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„The Suburbs“: Arcade Fire bringen drittes Album raus

Indie-Rock aus Kanada „The Suburbs“: Arcade Fire bringen drittes Album raus

Nach „Funeral" und „Neon Bible" bringen Arcade Fire ihr neues, drittes Album „The Suburbs“ raus. Die kanadische Indie-Rockband ließ sich drei Jahre Zeit dafür. HAZ-Redakteur Karsten Röhrbein hat in die 16 Lieder reingehört.

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Zu groß für die Vorstadt: Arcade Fire.

Quelle: Handout

Die Geschichte von „The Suburbs“ beginnt mit einer E-Mail. Dabei sind Win Butler E-Mails eigentlich suspekt. Genau wie Handys. Um nicht für jeden erreichbar zu sein, lässt er sein Telefon von Zeit zu Zeit gerne mal irgendwo liegen. Sein E-Mail-Postfach hingegen kontrolliert er oft. Seit seine Band Arcade Fire 2004 mit „Funeral“ eines der spektakulärsten Alben des Jahrzehnts vorgelegt hat, kommen schließlich nicht nur die Angebote der großer Plattenfirmen, die gleich in den Papierkorb wandern, sondern auch Mails von prominenten Fans. An jenem Tag war es aber keine Nachricht von Bono, David Byrne oder Chris Martin, die Butler in seinen E-Mails fand, sondern eine aus der Kindheit: Ein alter Freund aus Texas hatte ihm geschrieben und gleich noch ein Foto angehängt, das ihn samt Tochter vor dem Einkaufszentrum zeigt, in dem sich Butler als Teenager herumgetrieben hatte.

Weil seine Band gerade auf der Suche nach Ideen für neue Songs war, zögerte Butler nicht lange und verließ seine Wahlheimat Kanada, um zu sehen, was aus dem Ort wurde, an dem er aufwuchs: Was er in The Woodlands, einer Vorstadt von Houston, fand, war desillusionierend: Das Elternhaus war verwaist, der Garten verwildert, die Freunde waren fortgezogen. Nachdem Butler die Tristesse mit seiner Kamera festgehalten hatte, wurde er von einem Polizisten angehalten: „Sie zeigen ein verdächtiges Verhalten!“

Die Begegnung mit der Vergangenheit in der Vorstadt muss inspirierend gewesen sein: Arcade Fire hat „The Suburbs“ gleich ein ganzes Album gewidmet. Der gleichnamige erste Song gibt dabei die Richtung vor: Zu einer federnden Klaviermelodie schwelgt Butler in Erinnerungen an die ersten Autofahrten durch die Straßen seiner Jugend. Doch die Erinnerungen werden überlagert von der düsteren Ahnung, dass die Idylle vergänglich ist und die Siebziger-Jahre-Fassaden zum Einstürzen verdammt sind. Unwiederbringlich. „Verstehst du jetzt, warum ich eine Tochter haben möchte, solange ich noch jung bin?“, fragt Butler in dem anrührenden Titel – und gibt sogleich die Antwort. „Ich möchte ihr etwas Schönes zeigen, ehe all der Schaden angerichtet wird!“

Dass die Band, deren Alben auch immer ein Statement zum Zustand der US-Gesellschaft waren, sich nun dem Niedergang der Provinz widmet, ist nicht das Einzige, was an „The Suburbs“ irritiert: Die 16 Songs verbindet keine musikalische Klammer mehr.

Das war bei „Neon Bible“ von 2007 noch ganz anders. Das Album war ein düsterer Monolith, eine bittere Anklage gegen Militär und Kirche. Titel wie „Intervention“ wurden nicht nur in einer zum Studio umgebauten Kirche aufgenommen, das Orgeldonnern und die opulenten Streichersätze verliehen ihnen auch einen unerhörten heiligen Ernst. „Neon Bible“ war eine Kathedrale errichtet aus Schmerz, in der auch religiös sonst Unbehauste Unterschlupf und Trost finden konnten.

Diese verstörende Ernsthaftigkeit zeichnete auch das Debüt „Funeral“ aus, das nicht nur für den „Rolling Stone“ zu den besten zehn Rockalben der Dekade zählt. Aufpeitschende, aufwühlende Titel wie „Rebellion (lies)“, gespielt auf so entlegenen Instrumenten wie der Drehleier, machten die Band über Nacht zu Stars der Independentszene.

Auf Orgeln und Drehleiern verzichten Butler, seine Frau Régine Chassagne und die übrigen fünf Musiker auf „The Suburbs“ vollständig, stattdessen sind neuerdings auch Synthesizer zu hören. Ihnen gelingt es allerdings nicht, die schwächeren von Butlers Texten so überzeugend zu transzendieren wie früher. Allzu genau darf man manchmal nicht hinhören, wenn der 30-Jährige das Warten auf die Post glorifiziert oder darüber sinniert, den Computer auszuschalten, um der Natur zu lauschen. Musikalisch hingegen gibt es viel zu entdecken auf „The Suburbs“, einem Album, das langsam, aber stetig wächst – wie das Unkraut in den verlassenen Gärten.

Arcade Fire: „The Suburbs“ ist soeben bei City Slang erschienen.

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