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Nachrichten Kultur Musical Hair gastiert im Theater am Aegi
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16:48 11.03.2018
Beim Musical „Hair“ geht es immer bunt und lässig zu. Quelle: r
Hannover

 Die Darsteller des Musicals „Hair“, die sich im Theater an Aegi vor Vorstellungsbeginn unter die etwa 800 Zuschauer mischen, sind leicht zu erkennen. Sie tragen zum Beispiel wallende, geblümte Kleider und Stirnbänder im langen Haar. Außerdem sind sie barfuß. Doch die Hippie-Folklore scheint sich nicht auf die Profis zu beschränken: Einige junge Frauen im Publikum haben sich dem Anlass angemessen verkleidet. Das wirkt bei den wenigsten authentisch, bei allen anderen ein wenig wie Karneval. Auch die Ankündigung des Musicals geht eher auf Distanz zur bevorstehenden Geschichte: „1968, die Zeit des freien Denkens – wir sind leidenschaftliche, nach Liebe suchende Hippies.“

Dass Regisseurin Kendra Payne es für notwendig hält, das im Tonfall eines Tierfilmkommentars zu erklären, sagt bereits viel über ihre Inszenierung des Stoffes, dessen Broadwaypremiere vor fast genau 50 Jahren stattfand. Ihre Figuren sind vor allem Esoterik-Spinner unter Drogeneinfluss. Als Menschen kommen sie dem Publikum kaum nahe. Wer Milos Formans dichte Verfilmung von 1979 im Hinterkopf hat, kommt ohnehin ins Straucheln. Die Musical-Geschichte ist deutlich einfacher erzählt, eher als Revue, deren spärliche Dialoge die wohlvertrauten Songs anmoderieren.

Auf der Bühne fehlt die Außenperspektive des Bürgersohns Claude, der hier schon überzeugter Hippie ist und sich nicht erst stellvertretend für das Publikum identifizieren muss. Alles Geschehen findet im ortslosen Hippie-Kollektiv statt, eine Reibung am gesellschaftlichen Kontext bleibt aus. Was im Film für Tragik und Gänsehaut sorgt, ist im Musical nur angedeutet. Es ist ein großer Unterschied, ob der Hippie Berger aus Naivität an Claudes Stelle in die Maschinerie des Vietnamkriegs gerät – oder ob Claude sich trotz seiner Angst bewusst für den Militärdienst entscheidet.

Wichtigste Botschaft bleibt aus

Die Botschaft der dramatischen Zuspitzung, die den Film einst zu einem pazifistischen Statement machte, bleibt aus: Der Krieg anonymisiert Menschen, ihre Menschlichkeit wird ausgelöscht. Doch auch mit dem ursprünglichen Musical-Stoff hätte Payne in einer zeitgenössischen Inszenierung ganz anders umgehen können. Aktuelle Bezüge gäbe es zuhauf. Kriege und globale Drohkulissen beherrschen die Nachrichten, totalitäre und autoritäre Systeme breiten sich aus. Liebe, Frieden, Freiheit und Glück, wie sie in „Hair“ beschworen werden, sind vielerorts auf dem Rückzug und die Jugend ist so angepasst wie schon seit langem nicht mehr.

Paynes Inszenierung beschränkt sich jedoch auf das seelenlose Vorführen eines bunten Retro-Zoos aus dem Klischeebaukasten. Hauptsache, alle singen und tanzen gut – was sie tatsächlich tun. Zwar wirkt die vierköpfige Band etwas lieblos in die Ecke gestellt, doch die Songs haben ausreichend Tempo und Kraft, um das Publikum mitzureißen. Davon abgesehen, wirkt die Inszenierung ziemlich provinziell. Die Kostüme sind frisch gebügelt, die Perücken offensichtlich und fast alle Achselhaare rasiert. Die berühmte Szene vor der Pause, in der alle Darsteller nackt auf der Bühne stehen, verschwindet verschämt im Dunkeln.

Der finale Song „Let The Sunshine In“, während dessen Claudes Kriegstod erzählt wird, pervertiert für den Schlussapplaus zur Mitklatsch-Hymne. Als wäre das nicht geschmacklos genug, macht auch der tote Claude wieder Späße am Bühnenrand, ein buntes Stirnband um seinen Militärhaarschnitt gebunden. Vielleicht war die Sache mit dem Tod ja nur ein Jux unter gut gelaunten Freunden. Beim Verlassen des Saals staut sich der Menschenstrom ein wenig. Direkt hinter der Tür ist eine junge Frau im Blümchenkleid und mit nackten Füßen stehen geblieben. Sie ist in ihr Smartphone versunken, um zu sehen, was sie in der wirklichen Welt verpasst haben könnte.

Von Thomas Kaestle

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