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Theaster Gates erhält Kurt-Schwitters-Preis

Auszeichnung der Sparkassenstiftung Theaster Gates erhält Kurt-Schwitters-Preis

Die Umwidmung von Geld- zum Musentempeln ist eines der zahlreichen Projekte, die Theaster Gates in seiner Heimatstadt Chicago angezettelt hat. Dafür wird der Künstler 2017 mit dem Kurt-Schwitters-Preis der Sparkassenstiftung ausgezeichnet.

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Künstler des „Redevelopment“: Theaster Gates.

Quelle: oh

Hannover. Draußen, über den Säulen der neoklassizistischen Bankfassade, prangt noch die Inschrift „Stony Island State Savings Bank“. Drinnen, in dem lange Zeit verwaisten Bankgebäude, wird jetzt eine Sammlungsschau afroamerikanischer Literatur sowie ­popartbunte Malerei aus den Vorstädten von Chicago gezeigt. Dort ist der Bau längst unter dem Namen „Stony Island Art Bank“ bekannt. Diese Umwidmung vom Geld- zum Musentempel ist eines der zahlreichen Projekte, die Theaster Gates in seiner Heimatstadt Chicago angezettelt hat - wofür der Künstler 2017 mit dem Kurt-Schwitters-Preis ausgezeichnet wird. In der Jurybegründung heißt es, Gates aktiviere mit seinen Arbeiten „sozialpolitische Energien“.

In der Tat. In Chicago überführte der 43-Jährige, den die Jury als Skulptur-, Performance- und Installationskünstler einstuft, den Begriff der künstlerischen Intervention in neue Dimensionen: Außer der Umwandlung des Bankgebäudes in eine Kunsthalle hat Gates die Einrichtung eines afroamerikanischen Filmarchivs, von Bibliotheken und Buchläden in aufgelassenen Gebäuden sowie die Umnutzung von 32 Stadthäusern in Künstlerdomizile auf den Weg gebracht - ein ebenso raumgreifendes wie raumgestalterisches künstlerisches Vorgehen.

Kunst als Vorreiter der Gentrifizierung? Nun, von jenem Zuzug einer (neu-)reichen Gentry in künstlerisch aufgewertete Wohnquartiere, wie er in vielen anderen Metropolen zu beobachten ist, bleibt das krisengeschüttelte Chicago, das in einem halben Jahrhundert mehr als eine Million Einwohner verloren hat, weiterhin deutlich entfernt. Dort geht es, wie Gates auf seiner Internetplattform klarstellt, vielmehr um die Selbstorganisation einer unterprivilegierten Bevölkerung, um „Redevelopment“ durch und mit Kunst im Dienste neuer Lebensperspektiven.

Kunst und Leben zusammenzuführen, das war schon das Ziel der historischen Avantgardebewegung, deren hannoverscher Protagonist ja Kurt Schwitters ist. Der neue Preisträger steht also in der Tradition jener künstlerischen Avantgarde. Denn das Kunstwerk, das Theaster Gates vollbringt, besteht ja nicht darin, ein abgeschlossenes Exponat abzuliefern, sondern offene Netzwerke zu initiieren - wie sie hier der Stadtentwicklung dienen. Er lässt ein überkommenes Kunstverständnis daneben ziemlich alt aussehen. Und die von Joseph Beuys formulierte Idee vom Kunstwerk als einer „sozialen Plastik“ ganz schön aktuell.

Vernetzt zu denken und zu handeln, das ist für Theaster Gates, als neuntes Kind einer Lehrerin und eines Dachdeckers in einem Armenviertel von Chicago aufgewachsen, schon früh zum Erfolgsrezept geworden. Mit 26 Jahren hat er Chicagos Verkehrssystem im städtischen Auftrag mit künstlerischem Design versehen, davor hat er Stadtplanung in Iowa und Kunst im südafrikanischen Kapstadt studiert.

Bei der Documenta 2012 hat Theaster Gates Ausbau eines Kasseler Hugenottenhauses zum Kunstraum die Besucher beeindruckt, eine Einzelausstellung im Sprengel-Museum wird es nach Einschätzung seines Direktors Reinhard Spieler wohl erst 2018 geben. „Gates ist ein unglaublich innovativer, dabei sehr interdisziplinär und engagiert arbeitender Künstler“, sagt Spieler, der Mitglied der international zusammengesetzten Jury ist. Er will Gates auch für einen in Deutschland zu erarbeitenden Beitrag zur Ausstellung „Made in Germany“ im Jahr 2017 gewinnen. „Gerade seine sozial eingreifende Kunst kann ich mir sehr gut als Installation im öffentlichen Raum vorstellen.“

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