kaum noch Platz mehr darin ist. Der Mann hat etwas beinahe Autistisches an sich, aber Vorsicht: Er nimmt übel.

Erica macht noch im Restaurant mit dem unverträglichen Typen im Kapuzenpulli Schluss. Zuvor gibt sie ihm eine Erkenntnis mit auf den Weg: „Mark, du wirst bestimmt ein berühmter Computerunternehmer. Und du wirst immer denken, dass die Mädchen dich nicht leiden können, weil du ein Nerd bist. Aber das ist nicht wahr. Sie können dich nicht leiden, weil du ein Arschloch bist.“

Zwei unterhaltsame Kinostunden lang erleben wir in Finchers genauso brillantem wie boshaftem Film, dass Erica recht hat. Noch in derselben Nacht hockt Zuckerberg in seiner Studentenbude und baut aus Rache eine Website, auf der die Attraktivität von Havard-Studentinnen miteinander verglichen wird. Die Zugriffe auf dieses Frauenranking sind so zahlreich, dass das Uninetz zusammenbricht.

Später wird der unaufhaltsame Aufstieg des Mark Zuckerberg gesäumt von Gerichtsprozessen, die die in Rückblenden gestückelte Biografie geschickt strukturieren. Zuckerberg bekriegt sich mit seinem besten – nein: mit seinem einzigen – Freund Eduardo Saverin (Andrew Garfield), den er aus der Firma ausgebootet hat, und auch mit zwei aristokratischen Sprösslingen, den Winklevoss-Zwillingen Cameron und Tyler (gleich beide gespielt von Armie Hammer), die ihn des geistigen Diebstahls bezichtigen.

So erzählt „The Social Network“ nebenbei auch von der Entstehung einer neuen Wirtschaftselite, gegen die andere Geschäftemacher alt aussehen. Das wird erst recht deutlich werden, wenn in zwei Wochen Oliver Stones Finanzthriller „Wall Street 2“ in die Kinos kommt. Ist womöglich doch der Internetmilliardär eine überlebensfähigere Variante als der Brokermilliardär?

Unentwegt wird geredet in „The So­cial Network“ – aber so pointiert, dass es eine Lust ist. Das Drehbuch schrieb ­Aaron Sorkin, zuständig auch für die Fernsehserie „The West Wing“. Selten hat man in jüngster Zeit im US-Kino so kluge, rasante und auch vieldeutige Dialoge gehört, in denen Worte wie Waffen den Kontrahenten niederstrecken.

Eine besondere Note setzt Popstar Justin Timberlake als Napster-Erfinder Sean Parker. Zuckerberg holt den überdrehten Aufschneider in die Firma, weil Parker ihm nicht nur Millionen-, sondern Milliardengewinne prophezeit – der smarte Parker ist genau so, wie Zuckerberg gern wäre.

In der Wirklichkeit hat sich Parkers Zukunftsvision längst erfüllt: Heute ist der echte Zuckerberg mit 26 Jahren der jüngste Milliardär in den USA. Apple-Chef Steve Jobs hat er mit seinem Vermögen schon überflügelt.
Fincher zählt zu den wichtigsten Regisseuren Hollywoods. Der 48-Jährige hat bislang eine unglaublich vielseitige Filmografie vorgelegt, in der die Vielzahl gestörter Helden heraussticht („Sieben“, „The Game“, „Fight Club“, „Zodiac“, „Der seltsame Fall des Benjamin Button“). In diese Reihe fügt sich Zuckerberg. Vorlage für den Film war Ben Mezrichs Buch „Milliardär per Zufall. Die Gründung von Facebook – eine Geschichte über Sex, Geld, Freundschaft und Betrug“, eine wenig wohlmeinende Beschreibung von Zuckerbergs Leben.

Der Facebook-Chef hätte Einfluss auf den Film nehmen können. Das Sony-Studio hatte ihm das Drehbuch zukommen lassen. Zuckerberg ließ nichts von sich hören, machte auch keine Persönlichkeitsrechte geltend. Das hätte auch schlecht gepasst zu jemandem, der die Privatsphäre für überholt erklärt und sie auch bei den Nutzern seiner Internetplattform nicht sonderlich ernst nimmt.

Inzwischen ist er auf eine andere Idee verfallen, um sein angekratztes Image aufzuhübschen. Er hat US-Schulen eine Hundert-Millionen-Dollar-Spende zukommen lassen. Womöglich eine gute Investition: In den USA setzte sich „The Social Network“ an die Spitze der Charts. Nun wird sich zeigen, wie mächtig das gute alte Kino im Internetzeitalter noch ist. Schon jetzt wird „The Social Network“ mit Orson Welles’ Kinodrama „Citizen Kane“ verglichen, das die öffentliche Wahrnehmung des Zeitungszaren Randolph Hearst auf ewig geprägt hat.

Als die Gerichtsschlachten im Film beinahe geschlagen sind, sitzt Zuckerberg wieder einmal allein vor dem Computer. Er lädt die Facebook-Seite seiner Exfreundin Erica. Deutlicher lässt sich’s nicht zeigen: Grenzenlos einsam ist ausgerechnet der Mann, der die ganze Welt vernetzt hat – und dessen Erfindung womöglich doch kaum taugt, um Menschen wirklich zueinander zu bringen. Zuckerberg ist nur noch einen Mausklick davon entfernt, sich als virtueller Freund bei Erica anzumelden. Aber Ericas Freund im wirklichen Leben wird er niemals mehr werden.

Wie wird man Internetmilliardär? Brillant-bissige Biografie. Cinemaxx Raschplatz, Cinemaxx Nikolaistraße, CineStar.

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